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Axel Teichmann verpasste Olympia 2006 in Turin wegen einer Haarwurzelentzündung © getty

Nach der zweiten Silbermedaille schließt Axel Teichmann Frieden mit Olympia. Der Langläufer verpasst Gold nur hauchdünn.

Aus Vancouver berichtet Gregor Derichs

Whistler - Es kann gut sein, dass er in Sotschi 2014, in dem russischen Bade-und Kurort an der Schwarzmeerküste, noch einmal auf Medaillenjagd gehen wird.

Axel Teichmann hatte plötzlich Geschmack an Olympia gefunden, an diesem Ereignis, von dem andere schwärmen, das für ihn aber bis in die vorige Woche vor allem mit Pleiten und Pech, Enttäuschungen und Missverständnisse verbunden war.

Doch nach seinem Silberlauf über 50 km nannte er auch Gegenargumente: "Erstens habe ich ständig Wehwehchen, und außerdem muss ich erstmal schauen, was das Leben neben dem Sport sonst noch so bietet", sagte Teichmann.

Seine Freundin Steffi wird im Sommer Mutter, am Montag flog Teichmann zufrieden aus Vancouver zu seiner kleinen Familie.

Rasante Aufholjagd auf den letzten Kilometern

Dass Teichmann dennoch nicht ausschließen wollte, auch mit 34 Jahren auf den über Sotschi gelegenen Loipen im Kaukasus in vier Jahren seinen Goldtraum vielleicht hinterherzuhecheln, lag an einem außergewöhnlichen Rennen. Um ein Haar hätte der Thüringer olympische Geschichte geschrieben.

Um 0,3 Sekunden, nicht ganz einen Meter, verfehlte er zum Abschluss der Skiwettbewerbe bei Olympia in Vancouver die Goldmedaille über 50 km.206680(DIASHOW: Die deutschen Medaillengewinner)

Teichmann, den viele für einen Stinkstiefel halten, verblüffte die Konkurrenten und alle Beobachter, als er in den letzten zehn Kilometern von Platz 25 mit einem Rückstand von 22,7 Sekunden nach und nach am ganzen Feld vorbei flog.

Er setzte sich an die Spitze, um schließlich nur gegen dem stärksten Sprinter des Nordischen Skisports, den Norweger Petter Northug, den Kürzeren zu ziehen.

Glücklich mit Silber

"Mensch, ich habe eine Chance." Dieser Gedanke schoss ihm bei Kilometer 49 durch den Kopf, nachdem er unterwegs schon einmal mehr als eine Minute hinten dran war. (DATENCENTER: 50 Kilometer klassisch)

Er schob gewaltig mit den Skistöcken, die geraden Schritte im klassischen Stil wurden immer schneller und länger, er hängte Konkurrent um Konkurrent ab, darunter Tobias Angerer, der schließlich Vierter hinter dem Schweden Johan Olsson wurde.

"Ich bin absolut glücklich über Silber", gab Teichmann zu Protokoll. Das Besondere dabei war, dass man ihm dies auch ansah.

Teichmann nutzte tatsächlich einmal die Gelegenheit, keine schlechte Laune raushängen zu lassen. Normal macht er einen Gesichtsausdruck, den seine Mitmenschen als üble Laune interpretieren.

Teichmann spricht nicht mit den Medien

Saumäßig gelaunt gewesen war Teichmann, nachdem er im Teamsprint endlich eine Olympia-Medaille geholt hatte. Ein "Rutscht-mir-alle-den-Buckel-runter-Gesicht" hatte er nach dem zweiten Platz aufgesetzt.

Auch dort war er von Northug geschlagen worden. Der missgelaunte Typ erwies damit allerdings auch seinem Zimmerkollegen Tim Tscharnke, der erst 20 Jahre alt ist und ihn zum Team-Silber mitriss, einen Bärendienst.

Der Erfolg des Duos wurde wegen der Weigerung von Teichmann, sich einmal den Medien zuzuwenden, gar nicht richtig gewürdigt.

