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Zumindest Olympia-Debütantin Magdalena Neuner fühlt sich auf Whistlers Schnee wohl © getty

Im schneearmen Whistler wollen nicht nur die Deutschen das Gros ihrer Medaillen sammeln. Zwei Goldanwärter versprühen Optimismus.

Aus Vancouver berichtet Gregor Derichs

Das Ziel ist klar umrissen, die Titelverteidigung wird angepeilt. Am Samstag geht es los, die Skispringer um Martin Schmitt ermitteln auf der Normalschanze in Whistler den ersten Olympiasieger.

Bis zum 28. Februar werden 85 weitere Goldmedaillen vergeben. Wenn in die 21. Olympischen Winterspiele beendet sind, soll Deutschland dort stehen, wo es sich 2006 in Turin befand: Auf dem ersten Platz der weltweit besten Wintersport-Nation. (Zeitplan: 17 Tage, 86 Entscheidungen)

Elf Gold-, zwölf Silber- und sechs Bronzemedaillen gewann Deutschland vor vier Jahren und lag in der Nationenwertung vor den USA (9/9/7), Österreich (9/7/7), Russland (8/6/8) und dem diesjährigen Gastgeber Kanada (7/10/7).

Kein konkretes Medaillenziel

"Ich will Gold gewinnen. Wenn ich sagen würde, ich wäre mit Silber zufrieden, würde mir das doch keiner abnehmen ", sagte Jenny Wolf, die Eissprinterin, die am Dienstag über 500 m in der Eishalle in Richmond triumphieren will.

So klar und selbstbewusst wie die Berlinerin ist nicht jeder im deutschen Team. Tief stapeln gehört zum Geschäft. Niemand lässt sich gerne vorwerfen, er habe mit seiner Prognose falsch gelegen.

Eine Medaillenvoraussage wagten Bernhard Schwank, der Chef des deutschen Teams in Vancouver, und andere Leistungssportverantwortliche des DOSB nicht. "Eine konkrete Zahl gibt es nicht", sagte Schwank.

Macht Neuner den Anfang?

Die Erwartungen an die Athleten seien hoch, erklärte der frühere Leistungssportchef. Zwei Dutzend deutscher Medaillen sollten möglich sein.

"Ich bin gut drauf. Die Bedingungen sind gut ", sagte Magdalena Neuner nach dem ersten Training. Die Biathletin könnte die erste deutsche Medaille holen beim 7,5-km-Sprint am Samstag (22 Uhr LIVE).

Denn was im Skispringen zuvor geschieht, weiß niemand.

Wieder zweigeteiltes Olympia

2600 Sportlerinnen und Sportler aus 83 Ländern werden 16 Tage um 258 Medaillen in 86 Wettbewerben kämpfen. 153 deutsche Athleten sind am Start.

Die Spiele werden an elf Wettkampfstätten ausgetragen, Olympia ist zweigeteilt wie in Turin 2006.

Und auch München hat ein ähnliches Konzept mit seiner Bewerbung für 2018, wenn die Stadionwettbewerbe in der bayerischen Landeshauptstadt, die Ski- und die Schlittenwettkämpfe in Garmisch-Partenkirchen ausgetragen würden.

Mehrzahl der Deutschen in Whistler

In kanadischen Bundesstaat British Columbia sind die schöne Stadt Vancouver mit ihren 2,2 Millionen Einwohner und die 125 km entfernte Kleinstadt Whistler in den Bergen die Schauplätze.

90 deutsche Sportler wohnen im 650 m hoch gelegenen Whistler im Schatten der Berge Blackcomb und Whistler Mountain, 60 in der großen Stadt.

Die Stadt, die sich gerne als "Perle am Pazifik" feiern lässt, ging seit Wochenbeginn langsam in den Ausnahmezustand über.

Straßenspuren exklusiv für Olympia-Gäste

Schüler und Studenten wurden in Zwangsferien geschickt. In der Simon-Frazer-Universität im Harbour Building konnte deswegen das Deutsche Haus eingerichtet werden.

Unter der Androhung empfindlicher Strafen werden die Einheimischen davon abgehalten, die Straßenspuren zu nutzen, die exklusiv den Olympia-Gästen vorbehalten sind.

Die zusätzliche Maßnahme, den Verkehr durch Straßensperrungen um 30 Prozent zu reduzieren, stieß auch nicht überall auf Gegenliebe.

Nur noch dreckige Haufen

Die Organisatoren befinden sich ohnehin schon am Rande ihrer Belastbarkeit. Zu ihrer Enttäuschung ist etwas eingetreten, womit sie bis zum Herbst überhaupt nicht gerechnet haben.

Die Region am Pazifik galt als Schneeparadies, vor einem Jahr fielen noch Rekordmengen der weißen Pracht. Die Saison 2009/10 jedoch ist ein öder Winter, mit frühlingshaften Temperaturen, wenig Schnee und sehr viel Regen.

Whistler hat nur zu Saisonbeginn Schnee abbekommen, allerdings satte vier Meter. Doch davon sind nur noch dreckige Haufen über. Trist und trüb wirkt das sonst noble Großdorf.

Organisationschef dem Heulen nahe

"Die Welt blickt auf Vancouver", lautete eine Schlagzeile der Zeitung "Vancouver Sun". Daneben waren die trostlosen Bilder von einem normalerweise herrlichen Berghang gegenüber der Stadt zu besichtigen.

Schlamm und Morast kennzeichneten lange das größte olympische Problem namens Cypress Mountain. Dort, mit Blick auf die Stadt, den Ozean und die Bergketten am Horizont, finden die Wettbewerbe der Snowboarder und Freestyler statt.

Schnee muss in großen Mengen in Containern auf Sattelschleppern und per Hubschrauber herbei gebracht werden. "Es ist nicht beabsichtigt, die Wettbewerbe nach Whistler zu verlegen", sagte Organisationschef John Furlong und sah dabei aus, als würde er am liebsten heulen.

Kanada hofft auf das erste Heim-Gold

Die Kanadier sind aber ähnlich sportbegeistert wie die Australier, die im Jahr 2000 die Sommerspiele in Sydney zu einem unvergesslichen Erlebnis gestalteten.

Kanada, das in Turin sieben Goldmedaillen holte, wartet noch auf seine ersten Olympiasieg zu Hause. Denn im Sommer 1976 in Montreal und 1988 in Calgary im Winter wurde kein einziger erster Platz errungen.

Schon bei der zweiten Entscheidung der Spiele, am Samstag in der Abfahrt der Männer, könnte sich der Gold-Traum erfüllen. Manuel Osborne-Paradis, zweimaliger Weltcup-Sieger der Saison, kommt aus Vancouver und kennt die Strecke wie kein anderer.

Begeisterung fürs Team Kanada

Zu toppen wäre das Gold nur durch den Sieg im letzten Wettkampf, dem Eishockey-Finale der Männer am letzten Februartag.

Doch es gäbe sogar noch eine weitere Steigerung: Wenn mit diesem Gold den Deutschen der Gesamtsieg in der Medaillenwertung entrissen würde.

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