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In Trauer: IOC-Präsident Jacques Rogge bei der Pressekonferenz © getty

Auch nach dem Unfalltod des Georgiers Kumaritaschwili gehen die Wettkämpfe weiter. Aus der deutschen Delegation kommt Kritik.

Whistler - The Show must go on: Trotz des tragischen Todes des Georgiers Nodar Kumaritaschwili und der tiefen Trauer der geschockten Rodler werden die Wettkämpfe bei den Olympischen Spielen in der schnellsten Eisrinne der Welt am Samstag wie geplant fortgeführt (Kommentar: IOC muss sich entscheiden).

Wie der Rodel-Weltverband FIL am späten Freitagabend mitteilte, wird am Samstagmorgen ein Training der Herren stattfinden, im Anschluss folgt das Damentraining.

Um 17 und 19 Uhr (Ortszeit) werden dann die ersten beiden Durchgänge des Männer-Wettbewerbs ausgetragen, im Anschluss steht noch das Training der Doppelsitzer auf dem Programm (Zeitplan: 17 Tage, 86 Entscheidungen).

Allerdings werden derzeit am schnellsten Eiskanal der Welt noch Umbaumaßnahmen durchgeführt, um die Sicherheit zu verbessern 202747(DIASHOW: Die Eröffnungsfeier).

Deutscher Verband begrüßt Entscheidung

Der deutsche Verbandsboss Andreas Trautvetter begrüßte die Entscheidung zur Fortführung der Veranstaltung.

"Ich hätte nichts davon gehalten, die Wettbewerbe abzusagen", sagte der Präsident des Bob- und Schlittenverbandes für Deutschland (BSD).

BSD-Sportdirektor Thomas Schwab ergänzte: "Ich hoffe, dass alle notwendigen Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden."

Bestürzung im deutschen Lager

Im deutschen Lager herrschte unterdessen große Bestürzung und Trauer.

"Wir sind alle schwer erschüttert. Uns sind sofort die Tränen in die Augen gestiegen", sagte Patric Leitner, der Doppelsitzer-Olympiasieger von 2002. Einige deutsche Athleten zogen sich auf ihre Zimmer zurück, um den Schock alleine zu verdauen.

Andere suchten das Gespräch mit den Kollegen, um das schreckliche Ereignis zu verarbeiten.

Kritik am Krisenmanagement

"Wir sind immer noch alle geschockt. Wir haben uns mit der gesamten Mannschaft zusammengesetzt und viele Gespräche geführt", sagte Schwab.

Er fügte mit Blick auf die stundenlange Ungewissheit über die Durchführung der Wettbewerbe an: "Das Krisenmanagement war insgesamt nicht so gut. Wir sind lange sehr knapp gehalten worden, was Informationen angeht."

Man wolle sich davon aber nicht irritieren lassen: "Und ich bin mir sicher, dass die Truppe, die wir dabei haben, das gut verarbeiten wird."

Staatsanwälte und Polizei vor Ort

Der 21-jährige Kumaritaschwili erlag am Freitag seinen schweren Verletzungen, die er sich bei einem Horror-Sturz im Abschlusstraining im Whistler Sliding Centre zugezogen hatte.

Die Helfer vor Ort leiteten zwar sofort Reanimierungsmaßnahmen ein, doch kam jede Hilfe zu spät. Tödlich war für den Georgier, dass er mit voller Wucht gegen einen Stahlträger prallte.

Nach einer Sicherheitsbegehung wurde die Bahn von Staatsanwaltschaft und Polizei in Augenschein genommen.

Fahrfehler begangen

Auch die verantwortlichen Gerichtsmediziner der Provinz British Columbia nahmen ihre Ermittlungen auf. Am Samstag um 11 Uhr Ortzeit (20 Uhr MEZ) wollen IOC und Organisationskomitee VANOC über den Stand der Ermittlungen informieren.

Nach einer Begehung des Eiskanals und nach Ansicht der Videobänder schlossen die technischen Offiziellen der FIL "Mängel an der Bahn" als Unfallursache aus.

Außerdem erklärten der Weltverband und das Organisationskomitee VANOC in einer gemeinsamen Pressemitteilung, dass dem tödlichen Sturz ein Fahrfehler des Georgiers vorangegangen war.

Mehr Sicherheitsmaßnahmen veranlasst

Auf Grundlage der Untersuchungsergebnisse entschied die Rennleitung in Absprache mit der FIL, die Mauern an der Ausfahrt der Unfall-Kurve 16 zu erhöhen und das Eis-Profil zu verändern.

Diese "vorbeugende Maßnahme" sei getroffen worden, um zu vermeiden, dass sich "ein solch außergewöhnlicher Unfall" abermals ereignen könne.

Georgier mit Trauerflor

Auch die Eröffnungsfeier in Vancouver wurde durch den Todesfall überschattet.

"Die olympische Familie ist betroffen über diese Tragödie, die einen Schatten auf die Spiele wirft", sagte IOC-Präsident Jaques Rogge.

Bei der Eröffnungsfeier marschierte die georgische Mannschaft mit Trauerflor und einem schwarzen Band an der Flagge ein. Der elfköpfigen Delegation war der Schock deutlich anzusehen. Alle Zuschauer im BC Place erhoben sich von ihren Plätzen und applaudierten.

Ringe werden zur Gedenkstätte

Mit Fassungslosigkeit reagierten die Gastgeber: "Unsere Herzen sind gebrochen, mein Team ist am Boden zerstört", sagte VANOC-Präsident John Furlong mit zitternder Stimme: "Der Unfall ist tragisch und wird jetzt ganz genau untersucht."

In Whistler machten unterdessen betroffene Fans die vor der Medals Plaza aufgestellten olympischen Ringe kurzerhand zu einer Gedenkstätte für den Toten.

Neben einem Foto von Kumaritaschwili wurden Blumen niedergelegt und Kerzen angezündet. Beim Bummel durch die Stadt verweilten zahlreiche Besucher zum Teil minutenlang vor dem Olympia-Symbol.

144,3 km/h schnell

Kumaritaschwili, Sohn des georgischen Rodel-Verbandschefs, war in der "Thunderbird"-Kurve, der letzten der 16 Kurven des 1374 Meter langen Hochgeschwindigkeitskurses, in große Schwierigkeiten geraten.

Nach der Ziellinie flog er dann aus der Eisrinne und mit Rücken und Hinterkopf gegen einen ungeschützten Stahlträger, an dem das Dach über der Bahn befestigt ist.

Er raste an der Unglücksstelle mit 144,3 km/h durch den Eiskanal.

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