Talente werden systematisch im Keim erstickt
Hallo Olympia-Freunde,
wenn nicht noch etwas Außergewöhnliches passiert, bin ich in einem Zeitraum von 20 Jahren neben Stev Theloke der einzige Deutsche, der bei den Männern eine olympische Einzelmedaille gewonnen hat.
Das ist peinlich. Die Statistik zeigt es ja - wir machen von Olympischen Spielen zu den nächsten ständig einen Schritt zurück.
Der Trainingsaufbau stimmt nicht. Seit Peking 2008 wird ein großer wissenschaftlicher Aufwand betrieben, aber der Ertrag bleibt aus.
Diese Massenveranstaltungen schaden den einzelnen Sportlern. Wenn ich sehe, dass alle Schwimmer - egal ob oder wann sie dran sind - um 7.30 Uhr zum Einschwimmen antreten müssen, stellen sich mir die Nackenhaare auf.
Unabhängig davon, was Britta Steffen über die 50 Meter noch leistet, haben wir es geschafft, unsere Talente systematisch im Keim zu ersticken - das ist auch eine Kunst.
Ich habe meine Erfolge gefeiert, weil mein Trainer sehr innovativ war, die ausgetretenen Wege verlassen hat und auf mich als Individualisten eingegangen ist.
Als ich 2005 in Montreal ältester Schwimm-Weltmeister aller Zeiten wurde, setzte uns der DSV am ersten Abend einen fettigen Hamburger in einer Sportsbar vor. Außerdem mussten wir zum Trainingsbecken einen Fußmarsch von drei Kilometern zurücklegen.
Mein Trainer hat dann in Eigenregie für eine vernünftige Ernährung und einen Mietwagen gesorgt und wer hat dann die Medaille geholt? Ich!
Heute setzt der Verband voll auf wissenschaftliche Methoden. Ich muss mich Fragen: Welche Wissenschaft ist das, die alle Leute immer langsamer macht?
Ein Phelps ist aber nicht aus der Wissenschaft geboren. Er hat sein Ding gemacht, dann wurde er analysiert, und es wurde versucht, ihn zu kopieren. Man hängt also seit Jahren oder Jahrzehnten hinterher, anstatt auf Innovationen zu setzen.
Der negative Ritterschlag ist dann, dass ein Dirk Lange als Bundestrainer rausgeschmissen wird, der als Typ mit seiner individuellen Art auch bisweilen aneckt.
Cameron van den Burgh aus Südafrika bedankte sich nach seinem Olympiasieg schließlich nicht von ungefähr bei seinem Trainer Lange.
Bei uns werden dagegen Fördergelder verballert. Jetzt eine Diskussion über Leistungssportdirektor Lutz Buschkow aufzumachen, ist dabei der falsche Weg. Ob man ihn oder irgendeine Marionette einsetzt, ist vollkommen egal.
Es muss eine grundsätzliche Diskussion entstehen. Programme von 1987 jährlich um sieben Prozent Umfänge zu erhöhen, reicht nicht mehr.
Am traurigsten ist, dass die Sportler nichts dafür können. Sie wachsen da rein. Deshalb gibt es keine außergewöhnlichen Talente mehr, weil alle im gleichen System trainieren.
Die Athleten sind nicht zu dumm. Es kann nicht sein, dass kein Athlet bei einem Großereignis seine Topleistung bringt. Das sind keine Einzelfälle. Dazu werden Typen, die Missstände kritisieren, systematisch entmündigt.
Die Situation ist schon seit Jahren festgefahren. Es bleibt ein sportpolitisches Problem. Man muss jetzt den Mut haben, ganz neu anzufangen. Das würde vier bis acht Jahre dauern, aber es ist die einzige Möglichkeit.
Bis zum nächsten Mal,
Euer Mark Warnecke
Mark Warnecke, 42, ist ehemaliger deutscher Schwimmer und arbeitet inzwischen als Arzt. Als 35-Jähriger gewann er 2005 bei der WM in Montreal die Goldmedaille und ist damit der älteste Weltmeister in der Geschichte des Schwimmsports. Warneckes größter Erfolg war Bronze über 100 Meter Brust bei den Olympischen Spiele 1996 in Atlanta. Für SPORT1 analysiert der gebürtige Bochumer als Kolumnist das Schwimmgeschehen bei den Olympischen Spielen in London.
Was wären die Olympischen Sommerspiele bloß ohne die hübschen Sportlerinnen aus aller Welt? Ob Beachvolleyball, Hockey oder Fußball: SPORT1 zeigt Bilder der schönsten Athletinnen. mehr...