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"Olympia ist einfach nur nervig", meint Andrea Schöpp vom SC Riessersee © imago

Trotz des EM-Titels räumt Andrea Schöpp den Deutschen kaum Chancen ein. Andere Sportler würden wenig Respekt vor Curlern zeigen.

Von Michael Spandern

München - Noch immer steht der Deutschen Curling-Verbandes (DCV) ohne echte Olympia-Medaille da.

Zwar gewannen Andrea Schöpp und Co. 1992 in Albertville Gold, aber damals war Curling noch Demonstrationswettbewerb.

Seither sprang nur der achte Platz von Nagano heraus, und glaubt man Skip Schöpp, die in Vancouver ihre vierten Olympischen Spiele bestreitet, springt auch heuer nicht viel mehr heraus.

Im Interview der Woche von Sport1.de erklärt sie, was andere Curling-Nationen Deutschland voraus haben, was hinter dem richtigen Fegen steckt und warum es den Deutschen nicht hilft, die Tochter einer Eishockey-Legende im Team zu haben.

Außerdem beklagt die 44-Jährige, dass anderen Sportlern mehr Respekt entgegen gebracht wird.

Sport1.de: Frau Schöpp, Sie reisen als amtierende Europameisterin nach Vancouver. Da dürfte doch eine olympische Medaille greifbar nahe sein...

Andrea Schöpp: Nein, unsere Chancen sind nicht allzu groß. Anders als bei der EM geht es in jeder Partie gegen einen richtig schweren Gegner. Ich glaube, wir landen zwischen dem fünften und achten Platz.

Sport1.de: Und wer landet vor Deutschland?

Schöpp: Einen Topfavoriten habe ich nicht, weil die Teams ganz dicht beieinander sind. Ich glaube, Schweiz, Schottland, China, Schweden und USA sind vorne dabei.

Sport1.de: Aber das sind doch vorwiegend europäische Gegner, die Sie zuletzt geschlagen haben.

Schöpp: Ja, aber wir hatten in der Vorbereitung auf Olympia wesentlich weniger Zeit auf dem Eis als die anderen Teams, weil wir es uns nicht leisten können, fürs Curling unsere Jobs ruhen zu lassen, wie es unsere Konkurrenten getan haben.

Sport1.de: In welchen Ländern steht Curling denn so hoch im Kurs, dass sich die Sportler das leisten können?

Schöpp: Auf jeden Fall in Schottland und in der Schweiz. Die Schweizer wurden, nachdem sie in Aberdeen EM-Silber gewonnen hatten, von 200 Menschen am Flugplatz empfangen. Bei uns waren es vier aus unserem Klub.

Sport1.de: Nachdem Sie zum siebten Mal EM-Gold gewonnen hatten... Bereiten sich die Gegner auf die europäischen Titelkämpfe nur halbherzig vor?

Schöpp: Olympia hat wegen der Medien-Berichterstattung einen ganz anderen Stellenwert. Mir bedeuten aber Europameisterschaften fast genauso viel, da die meisten Teams auch da antreten. (Olympia-Fieber nervt Schöpp)

Sport1.de: Der Sportdirektor des DCV, Ralph Schneider, sagt: "Wir fahren absolut selbstbewusst nach Vancouver. Wenn alles super läuft, können wir da eine Medaille holen."

Schöpp: Sehr viele geben Ihre Meinung ab. Klar, wenn wir Glück haben, kann auch eine Medaille dabei herauskommen, aber ich bin ein Realist. Das ist für uns sehr, sehr unwahrscheinlich.

Sport1.de: Dennoch hat das deutsche Team auch seine Stärken, auf die es bauen kann.

Schöpp: Die beiden Spielerinnen, die den Kopf des Teams darstellen, sind sehr erfahren. Und für uns spricht, dass wir uns nicht so unter Druck setzen, während andere sich extrem auf die Winterspiele fixieren.

Sport1.de: Und das tun Ihre Mitspielerinnen - vor allem die Küken Stella Heiß (17) und Corinna Scholz (20) - nicht?

Schöpp: Ich versuche, ihnen das Überdimensionale von Olympia zu nehmen. Es ist doch letztlich nicht viel anders als bei einer EM oder WM - dieselben Regeln, dieselben Schiedsrichter, fast die gleiche Atmosphäre... Alles, was mit Olympia zu tun hat, bekommen sie doch nur mit, weil sie im Olympischen Dorf wohnen. Das ist zwar für die Jüngeren aufregend, da sie mal andere Sportler kennen lernen. Aber ich habe sie auch gewarnt: Wir sind Randsportler und werden von den meisten auch so behandelt.

