vergrößernverkleinern
Nur Claudia Pechstein holte mehr olympische Goldmedaillen als Andre Lange © getty

Andre Lange holte vor dem Karriereende zwei weitere Medaillen. Im Interview spricht er über den Beinahe-Sturz und seine Pläne.

Von Gregor Derichs

Whistler - Zum letzten Mal brauste Andre Lange mit seinen drei Kollegen noch einmal die Bahn herunter. Dann war für einen der erfolgreichsten deutschen Winter-Olympioniken alles vorbei.

Nach vier Goldmedaillen holte der 36-Jährige im Viererbob noch einmal Silber und beendete dann endgültig seine lange Karriere. (VIDEO: "Bergab und wieder bergauf")

"Ich habe gesagt, ich mache Schluss und wer mich kennt, weiß, dass ich das auch mache", stellt der Thüringer im Sport1.de-Interview klar. (DATENCENTER: Bob-Entscheidung)

Außerdem spricht er über ein mögliches Comeback als Trainer, den Beinahe-Sturz in Kurve 13 und warum er sich jetzt ein Auto kaufen will.

Sport1.de Herr Lange, wie bewusst ist Ihnen, dass der letzte Lauf im Vierer, mit dem Sie noch Silber statt Bronze herausfuhren, das Ende Ihrer Karriere war?

Andre Lange: Ich denke, die Sekunden, Minuten und Stunden der Wehmut werden noch kommen. Aber viel schöner kann man einen Abschied nicht gestalten. Diese Silbermedaille, die wir auf den allerletzten Drücker gemacht haben, ist großartig.

Sport1.de: Hatten Sie im Hinterkopf, dass es Ihr letzter Wettkampf war?

Lange: Ich würde lügen, wenn es nicht seit geraumer Zeit so ist. Es war irgendwann das letzte Weltcup-Rennen, vor ein paar Tagen kam das letzte Zweier-Rennen, jetzt folgte das letzte Vierer-Rennen.

Es ist nicht leicht nach 17 wunderschönen Jahren aufzuhören. Ich weiß aber, dass es richtig ist. 2006 stand ich hier in Whistler und habe über die Baustelle geguckt und wusste, es ist der richtige Ort zum Aufhören.

Jetzt konnte ich es mit Gold im Zweier und Silber im Vierer so gestalten, dass es auch wirklich noch einmal erfolgreich war. Jetzt werde ich einfach ein neues Leben beginnen. Jetzt fängt ja erst die harte Zeit an. Das Leben beginnt jetzt, ich gehe aus einer rosaroten Sportlerwelt raus, gehe in das Leben rein. Das wird nicht weniger leicht.

Sport1.de:In Ihrem Sport muss aber eigentlich mit 36 Jahren nicht Schluss sein, oder?

Lange: Wie sagt man so schön, man soll aufhören, wenn es am schönsten ist. Schöner kann es nicht mehr sein. Ich habe acht Europameistertitel, acht Weltmeistertitel, zig Weltcupsiege, vier Goldmedaillen bei Olympia und eine silberne. Was soll ich noch erreichen?

Es gibt jetzt einfach den Punkt, an dem ich sage, es ist genug. Ich bin 17 Jahre beim Bob dabei. Ich habe mit acht Jahren angefangen zu rodeln. Ich bin 28 Jahre irgendwelche Berge runtergerutscht, das ist wirklich eine lange Zeit. Irgendwann muss Schluss sein.

Es gibt körperlich irgendwann den Moment, in dem du sagen musst, es reicht. Es geht irgendwann damit los, dass die Augen schwächer werden, der Geist ist nicht mehr der schnellste, die Hände funktionieren auch nicht mehr so.

Es ist eine Rennsportart ? und bevor etwas passiert, höre ich auf. Ich habe zum Glück 28 Jahre ohne große Unfälle sehr gesund überstanden.

Sport1.de: Werden Sie als Trainer an die Bahn zurückkehren?

Lange: Das kann passieren. Es hat aber bisher noch gar keine Gespräche darüber gegeben, was der Verband in naher oder ferner Zukunft mit ihr vorhat. Wir wollten erst mal Olympia machen. Das ist jetzt rum. Dann werden wir heimfliegen. Wenn der Kopf wieder ein bisschen freier ist, werden wir über diese Dinge reden.

