vergrößernverkleinern
Marcel Nguyen (hier am Pauschenpferd) ist amtierender Europameister am Barren © getty

Der Coach hat Deutschlands Turn-Held das Phlegma ausgetrieben. Nguyen muss nach seinem Silber-Coup zurück "in diese Welt".

London - Sogar Fürstin Charlene von Monaco unterbrach im Deutschen Haus kurz ihren Plausch beim Weißwein mit Franziska van Almsick, um Marcel Nguyen Beifall zu spenden.

Und schlagartig fiel zusätzlicher adeliger Glanz auf eine Silbermedaille, deren Gewinn dem schmächtigen Kunstturner auch Stunden nach seinem Triumph kaum fassbar schien.

"Jetzt muss ich wieder ganz schnell klarkommen mit dieser Welt", sagte der 24-Jährige und betrachtete versonnen, mit den Händen in den Hosentaschen, seine Medaille. (SERVICE Der Medaillenspiegel)

Bis ihn sein Trainer Valeri Belenki in die Realität zurückholte: "Zeig' mal her, ich weiß gar nicht mehr, wie so etwas aussieht!"

Der gebürtige Aserbaidschaner hatte vor 20 Jahren in Barcelona Mannschafts-Gold mit der GUS-Riege geholt.

Weitere Medaillenchancen

Nguyen gab auch unumwunden zu, dass der engagierte Coach großen Anteil am größten Erfolg seiner Karriere hat: "Er hat mich jahrelang getreten und er wird mich weiter treten müssen."

Ein gewisses Phlegma und fehlendes Selbstbewusstsein hatten dem Halb-Vietnamesen in der Vergangenheit oft den Weg zum Erfolg verstellt.

Aufgefallen war Nguyen, von seinem Chefcoach Andreas Hirsch gern als "asiatische Leichtbauweise Mensch" bezeichnet, im Schatten von Fabian Hambüchen und Philipp Boy zuletzt mehr durch sein Tattoo: "Pain is temporary, pride is forever." Schmerz ist vergänglich, Stolz ist für die Ewigkeit. (593705DIASHOW: Die Bilder des Tages)

Nun hat er auch eine Silbermedaille für die Ewigkeit gewonnen - und am Sonntag am Boden sowie 48 Stunden später am Barren hat er zwei weitere Chancen auf Edelmetall. (SERVICE: Der Olympia-Zeitplan)

Aufholjagd nach Fehlstart

In der Mehrkampf-Entscheidung war der Weckruf für Nguyen laut genug: Platz 24 nach dem ungeliebten Seitpferd löste beim zweimaligen Barren-Europameister diesmal keine frühe Resignation, sondern eine Trotzreaktion aus, die ihn von Durchgang zu Durchgang weiter nach oben führte.

"Zwischen Reck und Boden habe ich nach oben an die Tafel geschaut und gemerkt, dass da wirklich noch was geht".

[kaltura id="0_3p2vgo76" class="full_size" title="Schwimmer gl nzen als Youtube Stars"]

Bei der allerletzten Übung des Abends behielt der Unterhachinger im Lärm der 15.500 Zuschauer in der North Greenwich Arena die Nerven.

Er sicherte sich und Deutschland mit dem Weltklassewert von 91,031 Punkten einen historischen Erfolg - die erste olympische Mehrkampfmedaille bei den Männern seit dem Olympiasieg von Alfred Schwarzmann 1936 in Berlin.

Ngyuens erster Blickkontakt galt Freundin Alexa, die auf der Tribüne mitfieberte.

Hambüchen relativiert Ergebnis

Fabian Hambüchens Freundin Caroline hingegen verlebte keinen so schönen Abend. Denn dem ehemaligen Reck-Weltmeister unterliefen zu viele Fehler, um überhaupt in Medaillennähe zu kommen.

Sogar am Königsgerät verfehlte der Wetzlarer beim Pogorelow die Stange und stürzte, keine gute Generalprobe für das Reck-Finale am Dienstag. Mit 87,765 Punkten war so nicht mehr drin als ein 15. Platz.

Der Hesse war bemüht, sein mittelprächtiges Ergebnis zu relativieren: "Nach meinem Achillessehnenriss im letzten Jahr bin ich froh, überhaupt wieder einen Mehrkampf turnen zu können."

Der Patzer am Reck beunruhige ihn im Hinblick auf die Medaillenentscheidung nicht: "Es war ein Fehler, den ich gut analysieren kann."

Uchimura in "seiner eigenen Welt"

Einen einzigen Fehler erlaubte sich bei insgesamt 92,690 Punkten auch Kohei Uchimura, dennoch turnt der Japaner seit Jahren in einer eigenen Liga.

"Er hat seine eigenen Grenzen und ist in seiner eigenen Welt", sagte Hirsch über den dreimaligen Weltmeister, der schon in Peking 2008 die Silbermedaille gewonnen hatte.

Der 23-Jährige sieht sich ungeachtet dieser beispiellosen Erfolgsserie aber noch nicht am Ende seiner Karriere: "Rio 2016 ist schon eine Vision für mich. Ich habe immer noch Ideale und möchte die Mission erfüllen, irgendwann an meine Grenzen gegangen zu sein. "

Angesichts Uchimuras Überlegenheit keine gute Nachricht für seine Konkurrenten.

teilentwitternE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel