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Britta Steffen hält den Europarekord über 100 Meter Freistil © imago

Britta Steffen schwimmt im Finale über 100 Meter Freistil das Rennen ihres Lebens. Dann lässt sie ihren Emotionen freien Lauf.

Von Michael Schwartz

Peking/München - "Ich habe die letzten Meter nur die Libby (Lisbeth Trickett, Anm. der Redaktion) neben mir gesehen und wusste, eigentlich müsste ich vor ihr sein. Dann dachte ich, genieße diesen Augenblick. Denn er ist einfach einzigartig, ich bin ein super Rennen geschwommen, auch wenn ich keine Medaille gewonnen hätte. Dann habe ich mich zur Anzeigentafel umgedreht - und alles war schön."

Britta Steffen strahlte nach dem Rennen ihres Lebens. Sie lachte. Die sonst so schüchterte, in sich gekehrte Berlinerin präsentierte eine andere Seite von sich.

Locker, gelöst. Auf dem Höhepunkt ihrer Karriere.

Sieg vor Trickett

Britta Steffen ist am Ziel: Olympiasiegerin!

Am 15. August 2008 um 11.13 Uhr Ortszeit wurde in Peking ein Traum Wirklichkeit.

Nach 53,12 Sekunden Schlug die 24-Jährige auf Bahn sieben des Aquatic Centers in Peking an.

Vier Hundertstelsekunden vor der Australierin Lisbeth Trickett, die direkt über ihr geschwommen war, und 27 Hundertstelsekunden vor Natalie Coughlin aus den USA.

Nach dem Anschlag hielt sie für wenige Augenblicke inne, dann wanderte ihr erster Blick zur Uhr.

Dank an van Almsick

Steffen konnte es kaum glauben, reckte den Arm in die Höhe und rang kurz darauf nach Fassung. Als sie aus dem Becken trat, kam ihr Franziska van Almsick entgegen. Beide umarmten sich, Steffen hatte Tränen in den Augen. "Ich danke dir", sagte sie.

Beide sind seit Jahren befreundet, Franzi hatte Steffen einst nach Berlin zum gemeinsamen Trainer Norbert Warnatzsch gelotst.

Jubel in Berlin

Einige Tausend Kilometer entfernt in Berlin brachen da schon alle Dämme. Ihr Klub, die SG Neukölln, feierte im Ortsteil Britz eine rauschende Nacht. Untermalt von Musik, Löwentänzern, Kong-Fu-Kämpfern.

Mittendrin Steffens Freund Oliver Wenzel, der wegen der Beendigung seiner Diplomarbeit in der Sportwissenschaft nicht mit ins Reich der Mitte gereist war.

"Einzigartig! Ich freue mich, dass sie ihr Rennen gemacht und sich nicht von den anderen hat ablenken lassen, die so schnell angegangen sind", sagte Wenzel der "DPA".

Emotionen pur

Steffen grüßte ihren Olli via Bildschirm. Und die Eltern, Freunde. Sie ließ ihren Emotionen freien Lauf.

Während der Siegerehrung kämpfte sie mit den Tränen. "Zwischen 'Papa, Mama, ich habe es geschafft' und 'ich habe es mir selbst bewiesen' waren alle Emotionen dabei", erzählte die Europarekordinhaberin später. "Es ist ein Wahnsinnsgefühl. Ich habe nie gedacht, dass mir dieser letzte Durchbruch gelingt."

Immer wieder Kritik

Viele Experten auch nicht. In den vergangenen Tagen wurde sie immer wieder kritisiert.

Weil sie nicht für die 4x200-Meter-Freistil-Staffel antrat. Weil sie nach dem ersten Staffel-Rennen über 100 Meter schon nach Ausreden gesucht hatte.

Weil sie sich zurückzog, auch gegenüber den Medien.

Tolle Aufholjagd

Plötzlich verstummen die Kritiker. Dabei sammelten sie während des Rennens bereits neue Munition.

Denn Steffen hatte sehr langsam begonnen. Bei der Wende nach 50 Metern war sie Letzte, fast eine Länge hinter Trickett. Die Medaille schien weg.

Doch die Berlinerin kämpfte und startete eine famose Aufholjagd. Meter um Meter kämpfte sie sich an das Feld und die Australierin heran.

Ihr Trainer hätte ihr geraten, keine Experimente einzugehen und nicht zu schnell anzuschwimmen. Die Rechnung ging auf.

"Wie in einem Traum"

"Es war ziemlich lustig, neben Lisbeth Trickett zu schwimmen. Ich wusste, dass sie sehr schnell angehen würde und dass meine Stärke eher auf der zweiten Bahn liegt. Am Ende bin ich mit Augen zu geschwommen und habe mich nicht ablenken lassen. Ich glaube, das habe ich ganz gut hinbekommen", erinnerte sich Steffen.

Nach dem Anschlag dann habe sie sich gefühlt "wie in einem Traum und dachte: gleich wachst du auf und musst die 100 m Freistil schwimmen".

Muss sie aber nicht. Sie ist Olympiasiegerin. Das kann ihr keiner mehr nehmen.

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