Sport1.de: Und wenn Sportdirektor Thomas Schwab Sie bittet weiterzumachen?

Lange: Es wird definitiv keine Fortsetzung der Karriere geben. Ich habe gesagt, ich mache Schluss und wer mich kennt, weiß, dass ich das auch mache.

Sport1.de: Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie im Ziel waren und aus dem Bob rausgeklettert sind?

Lange: Er war ganz kurz mal ganz leer. Ich habe einfach alles plumpsen lassen. Ich bin dann ausgestiegen und musste erst mal tief Luft holen und dann kamen diese Emotionen - bis man realisiert, dass es wirklich das letzte Mal war.

Sport1.de: Im zweiten Lauf wären Sie fast gestürzt, was war da los?

Lange: Es ging in der elften Kurve los. Ich habe nicht genug reingelenkt, da fällst du von weit oben in dieses Loch rein und dann schiebt der Vierer einfach mal hinten in die Ecke rein und schmeißt dich raus.

Dann kommt die zwölfte Kurve, zu spät Höhe dort, wieder zu viel Höhe in der 13. Und dann hat der liebe Gott es gottseidank nicht gewollt, dass es passiert. Oder anders, der liebe Gott hat es gewollt, dass wir auf allen Vieren weiterfahren.

Mein Helm hat schon am Eis gekratzt. Aber wir haben?s hingekriegt. Die Jungs haben sehr gut reagiert und sich auf die linke Seite geschmissen. Ich habe an der Lenkung gezerrt, dass der Bob wieder rumfällt. Wenn du dann immer noch auf Medaillenkurs bist, ist es gut.

Sport1.de: Ein Langläufer müsste abtrainieren, wenn er aufhört. Wie ist das bei Ihnen?

Lange: Ich sollte mir als erstes ein ganz kleines Auto kaufen oder am besten eins zum Treten, weil ? einmal dabei, immer dabei.

Du verlierst irgendwann die Relation für Geschwindigkeit. Da bin ich ganz ehrlich. Wenn ich mit 120 über die Landstraße fahre, habe ich das Gefühl, ich könnte mal schnell aussteigen. Abtrainieren muss ich auch, aber zum Glück nicht soviel wie ein Langläufer.

Sport1.de: Wie schwer fällt der Abschied von der Truppe?

Lange: Ich habe das große Glück gehabt, mit den Besten der Welt zusammenarbeiten zu dürfen. Sie haben mir das Leben leicht gemacht. Sie haben mich Chef sein lassen. Ich habe sie selbstständig sein lassen.

Das hat einfach jedes Rad ineinander gearbeitet. Ich hatte auch die Zeit für mich, mal abzuschalten. Diese kleinen Dingen, die ganz wichtig sind, wenn man ein halbes Jahr aufeinanderhängt, dass jeder Mal seine Ruhe hat. Sie sind verdammt schnelle Schieber und haben ihren Job immer gut gemacht.

Der zweite Lauf war ja der beste Beweis dafür, dass Bremser nicht nur drinnen sitzen, sondern auch aktiv ins Geschehen eingreifen.

Sport1.de: Was hat es Ihnen bedeutet, bei der Eröffnung der deutsche Fahnenträger zu sein?

Lange: Als ich an dieser Schräge stand, bevor es ins Stadion mit den 60 000 ging, habe ich weiche Knie gekriegt. Es war etwas ganz Großes. Ich wusste gar nicht, dass schon die Fahnenübergabe so etwas Feierliches sein würde.

Sport1.de: Haben Sie eigentlich Pläne für die nächste Woche?

Lange: Nein, ich habe wirklich nur bis hier geplant. Heimfliegen muss ich, in München sind wir noch. Das weiß ich, ansonsten gibt?s noch gar nichts.

Sport1.de: Wird jetzt gefeiert?

Lange: Keine Ahnung, ich sage nichts ohne meinen Anwalt.

Zum Forum - jetzt mitdiskutieren!Zurück zur Startseite

teilentwitternteilenE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel