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Ahmet Coskun 2006 in einem Bundesliga-Spiel - damals noch mit längeren Haaren © imago

Für den deutschen Rollstuhl-Basketballer sind die Spiele nach einem positiven Doping-Test vorbei. Grund: Ein Haarwuchsmittel.

Peking - Aus Eitelkeit ist Rollstuhl-Basketballer Ahmet Coskun in die Dopingfalle getappt und hat das deutsche Team bei den Paralympics in Peking in einen Schock-Zustand versetzt.

Offenbar ohne Täuschungsabsicht, aber mit großer Blauäugigkeit nahm der 33-Jährige schon jahrelang täglich das Haarwuchsmittel Propecia, informierte den Deutschen Behindertensportverband (DBS) nicht darüber und wurde vier Tage nach Beginn der Paralympics als Doping-Sünder überführt.

Der Jurist wurde umgehend nach Hause geschickt, muss wohl die Entsendungskosten übernehmen und wird gesperrt werden.

"Bestürzt und stinkesauer"

"Ich bin sehr bestürzt und stinkesauer", meinte der deutsche Chef de Mission Karl Quade, "er war nicht professionell, hat alles nicht ernst genug genommen, und nun hat er die Quittung dafür."

Der ehemalige Italien-Legionär Coskun, der in Hamburg lebt und derzeit ohne Verein ist, fiel aus allen Wolken, als er am Mittwochmorgen vom Ergebnis der Urinprobe aus dem Trainingslager vom 23. August in Wetzlar unterrichtet wurde.

"Ich habe an meine Haare gedacht und hatte keine Ahnung, dass das Haarwuchsmittel eine verbotene Substanz enthält", beteuerte er, "ich bin völlig bestürzt, Doping ist mir nie in den Sinn gekommen."

Coskuns Version "glaubwürdig"

Das glauben ihm die Verantwortlichen durchaus. Das Mittel Finasterid selbst ist nicht leistungsfördernd, steht aber seit 2005 als maskierendes Mittel auf der Dopingliste, weil es andere Substanzen verschleiern könnte.

"Auf uns wirkte er sehr glaubwürdig", erklärte der deutsche Teamarzt Jürgen Kosel. Quade ergänzte: "Oft werden in solchen Fällen noch andere Mittel gefunden, um die es eigentlich geht. Das war hier aber nicht der Fall."

Nach seiner Ansicht wollte der Athlet kurdischer Abstammung "einfach einem gewissen Schönheitsideal entsprechen".

Klassischer Fall von Dopingfalle

Was die Wut auf ihn jedoch nich mindert. "Das war ein klassischer Fall von dem, was man eine Dopingfalle nennt", meinte Quade.

"Man dopt unbewusst, obwohl man etwas anderes im Sinn hat. Aber genau deshalb betreiben wir seit Jahren erhebliche Aufklärungsarbeit", wetterte er.

In Reinhard Küper hat der DBS einen eigenen Dopingbeauftragten eingestellt. "Wir haben alle 40 DBS-Sportärzte gebrieft", erklärte dieser, "sie haben alle Trainer und Athleten eingeweiht und Broschüren verteilt. Wir haben unsere Bringschuld aus Fürsorgepflicht eindeutig erfüllt."

"Weiter aufklären, aufklären, aufklären"

Vor den Paralympics musste jeder Athlet eine Liste ausfüllen. Coskun gab ein leeres Blatt ab. "Er hat gesagt, er habe einfach nicht daran gedacht. Dieses Mittel war für ihn etwas Alltägliches, etwas Normales", berichtet Kosel.

"Das zeigt, dass wir weiter aufklären, aufklären, aufklären müssen", sagte Quade, "bis auch der letzte Athlet nicht mehr glaubt, das sei ja nur ein Hustensaft oder eine Kopfschmerz-Tablette."

Keine Strafe für die Mannschaft

Coskun war bis einschließlich Dienstag in drei Spielen für die deutsche Mannschaft zum Einsatz kommen.

Das Team wird allerdings nicht bestraft werden. Ulf Mehrens, der Vorsitzende des Deutschen Rollstuhlsportverbandes, erklärte nach Rücksprache mit dem Basketball-Weltverband FIBA, dass keinerlei Möglichkeit mehr für einen Protest bestehe.

Um eine Sperre wird Coskun, der sich nach Angaben von Kosel "sehr kooperativ" zeigt, aber nicht herumkommen.

Fünf deutsche Medaillen

Der Dopingfall drängte im deutschen Lager am Mittwoch auch den Sport in den Hintergrund. Der brachte fünf Medaillen.

Silber holten Natalie Simanowski (Leverkusen) in der Rad-Einzelverfolgung, Frances Herrmann (Cottbus) im Diskuswurf und Schwimmerin Kirsten Bruhn (Neumünster) über 100 m Rücken.

Bronze ging an Reiterin Britta Näpel (Wonsheim) in der Kür und die Tischtennis-Spielerin Andrea Zimmerer (Preetz).

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