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Die Sicherheitsvorkehrungen in Kurve 16 wurden massiv verstärkt © getty

Der Architekt der Todesbahn weist jegliche Vorwürfe zurück, die FIL gerät wegen offensichtlicher Widersprüche in die Defensive.

Whistler - The Show must go on: Als die olympische Familie nach dem tödlichen Unfall des Georgiers Nodar Kumaritaschwili noch im Schockzustand war, stürzten sich die Rodler bei den Winterspielen in Whistler bereits wieder die Todesbahn hinunter.

"Wir hatten das Unglück natürlich alle noch im Hinterkopf. Aber es ist nunmal ein gefährlicher Rennsport. Und es gibt leider nicht so viele Nationen mit guten Fahrern, die so eine schnelle Strecke im Griff haben", sagte Weltmeister Felix Loch.

Die meisten Athleten gingen mit Blick auf die Medaillenjagd wieder zur Tagesordnung über, doch im Hintergrund entbrannte eine Diskussion über die Schuldigen.

"Diese Bahn deutet auf schwere Rechenfehler im Programm der Konstrukteure hin. Sie müssen so schnell wie möglich ihre Werte überarbeiten", sagte der deutsche Sportdirektor Thomas Schwab.

Die Probleme der schnellsten Eisrinne der Welt sind seit zwei Jahren bekannt.

Fehler bei Banden-Konstruktion

Nach dem Tod von Kumaritaschwili wurde jedoch nicht nur über die wahnwitzigen Geschwindigkeiten von bis zu 155 km/h diskutiert, sondern auch über Fehler bei der Konstruktion der Banden.

Diese führten überhaupt erst dazu, dass der Georgier mit hohem Tempo kurz nach der Zieldurchfahrt aus der Bahn gegen einen Stahlträger flog.

Architekt wehrt sich

Der Architekt der Todesbahn, der Leipziger Udo Gurgel, wehrte sich gegen die Vorwürfe und schob die Verantwortung auf den Veranstalter und den Weltverband FIL ("Sind wir denn Crash-Test-Dummys?").

"Von Vorwürfen kann man nicht reden, weil wir die Bahn in Absprache mit den beiden Verbänden sehr sorgfältig gebaut und geprüft haben", sagte Gurgel und betonte, dass die Sicherheitsmaßnahmen vor Ort Sache der Verbände seien.

Offenkundige Widersprüche

Weltverbands-Präsident Josef Fendt meinte zunächst, die Bahn sei nicht zu schnell, räumte kurz darauf aber doch große Fehler bei der Einschätzung des Olympia-Eiskanals ein.

"Wir haben die Bahn nicht so schnell erwartet. Das hat sich einfach so ergeben. Dann haben wir aber eigentlich festgestellt, dass sie trotzdem nicht gefährlich ist. Trotzdem ist eine Tragödie passiert", sagte Fendt, der bei der Pressekonferenz in Whistler am Tag nach dem Unglück wegen der offenkundigen Widersprüche in die Defensive geriet.

Der deutsche Trainer der kanadischen Rodler, Wolfgang Staudinger, unterstellte dem verunglückten Kumaritaschwili grobe Fahrfehler: "Er muss in der Kurve 16 einen riesengroßen Fahrfehler begangen haben. Mit der Bahn hatte der Unfall nichts zu tun."

Keine Mängel an der Bahn?

Zuvor hatten nach einer Begehung des Eiskanals und nach Ansicht der Videobänder bereits die technischen Offiziellen der FIL "Mängel an der Bahn" als Unfallursache definitiv ausgeschlossen. Der Weltverband und das Organisationskomitee VANOC erklärten gemeinsam, dass dem tödlichen Sturz ein Fahrfehler vorausgegangen war.

Die Rennleitung und die FIL entschieden nach den gemeinsam mit den kanadischen Behörden durchgeführten Untersuchungen, die Mauern durch Holzlatten an der Ausfahrt der Unfall-Kurve 16 zu erhöhen und das Eis-Profil zu verändern.

Diese "vorbeugende Maßnahme" sei getroffen worden, um zu vermeiden, dass sich "ein solch außergewöhnlicher Unfall" abermals ereignen könne.

Hackl: "Grenze erreicht"

Unterdessen forderte der dreimalige Rodel-Olympiasieger Georg Hackl ein Ende des Geschwindigkeitswahns.

"Der Vorfall gibt uns allen zu denken. Irgendwann muss es auch mal gut sein. Es kann theoretisch immer noch einen kleinen Tick schneller gehen. Immer. Aber ich denke, dass nun die Grenze erreicht ist", sagte Hackl. (Kommentar: IOC muss sich entscheiden)

Entschärfung ein Vorteil für die Deutschen

Dass die deutschen Rodler, die wie alle anderen mit einem schwarzen Klebestreifen auf dem Helm starteten, durch die Entschärfung der Bahn und die Verlegung auf den Damen-Start am Samstag urplötzlich auch noch einen großen Vorteil gegenüber den Favoriten Armin Zöggeler (Italien) und Albert Demtschenko (Russland) hatten, spielte allerdings nur eine untergeordnete Rolle.

"Es geht nicht darum, dass wir Deutschen Vorteile durch den Damen-Start haben, es geht darum, dass alle die Bahn sicher runterkommen. Natürlich kommt uns der Start entgegen, aber es gleicht sich im Leben eben alles aus. In Turin hatte zum Beispiel Zöggeler den Vorteil, dass er vor Olympia auf der Bahn 200 Fahrten mehr machen konnte", sagte David Möller.

Loch in Führung

Der Ex-Weltmeister lag nach zwei von vier Läufen des Herren-Wettbewerbs hinter Loch auf Platz zwei. Erst dahinter folgten Zöggeler und Demtschenko.

Die Entscheidung fällt in der Nacht zum Montag (ab 22 Uhr LIVE).

Derweil gehen die deutschen Frauen als Konsequenz aus dem Unfall am Montag vom Junioren-Start aus in ihr Unternehmen Gold. "Der verkürzte Start ist ein gravierender Einschnitt", sagte Favoritin Tatjana Hüfner.

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