Pannenopfer Heidler: "Ich werde das nicht vergessen"
Aus London berichtet Michael Spandern
London - Kurz vor Mitternacht war es endlich offiziell.
Betty Heidler saß gerade vor einem Fernsehinterview in der Maske, als die Nachricht kam, dass sie im verrücktesten Wettkampf ihres Lebens ( Bericht) tatsächlich Bronze gewonnen hatte.
Auf über 77 Meter hatte sie den Hammer im fünften Versuch des olympischen Finale geschleudert, doch die Weite war zwar registriert, wollte aber einfach nicht auf der Anzeigetafel erscheinen - ein Übertragungsfehler.
Stattdessen trat bald darauf die Moldawierin Salina Marghieva in den Ring, deren Ergebnis von 72,34 Meter kurzzeitig Heidler zugeordnet wurde (DIASHOW: Bilder des Tages).
Mit der Fahne neben der Anzeigetafel
Erst eine Viertelstunde, nachdem die neue Olympiasiegerin Tatjana Lysenko aus Russland (78,18 m) ihren letzten Versuch absolviert und die vermeintlich drittplatzierte Chinesin Zhang Wenxiu (76,34 m) bereits eine Ehrenrunde gedreht hatte, tauchten endlich 77,13 Meter unter Heidlers Namen auf.
Und die gebürtige Berlinerin posierte wie eine Siegerin mit der Deutschland-Fahne neben der Anzeigetafel, auf die sie mit dem Finger zeigte. "Als das Ergebnis da stand, wo es längst sein sollte, sind mir Brocken vom Herzen gefallen", sagte Heidler SPORT1. "Das war ein krass emotionaler Moment."
Aber noch nicht das Ende des Bangens. Der chinesische Verband legte Protest ein, schließlich hatte Zhang ihre letzten beiden Würfe im Gefühl abgefeuert, Dritte zu sein ( SERVICE: Der Medaillenspiegel).
Erst als der abgeschmettert war (nebenbei wurde Heidlers Weite warum auch immer um einen Zentimeter nach unten korrigiert) hatte die zweite große Farce der Leichtathletik-Wettbewerbe von London ihr Ende.
"Ich weiß, was Lilli durchgemacht hat"
Wenige Tage zuvor war Siebenkämpferin Lilli Schwarzkopf vorübergehend Silber genommen worden, da sie mit einer blonden Russin verwechselt worden war, die im abschließenden 800-m-Rennen ihre Bahn verlassen hatte.
"Mein erster Gedanke war: ich solidarisiere mich mit Lilli", berichtete nun Heidler. "Wenn ich sie noch mal treffe, werde ich ihr sagen, dass ich weiß, was sie durchgemacht hat."
Wie Schwarzkopf waren auch ihr die die Glücksmomente im Stadion genommen worden. "Das war ein bisschen traurig, aber letztlich bin ich froh, mit einer Medaille nach Hause zu fahren."
Mitgefühl mit der Bronze-Verliererin
Ihr Dank galt den Kampfrichtern ("Sie haben alles getan, damit der Wurf ins System kam, und haben sich auch vielmals entschuldigt"), ihr Mitgefühl der Chinesin, die in den Katakomben von Journalisten erfuhr, dass ihr doch nur Blech blieb.
"Es tut mir total leid für sie", sagte Heidler. "Ich bin auch zweimal zu ihr hingegangen, um ihr das zu sagen, aber wir konnten uns ja nicht verständigen, da sie kein Englisch spricht."
Angesichts des technischen Defekts nach ihrem fünften Versuch, der Verzögerung und des falschen Zwischenstand sei der Wettkampf "doof gelaufen, schade". Ihr Trainer Michael Deyhle wurde deutlicher und nannte die Panne "hanebüchen. Das darf einfach nicht passieren, bei Olympia schon mal gar nicht." (KOMMENTAR: Wie bei den Bundesjugendspielen)
"Relativ schnell entspannt"
"Er hat noch mehr Nerven gelassen", glaubte die 28-Jährige, deren Ruhe und Besonnenheit in den bangen Minuten allseits Anerkennung fand.
"Ich wusste von meinem Trainer, wie weit der Versuch war, und habe mich relativ schnell entspannt", erklärte die Weltrekordlerin.
Trotz der Fehlschläge bei der EM im Juni und bei Olympia 2008 ging sie auch gelassen damit um, als Achte nur so eben den Cut vor den letzten drei Versuchen geschafft zu haben.
Geduldig bis zum großen Wurf
"In diesem Jahr war bei meinen Würfen viel Ausschuss", sagte sie SPORT1. "Aber ich wusste, wenn ich einen richtig hinkriege, geht der auch weit. Und ein Wurf, das ist das Einzige, was zählt." ( SERVICE: Der Olympia-Zeitplan)
Auch wenn es am Freitagabend ganz lange dauerte und die Siegerehrung um einen Tag verschoben wurde: mit dem Edelmetall sei nach Platz 4 in Athen und Platz 9 in Peking "ein Traum in Erfüllung gegangen".
Dennoch hakt die 28-Jährige das Drama nicht so einfach ab. "Das wird mir eine Lehre sein. Ich werde das nicht vergessen. Nächstes Mal bleibe ich im Ring stehen und warte, bis das Ergebnis angezeigt wird."
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