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Anni Friesinger hat 16 WM- und fünf EM-Titel gewonnen © getty

Die Olympiasiegerin drohen nach ihrer Kritik an Dr. Lutz Konsequenzen. Sie hat aber einen Ersatz-Doc. Der Präsident schäumt.

Frankfurt - Der Verbandsboss spricht von "Rufmord" und droht mit Konsequenzen, Bundestrainer und Kolleginnen schütteln verwundert die Köpfe:

Anni Friesinger-Postma hat mit ihrer harschen Kritik an der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG) und deren Olympia-Teamarzt Dr. Gerald Lutz eine Woche vor Beginn der Winterspiele in Vancouver für Verwunderung und Entrüstung gesorgt.

"Ich bin es leid", sagte DESG-Präsident Gerd Heinze und konnte seine Wut auf Friesinger-Postma nicht verbergen: "Sie braucht in Vancouver ja nicht zu starten, wenn sie nicht will."

Friesinger drohen Konsequenzen

Auf dem langen Flug in Richtung Kanada hatten Heinze und die übrigen Verantwortlichen des krisengeschüttelten Verbandes viel Zeit, Konsequenzen für die zweimalige Olympiasiegerin zu erörtern.

"Wir werden darüber ernsthaft nachdenken", sagte Heinze, wollte über mögliche Maßnahmen aber nicht spekulieren.

Sie fühle sich vom Verband "im Stich gelassen", hatte Friesinger-Postma der "Süddeutschen Zeitung" gesagt. Hintergrund ist die Olympia-Nominierung des Erfurter Orthopäden Dr. Gerald Lutz, der zu Beginn des Dopingfalles Pechstein bei der Mehrkampf-WM im Februar 2009 eine dubiose Rolle gespielt hatte.

Friesinger-Postma, die chronische Kniebeschwerden plagen, vertraut Lutz nicht und lässt sich nicht von ihm behandeln.

Shorttrack-Arzt springt ein

"Der Schaden, den sie der Mannschaft mit ihren Aussagen zufügt, ist gewaltig. Und mit Blick auf Dr. Lutz ist das Rufmord", sagte Heinze.

Friesinger beharrt auf ihrem Standpunkt und wirft dem Verband mangelnde Kommunikation vor. "Ich habe das Problem mit dem DOSB geklärt. Der Arzt der Shorttracker (Dr. Mario Battesi, d. Red.) ist ein Kniespezialist. Er steht in Kontakt mit meinem Arzt (Dr. Volker Smasal, d. Red.) und wird sich um mich kümmern", sagte Friesinger-Postma.

Bernhard Schwank, deutscher Chef de Mission in Vancouver, hatte mit Friesinger vereinbart, dass ihr Vertrauensarzt Smasal bei Bedarf nach Vancouver eingeflogen werden würde, doch der viel beschäftigte Orthopäde lehnte nicht nur aus logistischen Gründen ab.

Smasal im Clinch mit der DESG

"Ich bin kein Spielball. Es wäre auch nicht fair. Nur für Anni da zu sein, wäre eine Zerstörung des Teams", sagte Smasal, der 2006 als Verbandsarzt im Streit die DESG verlassen hatte.

Der Ärger von damals ist nicht verraucht, Smasals Vorwürfe wiegen schwer. "Das Thema DESG ist für mich gegessen. In der DESG herrscht eine Dopingmentalität". Der Verband habe von Beginn an versucht, den Fall Pechstein zu verschleiern, stattdessen hätte er ein Zeichen setzen müssen, so Smasal.

"Dr. Lutz und Teamchef Helge Jasch hätten nicht für Vancouver nominiert werden dürfen. Sie waren von Anfang an in den Fall Pechstein involviert. Lutz hat ein falsches Attest ausgestellt. Darauf hätte auch die Thüringer Ärztekammer reagieren müssen."

"Der Urschleim von Hamar"

Diese Aussagen seien "nicht auszuhalten", sagte Heinze, der forderte "den Urschleim von Hamar" ruhen zu lassen. Schuldig sei damals einzig die ISU gewesen.

DOSB-Präsident Thomas Bach vermied es, Öl ins Feuer zu gießen. "Man merkt, dass die Nervosität im Vorfeld wächst. Wir sind und waren mit Anni im Gespräch. Es ist klar, dass nicht jeder seinen Arzt mitnehmen kann", sagte Bach am Donnerstag am Frankfurter Flughafen.

Dort nahm er unter anderem mit dem deutschen Eisschnelllauf-Team - mit Ausnahme von Friesinger-Postma, die als einzige erst am Montag anreist - den Flieger Richtung Vancouver.

"Dr. Lutz ist über jeden Zweifel erhaben"

Weniger zurückhaltend zeigten sich Bundestrainer Markus Eicher und Friesinger-Postmas erfahrenste Teamkolleginnen.

"Ich verstehe sie nicht. Wir können nicht den Doktor austauschen, weil eine dagegen ist", sagte ihr Ex-Coach. Top-Sprinterin Jenny Wolf bemängelte, dass "das Unruhe reinbringt".

Auf völliges Unverständnis stießen Friesinger-Postmas Aussagen bei Daniela Anschütz-Thoms: "Ich kann ihre Kritik überhaupt nicht nachvollziehen. Herr Dr. Lutz ist über jeden Zweifel erhaben und für uns alle 24 Stunden am Tag in jeder Lebenslage da."

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