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Anni Friesinger gewann 2006 in Turin über 1000m die Bronzemedaille © getty

Ihre Leistung über 1000m bewertet sie als indiskutabel. Kraft für ihre letzte Olympia-Chance schöpft sie aus einem Telefonat.

Richmond - Die harsche Kritik von allen Seiten ließ nicht lange auf sich warten, doch Anni Friesinger-Postma riss sich nach ihrem Stolperlauf zusammen und blickte nach vorn.

"Die Hoffnung auf eine Medaille über 1500 Meter gebe ich nicht auf", sagte die 33-Jährige nach ihrem völlig verkorksten 1000-m-Rennen enttäuscht, aber gefasst.

Kraft schöpfte sie vor allem aus einem Telefonat mit ihrem Mann Ids Postma unmittelbar nach dem Debakel.

Der ehemalige Weltklasseläufer war 1998 in Nagano im 500-m-Rennen gestürzt und hatte danach 1000-m-Gold geholt.

"Das hat er mir nochmal erzählt. Das mache ich jetzt auch so", sagte sie, ohne allerdings sonderlich überzeugend zu klingen.

"Das war einfach indiskutabel"

Rang 14, die mit Abstand schlechteste Platzierung in ihren bislang elf olympischen Rennen, konnte sie fast noch verschmerzen.

Der schwere technische Fehler, der ihr eingangs der zweiten Kurve unterlaufen war, setzte ihr aber sichtlich zu. (Zeitplan: 17 Tage, 86 Entscheidungen)

Der Anfang sei ganz gut gewesen, "dann hat es mir die Beine auseinandergerissen. Das war einfach indiskutabel", sagte sie und suchte keine Ausflüchte: "Nach 300 Metern war alles vorbei. Ich bin eine erfahrene Läuferin und stürze fast bei Olympia - das darf einfach nicht sein."

Schwächen von "vorne bis hinten"

Mit dieser Meinung stand sie nicht alleine da, entsprechend hart fiel die Kritik aus.

"Fehler hin oder her, wir haben uns mehr erwartet. Was sie gezeigt hat, ist enttäuschend, keine Frage", sagte Bundestrainer Markus Eicher.

Jahrhundertläuferin Gunda Niemann-Stirnemann antwortete im ZDF ungewohnt klar auf die Frage, wo Friesinger-Postma ihre Schwächen gehabt habe: "Das hat man deutlich gesehen: Von vorne bis hinten."

Neue Chance über 1500 m

Und während DESG-Präsident Gerd Heinze erneut die Fitness-Frage stellte ("Offenbar hat es auch daran gelegen"), redete ihr Trainer Gianni Romme ebenfalls Klartext.

"Der Lauf war einfach nicht gut", sagte der Doppel-Olympiasieger von Nagano.

Doch auch der Niederländer setzt nun mehr denn je auf das 1500-m-Rennen in der Nacht auf Montag (0 Uhr MEZ LIVE). Sein Schützling habe die verkorkste Saison mit all den gesundheitlichen Problemen im Hinterkopf gehabt, sagte Romme, "so gesehen war es schwer, volle Kanne zu laufen".

Aber die 1500 m seien "eine andere Sache, da kann sie ruhiger angehen".

Aber "das Knie hält"

In der Tat wirkte Friesinger-Postma zu hektisch auf dem Eis, nicht anders ist wohl auch ihr Fehler zu erklären.

Sie verlor plötzlich die Balance und musste sich erst wieder unter Kontrolle bringen, bevor sie weiterlief - das Ende aller Hoffnungen. Sie selbst konnte sich den Lapsus auch nicht erklären.

"Ich würde gerne die Videobänder haben, um zu wissen, was falsch gelaufen ist", sagte sie und fand dann noch einen positiven Ansatz: "Das Knie hält, das ist gut."

99 Hunderstel fehlten zum Sieg

An Spekulationen, für welche Platzierung es ohne den Stolperer gereicht hätte, wollte sie sich nicht beteiligen.

Zu Olympiasiegerin Christine Nesbitt, die das erste Gold für Gastgeber Kanada im Richmond Oval holte, fehlten ihr 1,15 Sekunden. Die Bronzemedaille der Niederländerin Laurine van Rissen war 99 Hundertstel entfernt.

Auch Silber ging an Oranje, Annette Gerritsen fehlten zwei Hundertstel zum Olympiasieg.

Doch nicht nur Friesinger-Postma patzte.

Schlechtestes Ergebnis der Olympia-Geschichte

Top-Sprinterin Jenny Wolf hatte auf der zweiten Runde die erwarteten Probleme und belegte Rang 17, doch vor allem Monique Angermüller enttäuschte.

Die Berlinerin, die als Außenseiterin auf eine Medaille gehandelt wurde, lief auf den indiskutablen 21. Platz und kommentierte ihr Ergebnis entsprechend.

"Ich sage nur ein Wort: beschissen."

Ein Blick in die Olympia-Annalen hätte ihr denselben Kommentar entlockt. Das Trio sorgte für die schlechteste deutsche Platzierung in einem 1000-m-Frauenrennen in der Olympiageschichte und die schlechteste insgesamt seit Sapporo 1972.

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