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Martina Beck holte bei den Winterspielen 2006 in Turin drei Silbermedaillen © getty

Der Bundestrainer bewegt Lena Neuner zum Verzicht - die deutsche Staffel läuft hinterher. Auf Russlands Gold liegt ein Schatten.

Aus Vancouver berichtet Gregor Derichs

Whistler - Sie stand als Zuschauerin an der Strecke im Callaghan Valley und freute sich, dass ihre Kolleginnen die fünfte Olympia-Medaille für die deutschen Biathlon-Damen holten.

Magdalena Neuner erlebte den Bronze-Gewinn der deutschen 4 x 6-km-Staffel nur als Fan. 206669(DIASHOW: Die Staffel der Damen).

Wie ein großes Fragezeichen stand es im Zielraum, ob mit dem Einsatz der Doppel-Olympiasiegerin nicht mehr möglich gewesen wäre. "Wir haben das beste Schießergebnis der Saison erreicht. Schade, dass wir auf der Laufstrecke nicht mithalten konnten", sagte Bundestrainer Uwe Müßiggang.

Schlechtestes Olympia-Ergebnis

Er erklärte nach dem Rennen, dass er Laufwunder Neuner gebeten habe, auf ihren Start in der Staffel zu verzichten.

"Bronze ist gut, aber die Mädchen hätten mehr verdient", sagte Thomas Bach, der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), der in Vancouver zum großen Fan von Neuner und Co. wurde.

Nach Gold 2002 und Silber 2006 holten die deutsche Ü-30-Staffel mit Kati Wilhelm, Simone Hauswald, Martina Beck und Andrea Henkel in 1:10:13,4 Stunden den dritten Platz hinter Russland (1:09:36,3) und Frankreich (1:10:09,1) - das schlechteste Olympia-Resultat einer deutschen Damen-Staffel.

Medwedzewa zurück nach Dopingsperre

Mit dem Sieg der Russinnen erhielt der Wettbewerb einen fragwürdigen Anstrich. Denn die dritte Russen-Läuferin, Olga Medwedzewa, die sich entscheidend von Martina Beck absetzen konnte und ihr Team auf Goldkurs brachte, erlangte vor vier Jahren olympische Berühmtheit.

Nach ihrem Silbergewinn im Einzelrennen wurde die Athletin, die damals unter ihrem Geburtsnamen Pylewa startete, des Dopings überführt.

Sie musste ihr Silber abgeben und wurde zwei Jahre gesperrt.

Angeblich harmonischer Beschluss

Der Luxus, Lena Neuner nicht einzusetzen, war im deutschen Team angeblich harmonisch beschlossen worden.

Gegen die noch besser schießenden Russinnen hätte die deutsche Staffel mit den drei Soldatinnen Wilhelm, Hauswald und Henkel sowie der Bundespolizistin Beck im letzten Frauen-Wettbewerb wohl auch kaum eine Chance gehabt.

Doch der Vorsprung der Französinnen, bei denen Marie Dorin, die Sprint-Bronzemedaillengewinnerin, katastrophal schoss, war im Olympic Park so knapp, dass zumindest Silber mit der starken Läuferin Neuner möglich schien.

Hohe Belastungen ausschlaggebend

Doch es bleibt im spekulativen Bereich, ob Lena noch einmal zu den Schieß-Leistungen fähig gewesen wäre, mit denen sie zweimal Gold und einmal Silber gewann.

Im 15-km-Einzel war sie mit einer schwächeren Leistung am Schießstand Zehnte geworden. Müßiggang betonte, dass er Neuner vorgeschlagen habe, wegen der hohen Belastungen auf ihren Start zu verzichten.

Die Olympiasiegerin hatte am Montag erklärt, sie habe den Wunsch geäußert nicht zu starten.

Enormer Druck auf Beck

Vom Verzicht wegen des vorangegangenen Stresses, den Neuner aber auch im Interesse ihrer Kolleginnen vollzog, waren auch Kati Wilhelm und Martina Beck überrascht worden.

"Das war stark von ihr", freute sich Beck, die unter ihrem Mädchennamen Glagow vor vier Jahren schon an Staffelbronze beteiligt war.

Gleichzeitig klagte sie aber auch über enormen Druck. Sie habe "noch nie so viel geheult" wie am Tag vor der Staffel.

Wilhelm "etwas zittrig"

Überraschend war die Entscheidung von Müßiggang, die dreimalige Olympiasiegerin Wilhelm nicht wie gewohnt als Schlussläuferin, sondern als erste ins Rennen zu schicken.

"Darüber war ich froh, denn ich war etwas zittrig. Vorne weg zu laufen, kam mir entgegen?, sagte die 33-Jährige.

Ihr unterlief im Liegenschießen zwar ein Fehler, aber sie lud schnell nach.

Hauswald schießt tadellos

Die Thüringerin schickte Simone Hauswald, die nach dem Massenstart-Rennen ihre zweite Bronzemedaille holte, hinter den Französinnen und den Russinnen in die Loipe.

Die 30-jährige Halbkoreanerin war im Schießen stark, lag im Führung, musste aber die Russin Anna Bogaliy-Titovets und die Französin Sylvie Becaert doch knapp an sich vorbeiziehen lassen.

Beck übernahm als Zweite und kam auch als Zweite zum dritten Wechsel. Allerdings war ihr Abstand auf die Ex-Dopingsünderin Medvedtseva gewachsen.

Henkel mit den falschen Stöcken

Die Französin Dorin, die schwach geschossen hatte, rannte mit Wut im Bauch wieder von Rang neun auf drei vor. Ihre Energieleistung war eine Steilvorlage für die starke Schlussläuferin Sandrine Bailly, die an Andrea Henkel noch vorbeizog.

Die Schlussläuferin hatte nach einem Betreuer gerufen, zu Beginn hatte Simone Hauswald aus Versehen ihre Skistöcke mitgenommen.

Henkel drehte sich einige Male nach der Französin um, zog dann aber ihr Rennen durch.

Sie wurde allerdings noch überholt. Die Schlussrunde dürfte für sie die schlimmste ihrer Karriere gewesen sein. Doch sie rettete Bronze.

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