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Nodar Kumaritaschwili wurde in Whistler mit 144 km/h aus der Bahn geschleudert © getty

Nach dem tödlichen Sturz in Whistler tobt die Debatte um die Gefahren der Eisbahn - und des Geschwindigkeitswahns als Ganzes.

Whistler - Die Debatte tobte schon lange vor dem tödlichen Drama.

Nach dem Sturz des georgischen Rodlers Nodar Kumaritaschwili auf der Olympiabahn in Whistler ist sie nun aber heftiger denn je entflammt.

Und jetzt bewegt sie auch nicht mehr nur das Fachpublikum, sondern die ganze Sportwelt (Kommentar: IOC muss sich entscheiden).

Mehr und mehr Stimmen fordern einen Stopp des Geschwindigkeitswahns im Eiskanal 202747(DIASHOW: Die Eröffnungsfeier).

"Man muss eine Grenze ziehen"

"Man muss endlich eine Grenze ziehen, damit so etwas Schreckliches nie wieder passiert. Für die Sportler ist das jetzt dramatisch", appelliert die zweimalige Rodel-Olympiasiegerin Sylke Otto:

"Die Bahn in Turin war doch schon viel zu schnell. Und in Whistler ist so nochmal um einiges schneller."

Andere klagen die Verantwortlichen noch deutlicher an. "Sie begreifen nicht, dass sie mit unserem Leben spielen", wird Skeleton-Fahrerin Anja Huber in der "Bild" zitiert.

"Nur kleine Lemminge"

In dieselbe Kerbe schlug die australische Rodlerin Hannah Campbell-Pegg - schon vor dem tödlichen Drama.

"Sie treiben es ein bisschen zu weit. Sind wir denn nur kleine Lemminge, die die Bahn heruntergeworfen werden wie Crash-Test-Dummies?"

Dass die offiziellen des Weltverbands FIL feststellten, es habe keine "Mängel an der Bahn" gegeben, lässt Kritiker kalt. Für sie ist die Bahn an sich der Mangel.

Auch die Besten haben Respekt

Mit seinen 16 Kurven auf 1450 Metern Länge schlängelt sich der Eiskanal im Sliding Centre von Whistler Mountain nur scheinbar friedlich durch die Landschaft.

Doch die Rinne stellt die Athleten vor extreme Herausforderungen.

Auf ihnen lasten Fliehkräfte bis zu fünf G, also das Fünffache ihres eigenen Körpergewichts. Das ist teils mehr als in der Formel 1.

Der Hochgeschwindigkeitskurs mit Geschwindigkeiten von bis zu 155 km/h ruft selbst bei den Besten der Zunft großen Respekt hervor, die Angst vor schweren Stürzen fährt bei der Medaillenjagd immer mit.

"Die Bahn ist einfach brutal", sagte Patric Leitner, der Doppelsitzer-Olympiasieger von 2002.

Zöggler stürzte kurz vor Kumaritaschwili

Die Gefährlichkeit der Bahn wurde schon wenige Minuten vor dem Unglück offenbar.

Die italienische Rodel-Legende Armin Zöggler war kurz vor Kumaritaschwili aus seinem Schlitten geflogen.

Mit blassem Gesicht stapfte der Olympiasieger an den wartenden Journalisten vorbei, verbat sich mit ängstlichem Gesicht jeglichen Kommentar.

Lange verweigerte sich

Der für seine Konsequenz bekannte Bob-Olympiasieger Andre Lange war im vergangenen Jahr die Whistler-Bahn erst gar nicht hinuntergefahren, weil es ihm zu gefährlich war.

"Diese explizite Stelle der Bahn muss unbedingt entschärft werden. Ich habe noch nie gesehen, dass ein Rodler so aus der Bahn katapultiert wurde", sagte BSD-Sportdirektor Thomas Schwab.

Mit Blick auf kommende Rodel-Großereignisse fügte er hinzu: "Wir müssen uns bei einer Geschwindigkeit um die 135 km/h einpendeln."

Hackl relativiert

Anders sieht das Rodel-Legende Georg Hackl.

"Ob er jetzt mit 154 oder 135 Stundenkilometern gegen diesen Pfeiler prallt, ist wurscht. Der ist mit 60 Stundenkilometern genauso tot", befand er im "Tagesspiegel".

Es seien "ganz viele unglückliche Umstände" zusammengekommen.

Designer ist entsetzt

Mit Bestürzung und Entsetzen reagierte der deutsche Designer der Olympiabahn.

"Es tut mir unendlich leid für den Jungen. Wir haben schon sechs Olympiabahnen entwickelt. Da ist noch nie einer rausgeflogen", sagte Udo Gurgel "Sport Bild online".

Von offizieller Seite war die Bob- und Rodelbahn in Whistler im März 2008 vom Rodel-Weltverband FIL, dem Bob-Weltverband FIBT und dem Organisations-Komitee der Winterspiele VANOC geprüft und für olympiatauglich befunden worden.

Im Prozess der sogenannten Homologierung der Kunsteisbahn für Rennrodeln, Bob und Skeleton wurden über 200 Abfahrten von Aktiven aus sieben Ländern (Österreich, Kanada, Deutschland, Großbritannien, Italien, Russland und den USA) in allen drei Disziplinen absolviert.

Dabei wurden sechs verschiedene Starthöhen getestet. Zu den Fahrern gehörte auch Bob-Olympiasieger Lange, dem es allerdings selbst zu prekär geworden war.

"Es gibt viele Kunsteisbahnen auf dieser Welt, aber die Bahn in Whistler ist wegen ihrer hohen Geschwindigkeit einzigartig. Dies stellt auch die größte Herausforderung für die Athleten dar", sagte bei den Tests Walter Plaikner, Vorsitzender der Technischen Kommission der FIL.

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