Sport1.de: Das heißt?

Schöpp: Die Wertschätzung, die ein Skifahrer erfährt, ist sicherlich größer als die eines Curlingspielers. (VIDEO: Vierter Platz für Riesch "nichts wert")

Sport1.de: Vermissen Sie den Respekt vor Ihren Leistungen?

Schöpp: Ich persönlich vermisse den nicht. Ich weiß, was ich kann und wie viel ich dafür trainiere. Da brauche ich keinen, der mir das bestätigt. Aber für die Jüngeren wäre das schon wichtig. Doch wir sind ja zumindest in Kanada, wo Curling Volkssport ist.

Sport1.de: Ihr Team bekommt zumindest dadurch, dass mit Stella Heiß die Tochter von Eishockey-Torwartlegende Peppi Heiß dabei ist, etwas mehr Aufmerksamkeit. Genießen Sie die?

Schöpp: Das nützt uns gar nichts. Im Gegenteil, wir müssen aufpassen, dass sich Stella während der zwei Wochen ganz auf Curling konzentriert und nicht auf das Interesse der Medien.

Sport1.de: Wie kam es, dass sie beim Curling landete?

Schöpp: Soweit ich weiß, wollte ihr Vater nicht, dass sie Eishockey spielt, und sie wollte auf dem Eis Sport treiben. Da hat sie Curling ausprobiert und es hat ihr Spaß gemacht. Als dann eine Mitspielerin aussetzen musste, ist sie hineingerutscht, und wir waren gleich erfolgreich.

Sport1.de: Ganz ehrlich: Wie oft müssen Sie noch schlechte Scherze über fegende Frauen hören?

Schöpp: Ich befürchte, jetzt während der Spiele wieder sehr häufig. Aber davon lassen wir uns nicht beeindrucken.

Sport1.de: Zählt Fegen denn zu Ihren Stärken?

Schöpp: Ich glaube, ich kann das mit am besten in unserem Team, obwohl ich es als Skip am seltensten mache. Das verlangt physische Kraft und Ausdauer, daher trainieren wir auch viel.

Sport1.de: Und sind Sie auch zuhause diejenige, die fegt?

Schöpp: Ja, nicht gerne, aber zwangsweise. Einer muss es ja machen.

Sport1.de: Als Skip haben Sie das Sagen. Lassen Sie dennoch zu, dass manche Situationen auf dem Eis diskutiert werden?

Schöpp: Dafür wäre die Zeit nicht da, weil die wie beim Schach begrenzt ist. Daher sind die Nationalteams auch in der Regel identisch mit Klubteams. Und weil wir so eingespielt sind, ist jedem klar, was in welcher Situation gespielt wird. Wir sind uns eigentlich immer einig.

Sport1.de: Erfahrung spielt eine große Rolle. Dennoch nehmen Sie eine 17-Jährige und eine 20-Jährige mit...

Schöpp: In Deutschland fehlt die große Breite an guten Spielern. Und es muss ja auch menschlich zusammenpassen. Das funktioniert mit unseren beiden Youngstern sehr gut. Außerdem haben Corinna und Stella das Potenzial, richtig gut zu werden.

Sport1.de: Sie sind Doktorin der Mathematik. Wie sehr kommt es auf die mentalen Fähigkeiten an?

Schöpp: Curlingspieler sollten sich sehr gut konzentrieren können und ein gewisses Maß an Intelligenz mitbringen, da man immer vier fünf Züge vorausdenken, sich dann aber wieder auf neue Konstellationen einstellen muss, da nicht jeder Zug perfektcgelingt.

Sport1.de: Nutzen Sie die Chance, in Vancouver auch anderen Sport zu sehen?

Schöpp: Am meisten interessiert mich das Skifahren, aber das liegt leider dreieinhalb Stunden von Vancouver entfernt. Ganz besonders drücke ich Felix Neureuther die Daumen, aber den sehe ich hier in Garmisch öfter als bei Olympia. Wenn uns langweilig wird, schauen wir uns vielleicht mal ein Eishockey-Spiel an oder gehen zum Freestyle.

Sport1.de: Sie sind die älteste deutsche Olympia-Starterin...

Schöpp: Bin ich das?

Sport1.de: Ja, weil ihre Teamkollegin Monika Wagner einen Tag jünger ist. Schauen Sie dennoch auch noch auf die Winterspiele 2014?

Schöpp: Also, ich schaue auf jeden Fall bis 2018, sofern die Knochen mitmachen. Und davon gehe ich mal aus.

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