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Georg Hettich gewann in Turin 2006 im 15-km-Einzel noch Gold © getty

Nach dem irregulären Wettbewerb sind die Kombinierer sauer. Chappuis spricht von einer "Schande". Hettich lächelt trotzdem.

Aus Vancouver berichtet Gregor Derichs

Es war eine stille Freude, die ihn durchströmte.

Georg Hettich war auf Platz 24 ins Ziel gekommen, die letzten Meter lief er auf der Piste des Olympic Parc in Whistler zusammen mit Felix Gottwald. (DATENCENTER: Alle Olympia-Ergebnisse)

Die Goldmedaillengewinner der Olympischen Spiele 2006 in der Nordischen Kombination bildeten ein fröhliches Duo.

Der Schwarzwälder Hettich hatte über 15 km triumphiert, dazu zwei Staffel-Medaillen gewonnen. Der Österreicher Gottwald siegte vor vier Jahren im Sprint, am vorigen Dienstag holte er mit dem Mannschaftsgold seine siebte Olympia-Medaille.

Hettich und Gottwald mit Galgenhumor

Nun kamen Hettich (31) und Gottwald (34) nach einem 10-km-Lauf weit abgeschlagen ins Ziel.

"Das sind unsere letzten Spiele", sagte Gottwald zum Deutschen, es war das Ende einer gemeinsamen Geschichte nach 100 oder mehr Wettkämpfen, die sie gegeneinander aber auch miteinander bestritten hatten.

"Du wirst doch sicher noch einmal bei Olympia starten", sagte Hettich und beide mussten lachen. Im Ziel trafen die heiter gestimmten Routiniers auf einen Haufen frustrierter Athleten.

Ein irreguläres Springen

Nur Bill Demong und Johnny Spillane feierten sehr ausgelassen, denn sie hatten nach dem Silber mit der Mannschaft zwei Tage zuvor die ersten Einzelmedaillen in der Kombination für die USA geholt.(Zeitplan: 17 Tage, 86 Entscheidungen)

Der Österreicher Bernhard Gruber freute sich nur eingeschränkt über Bronze. Jedem Läufer und jedem Trainer im Stadion war klar, dass der wichtigste sportliche Wettkampf, der nur alle vier Jahre im Zeichen der Olympischen Ringe stattfindet, irregulär entschieden worden war.

"Schade, dass das Skispringen so durchgeführt wurde. Viele sind richtig beschissen worden", sagte Hettich.

Hettich vor Karriereende

Er hat vier Olympiamedaillen zu Hause und war mit seinem Resultat beim dritten Olympia-Start zufrieden.

Noch vier Wettkämpfe in Lahti und Oslo wird der Badener in den nächsten zwei Wochen machen, dann ist Schluss für ihn nach 15 Jahren Leistungssport.

Hettich, der beim Gewinn von Mannschaftsbronze am Dienstag nur Ersatzmann war, erlebte seine schönsten Spiele.

"Gold war nicht zu wiederholen"

"Es waren die entspanntesten, die ich mitgemacht habe", sagte er. Er nahm alles mit, was er 2002 und 2006 nicht kennengelernt hatte. Die Eröffnungsfeier, das Wohnen im Olympia-Dorf, viele Gespräche mit anderen Sportlern und seinen letzten Wettkampf auf hohem Niveau.

"Ich habe schon ein bisschen geträumt, dass es auf einmal wieder geht. Vor vier Jahren war es auch nicht geplant. Das kann man nicht erzwingen, das war nicht zu wiederholen", sagte Hettich und war zufrieden mit seinem Sprung über 121,5 m.

Der Diplom-Ingenieur der Medizintechnik, der im März eine Stelle im Sportinstitut der Universität Freiburg antritt und eine Doktorarbeit in Biomechanik mit einem Thema über das Sprunggelenk schreiben wird, war zweitbester Deutscher.

Kircheisen bester Deutscher

Björn Kircheisen war der beste auf Rang 20, Tino Edelmann kam auf Platz 29, Eric Frenzel wurde 40. von 46 Teilnehmern.

"Für Eric tut es mir richtig leid. Er war in Medaillenform", sagte Hettich. Nach einem Sprüngchen von 104,5 m auf einer Schanze, wo 140 m und mehr für Topspringer möglich sind, war der 21-Jährige chancenlos.

Das Aprilwetter, ständig wechselnd zwischen Sonne, Nebel, Regen und Schnee, wechselnden Windrichtungen im Callaghan Valley machten den Wettkampf zur Farce.

Neustart brachte nichts

Ein erster Versuch, den Wettkampf von der Großschanze durchzuführen, wurde nach 31 Springern abgebrochen. Doch beim neu gestarteten Durchgang herrschten keineswegs bessere Bedingungen. Die Starter sprangen in einer Bandbreite von 1,5 m Rückenwind und 1,5 m Aufwind.

"Das sind 50 m, die man beim falschen Wind liegen lässt", sagte Hermann Weinbuch, der Sportdirektor der Nordischen Kombinierer im DSV. "Der Wettkampf hätte nicht stattfinden dürfen. Alle Trainer waren sich einig, aber man wollte es durchziehen", sagte der Ex-Weltmeister.

Obwohl im alpinen Ski die Wettbewerbe wegen der Witterung verschoben worden waren und die Schanze auch bis Sonntag frei ist, peitschten die Verantwortlichen den letzten Kombinationswettbewerb durch.

Gottwald kritisiert Funktionäre

"Der Unterschied zwischen Sportlern und Funktionären besteht darin, dass wir uns vier Jahre vorbereiten", sagte Gottwald. Er hatte allerdings extra nach einjähriger Pause ein Comeback gegeben, um noch einmal eine Einzelmedaille zu gewinnen.

Die zu Saisonbeginn eingeführte Windregel, die die Unterschiede bei verschiedenen Bedingungen ausgleicht, wurde bei Olympia nicht angewandt.

Weinbuch hatte schon vorher befürchtet, dass es deswegen wieder unfaire Ergebnisse geben würde.

Chappuis: "Das war eine Schande"

Die Alternative, den Wettbewerb um einen Tag zu verschieben, zogen die Olympia-Organisatoren und die Wettkampf-Jury erst gar nicht ernsthaft in Erwägung.

Der französische Weltcup-Spitzenreiter Jason Lamy Chappuis, der im Training beständig der beste Springer war, und als 29. nur auf 113 m kam, war wütend. "Das war kein Wettkampf, das war eine Lotterie. Das hatte mit Olympia nichts zu tun, das war eine Schande."

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