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Bundestrainer Jochen Behle handelte Neuner im November als Kandidatin für die Langlauf-Staffel © getty

Der letzte Schuss beim Jagd-Sieg zeigt Magdalena Neuner: Es ist noch Luft nach oben. Doch Mentaltraining macht sie stark wie nie.

Aus Vancouver berichtet Gregor Derichs

Whistler - Es war der letzte von vier Nervenkämpfen am Schießstand. Magdalena Neuner wusste, dass sie auf Goldkurs lag, doch plötzlich durchfuhr sie ein leiser Zweifel.

Beim allerletzten Schuss, bei der 20. Kugel, die sie ins 50 Meter entfernte Ziel zu lotsen hatte, war sie ablenkt.

"Dieser Schuss ist der Olympiasieg. Er muss sitzen ", dachte sie. Doch der Gedanke war störend, er kam zu früh, die Hand zitterte ganz leicht, die Kugel verfehlte ihr Ziel. 204083(Die Bilder des Verfolgungsrennens)

Die Aufgabe, an nichts zu denken, in sich ruhend, ganz kühl wie eine Maschine zu funktionieren, sie hatte diesen Job nicht so erfüllt, wie sie es sich wünschte.

"Beim letzten Schuss nervös"

"Das kann besser werden. Das ist unglaublich, wie viel man in kürzester Zeit denken kann. Ich war plötzlich beim letzten Schuss nervös. Ich bin halt noch kein Vollprofi ", sagte die sechsmalige Weltmeisterin eine Stunde nach ihrem größten sportlichen Triumph.

Die Konkurrentin Anastazia Kuzmina war sehr stark gewesen. Magdalena Neuner stand beim Schießfinale neben der Slowakin, von der sie zum Olympia-Auftakt geschlagen worden war.

Kuzmina ließ nicht locker. Die Mutter eines Sohnes, die aus Russland in die Slowakei übergesiedelt ist, beförderte alle fünf Schüsse der letzten Stehend-Serie in Schwarze.

Doch sechs Minuten später fuhr das Goldmädchen über die Ziellinie. Am Tag, an dem Olympia zu Winterspielen wurde, holte Lena Neuner ihre erste Goldmedaille.

Schneefall bis zum Startschuss

Im Olympic Park in Whistler gelang der 23-Jährigen mit einer phantastischen Laufleistung der Triumph. "Ich hatte einen großen Traum. Jetzt ist er Realität ", jubelte sie.

Nach Silber im 7,5-km-Sprint kürte sie sich in der Verfolgung über 12,5 km zur Nachfolgerin von Kati Wilhelm. "Ich bin gerannt, gerannt, gerannt. Ich habe unheimlich gekämpft ", sagte die Wallgauerin.

Siegesgewiss ging sie in den Wettbewerb. Die ganze Nacht bis in den frühen Morgen hatte es geschneit, mit dem Beginn des Wettkampfs hörte das weiße Gestöber auf.

Auch Henkel in den Top 10

Bei zwei Schießfehlern gewann sie dank einer überragenden Laufleistung in 30:16,0 Minuten vor Kuzmina (ebenfalls zwei Schießfehler), die am Ende nur den Rücken von Neuner sah.

"Nach dem letzten Schießen wusste ich, dass es entschieden ist. Ich hatte schwere Beine. Magdalena war unschlagbar", sagte die 25-Jährige Kuzmina.

Bronze holte die Französin Marie Laure Brunet (28,3 Sekunden zurück). Lena Neuners Teamkameradinnen Andrea Henkel, Kati Wilhelm und Simone Hauswald belegten die Ränge 10, 12 und 16.

Noch drei Medaillen-Chancen

Neuner ist die beste Läuferin im Biathletinnen-Lager. Sie könnte sogar, wie schon geschehen, in der Staffel der Langläuferinnen eingesetzt werden.

Doch sie jagt erst mal den Biathlon-Medaillen hinterher: Im 15-km-Lauf am Donnerstag, im Massenstart-Rennen über 12,5 km am Sonntag und in der 4 x 6-km-Staffel am nächsten Dienstag. (Zeitplan: 17 Tage, 86 Entscheidungen)

Die Oberbayerin könnte in ihrer bestechenden Form Kati Wilhelm, die in Turin einmal Gold und zweimal Silber holte, noch übertreffen.

Nicht nur der Körper zählt

"Na klar, das wäre perfekt, aber diese Rennen sind erst einmal zu laufen", erklärte die Verfolgungs-Siegerin auf die Frage, ob sie in fünf Rennen fünf Medaillen holen werde. (VIDEO: Neuner geht weiter auf Angriff)

"Es klappt alles so gut. Ich bin im Schießen richtig stark", sagte die Olympiasiegerin und strahlte wie der Sonnenschein. Im Sommer fühlte sie sich noch ausgebrannt, sie dachte sogar ein bisschen an ein Karriere-Ende, der Rummel war ihr zuviel geworden.

Doch dann ging sie in sich, widmete sich intensiv einem Mentaltraining, das sie stark nach vorne brachte. "Ich habe erkannt, dass es nicht nur um körperliches Training geht", sagte sie.

"Das sind die großen Siege"

Thomas Bach, der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB), war einer der ersten Gratulanten nach dem zweiten Gold für das deutsche Team.

"Das sind die großen Siege, wenn jemand mit Entschlossenheit rangeht und dann noch mal Lockerheit bewahrt", sagte der frühere Fecht-Olympiasieger.

Und Neuner ergänzte: "Es ist ein Supergefühl. Es wird sicher etwas dauern, bis ich ganz realisieren kann, dass ich es wirklich geschafft habe."

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