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Bitterer Abgang: Liu Xiang ist zusammen mit Yao Ming größter Sportstar Chinas © getty

Ein Land versinkt im Tränenmeer: Volksheld Liu Xiang kann sein Gold über 110 Meter Hürden nicht verteidigen. Sein Trainer weint bitterlich.

Peking - Als das "Gesicht der Spiele" von Peking im Schmerz erstarrte, gefroren nicht nur die Mienen der 91.000 Besuchern im Nationalstadion: In ganz China stand die Zeit still.

Liu Xiang, der angehimmelte Olympiasieger von Athen, versetzte das Land mit seiner Aufgabe im Vorlauf über 110 m Hürden in Entsetzen und Fassungslosigkeit.

Nach einem Fehlstart, den ein Konkurrent verursacht hatte, trat der 25-Jährige wegen einer Entzündung an der rechten Achillessehne nicht mehr an.

Mit Tränen in den Augen riss sich der größte Sportstar des 1, 3-Milliarden-Volkes neben dem Basketball-Riesen Yao Ming danach die Nummer vom Bein und humpelte in die Katakomben der Arena.

Lähmende Stille im "Vogelnest"

Der "Poster-Boy" der Spiele brach offenbar unter dem Erwartungsdruck einer ganzen Nation zusammen, eine kleine Sehne hielt der schier unvorstellbaren Last nicht stand.

Im Stadion verhallten die Anfeuerungsrufe "Jia You" (Auf geht's) binnen Bruchteilen von Sekunden und wichen lähmender Stille.

Kurz darauf begann das Publikum zu tuscheln, dann stand es auf und war in Windeseile verschwunden. Vor den Toren standen vielen Chinesen die Tränen in den Augen.

Tränenreiche Pressekonferenz

Wenig später brach auch Lius Trainer Sun Haiping, der am Vortag erstmals auf die Verletzung hingewiesen hatte, vor der Weltpresse in Tränen aus.

"Ich kann ihm nur ein Kompliment machen, dass er es trotz der Verletzung versucht hat. Liu hat geweint und war sehr deprimiert. Er hätte nicht aufgegeben, wenn es nicht unumgänglich gewesen wäre", sagte Sun, der Liu vor zwölf Jahren entdeckt hat. Die beiden verbindet eine Vater-Sohn-Beziehung.

"Ich hoffe, dass alle verstehen: Es ging nicht", ergänzte Feng Shouyong, Direktor des Chinesischen Leichtathletik-Verbandes. Die Entzündung an der Achillessehne sei am Samstag plötzlich akut und beim Aufwärmen am Morgen unerträglich geworden.

Liu ein Volksheld

Das Leben des Leichtathleten Liu, dessen Vorname Xiang für "Fliegen" steht, glich seit dem Überraschungs-Coup vor vier Jahren dem eines Popstars.

Sein Gesicht war vor den Spielen im ganzen Land zu sehen: auf Werbeplakaten für Sportschuhe, Cola, Autos und Nahrungsmittel. Sogar der umstrittene Zigaretten-Hersteller Baisha warb mit ihm. Das Magazin Forbes schätzte sein Einkommen 2007 auf 23,8 Millionen Dollar.

Bei einer Umfrage nach ihrem größten Traum hatte eine Million Chinesen gesagt, sie wünsche sich, Liu Xiang im Vogelnest zum Sieg fliegen zu sehen.

Das Land fieberte jenen 13 Sekunden entgegen, in denen Liu am kommenden Donnerstag ab 21.35 Uhr Ortszeit zu Gold holen sollte.

Druck von der Regierung

Als ob dies nicht genug Druck gewesen wäre, ließen Staats- und Parteiführung Liu und Trainer Sun im Vorfeld wissen, dass ihre bisherigen Triumphe bei einem Misserfolg wertlos seien.

Dabei sind sie einmalig in der chinesischen Leichtathletik. Liu war als erster Sportler aus dem Reich der Mitte zeitgleich Olympiasieger (2004), Weltmeister (2007) und Weltrekordler (2004 bis 2008/12,88 Sekunden).

Ein chinesisches Unternehmen wollte seine Beine mit rund 9 Millionen Euro versichern. Liu lehnte mit dem Hinweis ab, sie seien unbezahlbar.

Wucherung an der Ferse

In der Olympiavorbereitung deuteten sich dann Lius Verletzungsprobleme an, nachdem der aus Shanghai stammende Athlet im März noch Hallen-Weltmeister geworden war.

Ende Mai musste er wegen einer Zerrung der Oberschenkel-Muskulatur den Start beim Sportfest in New York absagen. Bis zu den Spielen bestritt er keinen Wettkampf mehr."Diese Verletzung war komplett verheilt", versicherte Funktionär Feng Shouyong am Montag.

Auch Gerüchte um Probleme an der Achillessehne gab es. Und Trainer Sun bestätigte, sie seien schon vor Jahren festgestellt worden. Sein Schützling habe am Übergang zur Ferse eine Wucherung am Knochen. "Und die ist zuletzt ziemlich groß geworden." Zu groß.

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