Eine "Saftlatte" unter den Füßen

Bei der Staffel hatte er Pech, er war der Schlechteste, er vergab eine mögliche Medaille.

Drei verschiedene Paar Ski hatte Teichmann zur Auswahl. Als der Schneefall einsetzte, stellte sich heraus, dass er auf die falschen Latten gesetzt hatte.

Für das 50-km-Rennen hatte er seine Lektion nur halb gelernt. Seit einiger Zeit sind Skiwechsel erlaubt, die Athleten können bis zu dreimal pro Wettbewerb auf veränderte Wetterbedingungen reagieren oder sich neu präparierte Ski mit einem besseren Grip besorgen.

Dieser "Boxenstopp" kann allerdings wertvolle Sekunden kosten. Oder man kann, wie es Teichmann widerfuhr, in die falschen Ski schlüpfen.

"Ich hatte zwischen Kilometer 30 und 40 eine richtige Saftlatte unter den Füßen", sagte er. "Diese zehn Kilometer waren richtig hart für mich."

Erste deutsche Medaille seit 1976

Wäre dieses Material besser gewesen, hätte der Sportsoldat vielleicht wirklich Gold mit nach Hause nehmen können.

Der letzte Wechsel der schmalen Bretter, die nun besser waren, und sein energischer Schlussspurt aber brachten immerhin in der Königsdisziplin des Langlaufs die erste deutsche Medaille seit Gerd-Dietmar Klause 1976 in Innsbruck ein.

Mit diesem Silber beendete die deutsche Mannschaft die Winterspiele mit 30 Medaillen (10 Gold/13 Silber/7 Bronze) und übertraf die Zahl in Turin vor vier Jahren um eine (11-12-6).

"Nicht zuviel durcheinandermachen"

Dass Teichmann, der zwei Weltmeistertitel 2003 und 2007 gewann, Rennen von hinten heraus entscheiden kann, ist nicht unbekannt. Bundestrainer Jochen Behle hatte ihn zum Start überreden müssen.

Es war erst sein vierter Startversuch über die lange Strecke, bei einem hatte er aufgeben. In Whistler erlebte er erst seinen dritten Zieleinlauf über 50 km. Mit einem Spitzenplatz hatte er deswegen selbst gar nicht gerechnet.

Nur mit seinen Sportklamotten war er in den Olympia Parc von Whistler gekommen.

Danach musste er die Berge hinab, zur Schlussfeier, wo die 50-km-Läufer ihre Medaillen vor 60 000 Zuschauern im BC Place Stadion umgehängt bekamen.

Er gab den Betreuern einige Hinweise, wo was in seinem Zimmer zu finden sei, was ihm nachgebracht wurde. "Nicht zu viel durcheinandermachen", forderte er.

Teichmann schließt Frieden mit Olympia

Beim Olympia-Finale, vor freudetrunkenen Kanadiern, schloss der Mann, der gerne missmutig ist, endgültig seinen Frieden mit Olympia.

2002 in Salt Lake City lief er erst hinterher, verfehlte den Sprint wegen einer Krankheit, wurde dann in der Staffel von Behle nicht eingesetzt und war so stinkig, dass er aufhören wollte mit dem Langlauf. 207493(DIASHOW: Bilder der Damen-Staffel)

Er ist auch sehr selbstkritisch, selbst nach Erfolgen spricht er schon einmal mit seinem Thüringer Trotz davon, er habe nur "heiße Luft" produziert.

Teichmann verpasste Turin 2006

Vor Turin 2006 war er einer der besten der Welt, er hatte den Gesamtweltcup 2005 gewonnen. Einen Northug gab es noch nicht.

Aber Teichmann wurde krank, er konnte bei den Spielen im Piemont nicht starten und haderte lange mit diesem Schicksal.

Erst mit seinen beiden Silbermedaillen von Vancouver fand der gebürtige Lobensteiner eine neue Einstellung zum größten Sportfest der Welt.

Erst mit der zweiten, gewonnen am Schlusstag, zeigte Axel Teichmann seine etwas charmantere Seite.

Viel auskunftsfreudiger machte ihn das aber nicht.

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