SPORT1-Kolumnist Mark Warnecke beleuchtet den großen Systemfehler beim DSV und ärgert sich über ein typisch deutsches Problem.

Hallo Olympia-Freunde,

jetzt gibt es keine Ausreden mehr, die Zeit des Schönredens ist vorbei.

Eigentlich war schon nach dem dritten Wettkampftag der Schwimmer alles gelaufen, auf so viele Überraschungen konnte niemand mehr hoffen. Da war schon längst zu sehen: es ist ein System-Fehler, der uns diese Nullnummer gebracht hat.

Der Fehler liegt nicht an einzelnen Personen, jetzt Rücktritte zu fordern, ist der falsche Weg. Wir haben ein Richtungsproblem.

Ein typisches deutsches Problem. Statt mal in eine andere Richtung zu denken, wollen wir den bereits eingeschlagenen Weg immer weiter perfektionieren. Wir sind nicht mutig genug, mal eine komplett andere Richtung zu gehen. Man muss das ganze Ding jetzt global anpacken.

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Sich bloß das französische Konzept geben lassen und das zu kopieren, reicht nicht aus.

Ein Phelps ist nicht in der Wissenschaft entstanden. Bis die Wissenschaft ihn analysiert hat, gibt es schon wieder einen neuen Phelps und jede Kopie ist veraltet. Innovationen leben davon, dass man sie selber gestaltet.

Die Forderung nach Zentralisierung, wie sie jetzt immer wieder zu hören war, ist genauso richtig wie falsch. Prinzipiell richtig, weil ich mehr Konkurrenzkampf brauche, andererseits kann ich mir keine Hartz-IV-Empfänger heranzüchten.

Ich muss sehen, was in diesem Land möglich ist. Man kann keine Profis verlangen, sie aber dann nicht bezahlen. In Deutschland geht an einer vernünftigen Ausbildung kein Weg vorbei und die ist für Sportler so nicht überall möglich.

Deshalb muss man es schaffen, den Konkurrenzkampf anders zu schüren, zum Beispiel mit speziellen Maßnahmen.

Und was die psychologische Betreuung angeht: Am Beckenrand brauche ich einen Fachmann, der das Sport- und Kampfgen auch in sich trägt. Beim Judoka Dimitri Peters hast du in den Augen gesehen, der haut jeden um.

Auch beim Schwimmen kannst du nicht aus der kalten Hose gewinnen, du brauchst Puls. Das habe ich bei vielen Athleten nicht gesehen, stattdessen einen Mix aus Gelassenheit und Angst.

Auch Gelder müssen anders verteilt werden: Früher sollten beispielsweise immer alle ins Höhentrainingslager fahren, obwohl das nicht bei allen Sportlern merkbare Effekte hatte.

Auch über die Trainingssteuerung sollte man sich Gedanken machen. Wie in Peking waren jetzt immer wieder Wörter wie "Training nachholen". Offenbar reisen die Sportler mit Übertraining an und sind erst in der zweiten Woche fit.

Die Kameraschwenks in London über die Tribüne haben auch noch eines gezeigt: Bei den Trainern fehlt ein Lautsprecher, einer der mitreißt, einer der polarisiert.

Der neue Bundestrainer müsste einer sein, der Ahnung von Training, gleichzeitig aber auch ein Talent wie Jürgen Klopp sein, was die Kommunikation und Unterhaltung betrifft.

Außerdem müssen die Ost-/Westseilschaften aufgelöst werden. Wir brauchen unter den Trainern einen Konkurrenzkampf, aber nur einen gesunden.

Das System ist schon seit Jahren festgefahren. Es aufzubrechen, wird wieder Jahre dauern.

Bis zum nächsten Mal,

Euer Mark Warnecke

Mark Warnecke, 42, ist ehemaliger deutscher Schwimmer und arbeitet inzwischen als Arzt. Als 35-Jähriger gewann er 2005 bei der WM in Montreal die Goldmedaille und ist damit der älteste Weltmeister in der Geschichte des Schwimmsports. Warneckes größter Erfolg war Bronze über 100 Meter Brust bei den Olympischen Spiele 1996 in Atlanta. Für SPORT1 analysiert der gebürtige Bochumer als Kolumnist das Schwimmgeschehen bei den Olympischen Spielen in London.

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