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Die Amerikanerin Dara Torres gratuliert Britta Steffen zu Gold © getty

Doppel-Olympiasiegerin! Britta Steffen gewinnt auch über 50 Meter Freistil Gold und denkt danach über das Karriereende nach.

Von Marcel Grzanna

Peking. Angst und bange wurde Britta Steffen kurz vor dem Start.

Nicht wegen der 50 m Freistil, die da noch vor ihr lagen. Gott bewahre.

Die tun ja nicht einmal weh beim Schwimmen. Sorgen bereitete Steffen vielmehr das Kinderkriegen.

Kurz vor einem olympischen Finale damit anzufangen, ist sicherlich ein schlechter Zeitpunkt. Aber Dara Torres hatte davon erzählt, um sich selbst und den Konkurrentinnen die Zeit zum Start zu vertreiben.

Eine Qual

Torres ist 41 Jahre alt und war die einzige Mutti im Feld an diesem Sonntagmittag im Aquatic Center in Peking.

"Sie meinte, eine Geburt sei schlimmer als die 200 m Freistil. Dann muss es sehr schlimm sein", sagte Steffen. Denn 200 m Freistil sind für eine Sprinterin wie sie eine echte Qual.

Mehr geht nicht

Sollte die einzig verbliebene deutsche Weltklasse-Schwimmerin den Wunsch nach eigenem Nachwuchs hegen, dann ist es nicht ausgeschlossen, dass sie sich diesen viel früher erfüllen wird als andere Leistungssportlerinnen.

Sie ist seit Sonntag Doppel-Olympiasiegerin. Mehr geht nicht für eine, die abgesehen von den Staffeln nur zwei Disziplinen schwimmt.

Einen Rücktritt schließt die 24-Jährige deshalb nicht aus.

"Wie soll ich mich motivieren?"

"Ich kann im Augenblick nicht so weit in die Zukunft schauen, aber die Frage ist eben, wie ich mich nach diesen Erfolgen motivieren soll. Was soll jetzt noch kommen", sagte Steffen. "Ich will jetzt erstmal feststellen, wo ich bin und wo ich hin will. Dafür muss ich tief in mich hineinschauen."

Dem Sieg über ihre Paradedisziplin 100 m Freistil ließ Steffen auch den Triumph über die halbe Distanz folgen.

Wieder ein Herzschlagfinale

Und wieder war es ein Herzschlagfinale, was angesichts der Kürze der Strecke nicht außergewöhnlich ist.

Eine Hundertstelsekunde schlug Steffen früher an als Torres, die zunächst vorne gelegen hatte. Doch wie bereits über die 100 m rollte Steffen das Feld von hinten auf.

Wieder am frühen Morgen

Torres blieb Silber und gewann ihre elfte, wenige Minuten später mit der zweitplatzierten US-Lagenstaffel sogar noch ihre 12. Olympiamedaille.

"Zur Hälfte habe ich gemerkt, dass Torres vorne liegt. Aber ich wusste, dass ich es noch gewinnen kann, weil ich eine sehr hohe Endgeschwindigkeit habe", sagte Steffen.

Und das schon am verhältnismäßig frühen Morgen, weil die Endläufe im Schwimmen zur Fernseh-Primetime in den USA übertragen wurden.

März-Reise nach Peking

Bereits beim Testwettbewerb in Peking im März hatte sich Britta Steffen an die frühen Startzeiten gewöhnen können.

Sie sei ohnehin Frühaufsteherin, sagt sie. Und die Erfahrung hat sie gelehrt, dass sie morgens häufig bessere Zeiten geschwommen ist als am Nachmittag.

Die März-Reise nach Peking hatte Steffen auch dazu genutzt, sich mit den Umständen im Aquatic Center vertraut zu machen.

"Nicht so schön wie Freitag"

Zum Beispiel die Wege in der Halle kennen zu lernen, die Kanten der Startblöcke schon einmal zu greifen und schließlich auch die Goldspur zur Siegerehrung abzulaufen.

All das kam der Berlinerin sehr vertraut vor und bei der zweiten Medaillenzeremonie fast schon gewöhnlich.

"Das war auch schön, aber es war nicht so schön wie bei der Siegerehrung für die 100 m. Man hat alles eben schon einmal erlebt", sagte Steffen.

Neue Lockerheit

Kein Wunder, dass jemand wie sie, einen Rücktritt mit 24 Jahren in ernsthafte Erwägung zieht. Immerhin habe sie vor dem zweiten Goldrennen die Unterstützung von den Tribünen wahr genommen.

Das war über 100 m völlig an ihr vorbei gegangen, weil sie nur auf das Rennen konzentriert war. Die Lockerheit am Sonntag hatte sich schon Tags zuvor eingestellt.

Gegen jede Regel der Leistungssportvernunft genehmigte sich Steffen ein Stück Pizza. "Damit wollte ich eigentlich bis zum Sonntag warten", gestand sie.

Viel Spielraum

Ihr Trainer Norbert Warnatzsch gab Steffen in den vergangenen Jahren stets die lange Leine und gewährte der 24-Jährigen Mitbestimmungsrecht, das Steffen nicht geschadet hat.

Beim Training durfte die Schwimmerin auch selbst entscheiden, wann es für sie Zeit war, das Becken zu verlassen.

Wenn Warnatzsch davon überzeugt war, dass es keinen Sinn machte, sie ins Wasser zurück zu scheuchen, dann überließ er Britta Steffen diesen Spielraum.

Ein Stück Pizza vor einem olympischen Finale steht sicherlich sinnbildlich für diese Form der Freiheit.

Erst einmal Urlaub

Zunächst will Steffen jetzt erst einmal Urlaub machen, die Seele baumeln lassen, und dann ganz tief in sich hinein horchen, um herauszufinden, wie es mit ihr weiter geht.

Wenn sie dann an die Horrorgeschichten von Dara Torres über das Kinderkriegen denkt, dann nimmt sie vielleicht in Zukunft doch noch mal die 200 m Freistil in Angriff.

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