Ein letztes Einzel-Gold! Der König Olympias dankt ab
Von Rainer Nachtwey
München/London - Er beißt sich immer wieder auf die Lippen, seine Augen schimmern glänzend. Eine Träne?
Als die letzten Töne der Nationalhymne verklingen, senkt er den Kopf zur Brust, atmet tief ein, dann streckt er den Kopf wieder nach oben, lacht, strahlt, winkt ins Publikum und saugt die Eindrücke noch einmal auf.
Michael Phelps steht auf dem Siegerpodest, wieder einmal ganz oben nach seinem 17. Olympia-Gold ( BERICHT: Phelps holt 17. Gold).
Dennoch ist es für den erfolgreichsten Olympioniken aller Zeiten etwas Besonderes. Es ist die letzte Siegerehrung nach einem Einzelrennen für Phelps.
Ein Sieg zum Abschluss
Seine glorreiche Einzel-Karriere geht mit einem letzen Triumph über die 100 Meter Schmetterling zu Ende (DIASHOW: Die Bilder des Tages).
"Ich bin einfach nur glücklich, dass ich das letzte Rennen gewonnen habe. Das war alles, was ich mir für diesen Abend vorgenommen habe", sagt der erst 27 Jahre alte Ausnahmekönner.
Ein letztes Rennen bestreitet der Amerikaner am Samstagabend (ab 20.27 Uhr im LIVE-TICKER), die 4x100-Meter-Lagenstaffel.
Noch einmal dreieinhalb Minuten, dann ist sie zu Ende - die einmalige Karriere des wohl größten, sicherlich aber des erfolgreichsten Olympioniken aller Zeiten.
Cavic krönt Phelps zum König
"Er ist der König der Olympischen Spiele", sagt sein großer Rivale Milorad Cavic.
Ausgerechnet Cavic, der immer große Töne gespuckt und Phelps nicht für den besten Schwimmer gehalten hatte.
Ausgerechnet der Serbe, der Phelps 2008 das außergewöhnlichste Kunststück bei Olympischen Spielen fast verbaut hätte.
Cavic musste sich damals in Peking nur um einen Wimpernschlag von einer Hundertstelsekunde geschlagen geben, und Phelps sicherte sich so die vorletzte seiner acht Goldmedaillen in acht Rennen.
Nicht vergleichbar mit Phelps
Bei Phelps letztem Einzelrennen hat Cavic noch einmal die große Ehre, an seiner Seite zu schwimmen.
"Man kann mich nicht mit Michael Phelps vergleichen" sagt Cavic, als er auf die Rivalität angesprochen wird, "ich bin nur ein eindimensionaler Schwimmer."
Tränen beim Trainer
Phelps hingegen hat den Schwimmsport verändert, er hat die Geschichte des Schwimmens neu geschrieben, als er in Peking die Bestmarke von Mark Spitz' sieben Goldmedaillen in sieben Rennen bei den Spielen in München 1972 um eine überbot.
"Michael hat das geschafft, was er sich vorgenommen hat. Er hat den Schwimmsport geprägt", sagt sein Trainer Bob Bowman mit feuchten Augen. "Als er mir das nach dem Rennen gesagt hat, war er zu Tränen gerührt. Und so ergeht es mir auch."
Lochte zeigt Phelps Grenzen auf
Dabei sah es zu Beginn der Spiele gar nicht aus, als würde Phelps noch einmal den Spielen seinen Stempel aufdrücken ( SERVICE: Der Olympia-Zeitplan).
Sein Verzicht auf die 200 Meter Freistil wurde ihm als Feigheit ausgelegt, sich nicht mit den Besten messen zu wollen.
Alle sprachen von Ryan Lochte, von dessen großer Show, als er im ersten Duell Phelps sportlich eine Ohrfeige verpasste und ihn über die 400 Meter Lagen abhängte.
Gold aus der Hand gegeben
Phelps' Zeit sei vorbei, hieß es.
Zumal er über die 200 Meter Schmetterling auch noch auf den letzten Zentimetern den Sieg aus der Hand gab, als er sich wegen eines schlechten Anschlags dem erst 20 Jahre alten Südafrikaner Chad le Clos geschlagen geben musste.
Vor vier Jahren wäre dies undenkbar gewesen.
Die Antworten eines Champions
Aber Phelps hatte stets die Antworten parat.
Mit seinem phänomenalen Zwischenspurt in der 4x100-Meter-Freistil-Staffel, als er die USA auf Platz eins schwamm, ehe Yannick Agnel Lochte auf der Schlussbahn stehen ließ, konterte er seine Enttäuschung über die 400 Meter Lagen.
Mit seinem ersten Einzelgold in London über die 200 Meter Lagen revanchierte er sich bei Lochte für die Schmach über die doppelte Distanz.
Erfolgreichster Schwimmer Londons
Und am Ende heißt der erfolgreichste Schwimmer von London erneut Michael Phelps, egal wie die Lagen-Staffel ausgeht.
Drei Goldmedaillen, davon zwei in Einzelrennen, und zwei silberne sind die Ausbeute von Phelps. Lochte sahnte "nur" zwei goldene ab, davon eine in der Staffel.
"Alles, was ich diese Woche durchgemacht habe, zeigt wieder einmal, in was für einer grandiosen Verfassung ich 2008 war, das war die Form meines Lebens", blickt Phelps noch einmal zurück.
Mehr Emotionen kommen noch
"Ich hatte erwartet, von den Emotionen stärker übermannt zu werden", führt er weiter aus. "Ich schätze, viele Emotionen der letzten Wochen sind noch in mir und kommen erst noch."
Vielleicht reicht dann das Lippenbeißen allein nicht mehr, wenn er nach der Staffel ein letztes Mal auf das Podium steigt, die Nationalhymne hört, ein letztes Mal die Eindrücke aufsaugt, ehe der erfolgreichste Olympionike aller Zeiten dem Schwimmsport den Rücken kehrt.
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