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Rodeln ist bereits 1964 ins olympische Programm aufgenommen worden © getty

Der tödliche Unfall in Whistlers Rodelbahn geht auf Kalkül und missachtete Warnungen zurück. Und in Sotchi wird's noch schneller.

Aus Vancouver berichtet Gregor Derichs

Whistler - Sven Romstad, der Generalsekretär des Internationalen Rodel-Verbandes (FIL), konnte seine Trauer nicht mehr unterdrücken.

Der US-Amerikaner brach in Tränen aus, die Stimme schlug in ein Schluchzen um. Neben ihm saß Josef Fendt, der deutsche FIL-Präsident, wie ein Häufchen Elend.

Die Funktionäre stellten sich am Tag nach dem Todessturz des Georgiers Nodar Kumaritaschwili den kritischen Fragen der internationalen Medien im Kellersaal des Pressezentrums in Whistler.

"Die Athleten verloren einen Freund ", sagte Romstad. (Kommentar: IOC muss sich entscheiden)

Trauerfall auch ein Skandal

Die Betroffenheit war das eine, sie war glaubhaft, die Rodler sind eine kleine Gemeinschaft, die sich über Nationalitätengrenzen hinweg hilft.

Jeder kennt jeden, der 21 Jahre alte Nodar war ein Einsteiger, der schon Weltcup-Erfahrung gesammelt hatte.

Doch hinter der Trauer der Verantwortlichen wurde auch erkenntlich, dass der erste Todesfall bei Olympischen Spielen sehr wohl mit der Bezeichnung Skandal verknüpft werden kann.

Was die Funktionäre teilweise von sich gaben, klang zynisch.

"Der schwärzeste Tag"

"Es war der schwärzeste Tag in der gesamten Geschichte des olympischen Sports. Seit 1964, seitdem Rodeln olympisch ist, hat es keinen so tragischen Fall gegeben", sagte Fendt.("Sind wir denn Crash-Test-Dummys?")

Er hatte darum gebeten, deutsch sprechen zu dürfen, weil ihm die englischen Worte für die Tragödie fehlen würden.

Seit 35 Jahren hätte es in einer Kunsteisrinne weltweit keinen Todesfall gegeben, erklärte Fendt. "Wir sind alle tieftraurig und geschockt."

Der Athlet bekommt die Schuld

Doch direkt nach den einleitenden Worten wurde die Verantwortung dem Opfer selbst in die Schuhe geschoben. 202747(DIASHOW: Die Eröffnungsfeier)

Es hieß, der junge Mann, der im Sarg nach Tiflis zurückkehren wird, war an seinem Tod selber schuld. Es handelte sich aus Sicht der FIL und der Olympia-Organisatoren um einen "Fahrfehler".

Die 15. Kurve habe der Georgier falsch angefahren, damit sei hoch aus ihr herausgeschossen, die Kontrolle über seinen Schlitten verloren, in die 16. und letzte Kurve hineingerast und dann aus der Bahn katapultiert worden.

Am Ende völlig geschlaucht

Kein Wort fiel dazu, dass der Eiskanal für viele Piloten so anstrengend ist, dass sie unten völlig fertig und unfähig zu hoher Konzentration sind. Die größte Sorge der Rodel-Funktionäre: "The show must go on."

Schon am Nachmittag startete der Einzel-Wettbewerb der Rodel-Männer. Mit Rodeln, Skeleton und Bob - jeweils für Frauen und Männer - ist der Zeitplan im Whistler Sliding Centre so dichtgedrängt, dass eine Verschiebung nicht in Frage kam.

Lediglich der Start wurde tiefer gelegt.

Der Verband war überfordert

Die Funktionäre wirkten, als wäre ihnen mit dem Sterben von Kumaritaschwili schlagartig klar geworden, dass sie durch Fahrlässigkeiten zum Drama beigetragen hatten.

Bei kritischer Betrachtung ist der Unfall provoziert worden. Der Verband war allerdings überfordert, die Entwicklung zu immer schnelleren Bahnen, die vor allem im Interesse des Fernsehens vollzogen wird, zu stoppen.

Die beruhigende Quote von recht wenigen Unfällen vermittelte eine falsche Sicherheit. Aber die Verantwortlichen in dieser Sportart mit einem hohen Risiko, wussten Bescheid.

Kanadier schießen übers Ziel hinaus

"Es gab die Frage, ob der Verband immer schnellere Bahnen will. Wir haben gesagt, es ist zu schnell, aber damit meinten wir künftige Bahnen", erklärte Fendt.

Doch dann räumte er ein: "Wir haben nicht gewusst, dass diese Bahn so schnell wird."

Es war klar, dass die Kanadier eine Hochgeschwindigkeitsbahn bauten mit 140 km/h als Spitze. "Wir wissen aus Erfahrung, dass Bahnen dann schneller werden", erklärte Fendt.

Bobs bis zu 155 km/h schnell

Außerdem ist der Eiskanal in British Columbia fahrerisch sehr anspruchsvoll.

Die Zahl der Trainingsläufe für alle Athleten wurde erhöht. Sie wurden langsam an den Stress herangeführt, indem sie erst von den unteren Starts fahren mussten.

Gemessen wurden 147 km/h in der Spitze, Nodar war beim Unfall mit 144,3 unterwegs. Bobs rasten schon mit 155 km/h durch die Lichtschranke.

Die Bahn im russischen Sotschi für die Winterspiele 2014 soll sogar für 160 km/h angelegt sein.

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