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Nicht nur bei DSV-Star Britta Steffen ist die Enttäuschung groß © imago

2000 war es die große Zuschauerkulisse. 2004 - das Höhenlager war falsch getimed. In Peking wird erneut nach Ausreden gesucht.

Von Wolfgang Kleine

Peking - Olympia 2000 war es die ungewohnt große Zuschauerkulisse, die die deutschen Schwimmer erschreckte. Thomas Rupprath erklärte unter den Eindrücken des Aquatic-Centers in Sydney: "Daran muss man sich erst gewöhnen."

Die Stars der anderen Nationen hatten keine Probleme und sahnten ab.

2004 in Athen: Dort war vor den Spielen das Höhen-Trainingslager in der Sierra Nevada nicht richtig getimed. Die DSV-Asse kamen zu spät ins Rollen, die Medaillenausbeute wurde dementsprechend mager.

2008 in Peking: Es geht schon wieder los. Die anderen sammeln Gold, die deutschen "Unterseeboote" nur Blech. Starke Ausreden statt großer Taten. Reihenweise schwimmen sie trotz spezieller Vorbereitung in Japan den Zeiten der Deutschen Meisterschaften hinterher.

Niemand erlebt zum Saisonhöhepunkt eine Leistungsexplosion.

Es droht ein Waterloo, die Alarmglocken schrillen. Die kühnsten Erwartungen werden hier im "Wasserwürfel" locker übertroffen.

Chefcoach und Sportwissenschaftler Dr. Örjan Madsen blickt meist ratlos und sagt: "Da muss ich erst die Schwimmer fragen, was los ist. Fest steht, sie sind derzeit nicht in der Lage, besser zu schwimmen."

So ratlos ist auch Britta Steffen nach dem Debakel mit der Freistil-Sprintstaffel. Nach Platz 5 erklärte die Medaillenhoffnung über 100 m Freistil: "Ich bin traurig und leer. Natürlich haben wir uns mehr erhofft."

"Ich habe mehr gewollt"

Und dann legt die 24-jährige Berlinerin nach: "Ich war selbst nicht sonderlich schnell. Ich habe mehr gewollt als ich zurzeit kann."

Madsen: "Britta hat die nötige Lockerheit gefehlt." Die erhoffte Einzelmedaille ist bei den Leistungen der Konkurrentinnen in Gefahr.

Mitfavoritin Sarah Poewe nach ihrem Scheitern über 100 m Brust: "Ich habe mich gut gefühlt. Aber es ging nicht. Aber die Atmosphäre hier ist gut."

War das Timing richtig?

Auch Helge Meeuw und Thomas Rupprath brachen im Vorlauf über 100 m Rücken ein.

Ex-Schwimmstar Christian Keller sagt als TV-Kommentator klipp und klar: "Man muss sich fragen, wenn die Athleten vor einer Woche beim Ausschwimmen schneller waren, ob das Timing des Trainings nicht gepasst hat?"

Woran liegt's bei den deutschen Schwimmern?

Doping:

Werden die DSV-Athleten "Opfer" der scharfen Kontrollen im eigenen Land? Haben die Schwimmer der anderen Nationen Kontroll-Vorteile?

Bundestrainer Manfred Thiesmann sieht die Superleistungen eines Überfliegers wie Michael Phelps mit "Argwohn". Gary Hall jr. beschuldigte viele internationale Topstars indirekt des Dopings. Der Amerikaner: "So viele Weltrekorde vor Olympia sind nicht nur auf die Wunderanzüge zurückzuführen."

Nicht nur Amerikaner, Niederländer, Japaner, wochenlang kasernierte Chinesinnen und Australier, selbst die Schweizer und Österreicher zeigen den Deutschen mit Klassezeiten, was Sache ist. Sie sind auf den Punkt da.

Trainer:

Die Deutschen haben keinen internationalen Ruf. Dirk Lange, der heute in Südafrika lebt, zu Sport1.de: "Nennen Sie mir doch mal einen außer Manfred Thiesmann, den man in der Schwimmwelt kennt. Da muss man lange überlegen."

Und just Thiesmann wurde durch die Allianz der Ost-Trainer aus dem Team ausgebootet. Er bekam schließlich das Angebot, auf Privatinitiative von Schwimm-Legende Michael Groß nach Peking zu reisen.

Nerven:

Bei den Deutschen weich wie Butter. "Beim Anschwimmen war ich so schnell wie noch nie, und dann dies. Ich kann es nicht fassen", sagt der entsetzte Meeuw.

Rupprath verschlampt schon am Start zwei Sekunden, ist aber offen und ehrlich:

"Das, was ich hier gezeigt habe, ist kein Leistungssport. Das ist eine Frechheit. Zwei Sekunden langsamer als bei den Deutschen Meisterschaften. Ich muss mich dafür bei allen entschuldigen, die sich vor den Fernsehschirm gesetzt haben, um uns hier zu sehen."

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