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DLV-Chefcoach Jürgen Mallow (l.), Sportausschuss-Chef Dr. Peter Danckert © imago

Nach der olympischen Superpleite der deutschen Leichtathleten keilt Chefcoach Mallow gegen DOSB, BMI und den Ex-Präsidenten zurück.

Peking - Deutschlands Leichtathleten waren in Peking "zahnlose Tiger" mangels ausreichender Unterstützung.

Fehlende finanzielle Mittel machten in einem Rundumschlag gegen den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) und das Bundesinnenministerium (BMI) Cheftrainer Jürgen Mallow und Vizepräsident Eike Emrich vom Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) für ihre Olympia-Minusbilanz verantwortlich.

Mallow nannte Verhaltensweisen von BMI und DOSB "arrogant, entwürdigend, hochnäsig und verantwortungslos".

Zudem bezeichnete Mallow den Ehren-Präsidenten Helmut Digel als "Dummschwätzer".

Mallow weist Digel-Kritik zurück

Dessen Kritik an zu wenig Leistungsdiagnostik und Vorwürfe gegen einige Trainer wies Mallow zurück: "Michael Deyhle hat Betty Heidler schließlich zur Weltmeisterin gemacht." Digel habe keine Ahnung, wie viel Diagnostik man mache.

Mallow nannte es ein "entwürdigendes Spiel", dass der DLV an das BMI Anträge schreiben müsse und ewig keine Antwort erhalte.

Selbst jetzt sei noch keine Zusage über den Etat für das laufende Jahr da. Entwürdigend sei auch, dass es da einen ganzen Tag lang Gespräche über Haushaltsmittel gebe, und am Ende erfahre man dann, dass alles schon festgelegt gewesen sei.

"DOSB ist arrogant und hochnäsig"

Mallow: "Der DOSB geht arrogant und hochnäsig mit uns um. Die wollen Medaillen und tun dafür nichts."

Mallow kritisierte auch, nach der Athen-Pleite mit zweimal Silber 2004 habe der damalige DSB die Förderung bis 2007 um jährlich 600.000 Euro reduziert: "Schwach abschneiden und deshalb schlechter gefördert werden, das war die innere Logik dieses Systems." Dies habe sich zum Glück geändert.

Obwohl die Mittel für den DLV im Jahr 2009 auf fünf Millionen Euro steigen sollen (Mallow: "Zuvor war es deutlich drunter"), sei dies deutlich zu wenig.

Vesper kündigt Gespräche an

Mindestens das Doppelte wäre notwendig, um konkurrenzfähig zu sein, erklärte Mallow: "Wir brauchen vernünftige Bedingungen. Wenn BMI und DOSB uns weiter im Regen stehen lassen, gewinnen wir künftig mit viel Energie und Glück mal eine Medaille.

Der Kritik am DOSB widersprachen dessen Generaldirektor Michael Vesper und Leistungssport-Direktor Bernhard Schwank. Vesper kündigte an, es werde in Kürze interne Gespräche darüber geben, wie die Situation im Verband weiter zu verbessern sei.

DLV-Präsident Clemens Prokop bestätigte, am Samstag in Peking schon Gespräche mit BMI-Vertretern über das Abschneiden des DLV und die Vorbereitung auf die WM 2009 in Berlin geführt zu haben.

Leistungsträger fielen aus

Der DLV hatte laut Mallow aber auch deswegen zu wenig Erfolg, weil im Vorfeld Diskus-Weltmeisterin Franka Dietzsch und andere Leistungsträger ausgefallen seien, sich in Peking andere wie Hammerwurf-Weltmeisterin Betty Heidler "zu wenig wettkampfstabil" gezeigt hätten.

Hinsichtlich der neu abzuschließenden Trainerverträge - alle alten laufen aus - kritisierte Emrich: "Irgendwie werden wir zwischen dem 15. November und 15. Dezember erfahren, welche Mittel wir zum 1. Januar 2009 haben werden."

Ein "Bermudadreieck"

Aber die künftigen Mitarbeiter müsse man Monate vorher verpflichten: "Das bringt uns in Abhängigkeiten. Es ist verantwortungslos, und wir müssen die Konsequenzen tragen."

Emrich, der von Zumutungen der Ministerialbürokratie sprach und Mallows Position auch "als die meine" bezeichnete, verglich das Verhältnis zwischen Bundesverwaltungsamt, Bundesinnenministerium und dem Bereich Leistungssport im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) deshalb mit einem "Bermudadreieck", in dem vieles auf der Strecke bleibe.

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