Paul steht mit dem Rücken zur Wand
Hallo Olympia-Freunde,
das Schöne ist doch: Wenn am ersten Tag alles in die Hose gegangen ist, dann kann es nur noch besser werden.
Mit Paul Biedermanns Ausscheiden über 400 Meter Freistil ( Bericht) haben die deutschen Schwimmer den ersten Dämpfer hinnehmen müssen. Woran hat es gelegen?
Aus der Ferne ist das schwer zu beurteilen. Die Frage ist, ob Paul das Rennen zu schnell angegangen ist.
Er ist per se bestimmt nicht schlecht in Form, vielleicht ist es aber die Kombination gewesen, die ihn scheitern ließ: Zu schnell angegangen, dazu das Rennen früh am Morgen, und es war auch das erste Rennen für ihn…
Von außen sieht das immer so leicht aus aus. Aber ich weiß genau, wie schwer es ist und mit welchen belastenden Gefühlen man da manchmal ins Becken steigt.
Als ich 1996 in Atlanta Bronze geholt habe über die 100 Meter Brust war das total anstrengend und hat insgesamt wirklich weh getan.
Was ich aber auch sagen muss: Wenn mit Paul Biedermann der Titelkandidat, auf den sich die gesamte Mannschaft stützt, im Vorlauf rausfliegt, dann trifft das die Mannschaft erst mal.
Man verlässt sich schließlich auf so starke Leute wie Paul - und wenn die es im ersten Rennen derart schwer haben und scheitern, dann hat das schon Strahlkraft.
Paul Biedermann wird das Ganze nun knallhart analysieren und dann abhaken. Bei seiner psychischen Qualität zieht ihn das sicher nicht runter. Er ist einer der konzentriertesten und coolsten Athleten, die ich kenne. Da wird wenig nach außen abstrahlen, auch wenn er natürlich enttäuscht ist.
Ich sehe auch keine Gefahr von Nebenwirkungen für seine Freundin Britta Steffen: Britta ist genauso fokussiert auf ihre Sache. Und beide sind Weltklasse-Sportler, die das Ruder rumreißen können.
Paul steht nun jedoch mit dem Rücken zur Wand - ich hatte diese Situation immer sehr gern, denn dann hat man nicht mehr viel zu verlieren, was mich immer motiviert hat.
Generell bin ich ehrlich gesagt erschrocken, wie schnell die alle sind und was für Zeiten die hinlegen. (DIASHOW: Bilder der Eröffnungsfeier)
Ich sage es mal vorsichtig: Ich finde es pervers, wie man 400 Meter so schnell durchschwimmen kann - das Niveau hat sich derart erhöht, dass man sich einen schläfrigen Vorlauf nicht mehr erlauben kann.
Bei Olympischen Spielen war es jedoch immer so, dass neue Leute plötzlich erstmals ihre Klasse demonstrieren.
Ich weiß nicht, ob deshalb nun eine neue Zeiten-Spirale nach oben einsetzt: Man hängt ja gerade über die 400 Meter Freistil den früheren Anzug-Weltrekorden hinterher. Paul Biedermann kam mit den Anzügen ausgesprochen gut klar, aufgrund seiner Statur.
Es ist ohnehin klar, dass es die deutschen Schwimmer sehr schwer haben werden. Die ein oder andere Überraschung dürfte es geben, vielleicht auch aus der zweiten Reihe. Die hat dann aber vielleicht nicht unbedingt etwas mit Medaillen zu tun, sondern mit persönlicher Zeitenentwicklung.
Das Problem: Man kann im Schwimmen gegen die Konkurrenz wenig ausrichten. In anderen Sportarten kann ich dem Gegner einen vor die Mappe hauen und damit gewinnen.
Im Schwimmen kann ich mit dem Gegner taktieren, aber nicht darüber bestimmen, ob der nun gut drauf ist oder nicht. (Tagesplan 28. Juli)
Die Deutschen müssen deshalb schauen, dass sie ihre eigenen Zeiten bringen: Wenn das gelingt und in der Vorbereitung nicht allzu viel falsch gelaufen ist, haben wir hier und da noch ein paar gute Chancen.
Doch wir gehören nicht mehr zu den führenden Schwimm-Nationen - das war schon vorher klar.
Bis zum nächsten Mal,
Euer Mark Warnecke
Mark Warnecke, 42, ist ehemaliger deutscher Schwimmer und arbeitet inzwischen als Arzt. Als 35-Jähriger gewann er 2005 bei der WM in Montreal die Goldmedaille und ist damit der älteste Weltmeister in der Geschichte des Schwimmsports. Warneckes größter Erfolg war Bronze über 100 Meter Brust bei den Olympischen Spiele 1996 in Atlanta. Für SPORT1 analysiert der gebürtige Bochumer als Kolumnist das Schwimmgeschehen bei den Olympischen Spielen in London.
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