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Verena Bentele könnte ihre vier Goldmedaillen von Salt Lake City noch toppen © imago

Der deutsche Behindertensport feiert vier Rekorde. Die Mission der "Überirdischen" geht weiter, Schönfelders tolle Tage auch.

Whistler - Gerd Schönfelder informierte sich erst einmal daheim, wo der Nachwuchs bleibt. Willi Brem feierte bis tief in die Nacht mit bayerischen Freunden, dagegen entzog sich Verena Bentele dem ganzen Trubel und fiel nach der Siegerehrung direkt ins Bett.

Den größten Tag in der Geschichte des deutschen Behindertensports feierte jeder der drei Hauptdarsteller auf seine Weise.

Friedhelm Julius Beucher, Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS), kriegte das Strahlen gar nicht mehr aus dem Gesicht. "Das war ein Tag für Chronisten, der erfolgreichste Tag, den wir bei Winterspielen je erlebt haben", sagte Beucher und verkündete am Abend im Deutschen Haus: "Klatschen reicht da nicht mehr. Da müssen wir schon die Gläser erheben."

Erfolgreichste Nation aller Zeiten

Stunden zuvor hatten die deutschen Athleten in Whistler unvergessliche Stunden erlebt und dabei gleich vier Rekorde aufgestellt.

Seit Mittwoch ist Deutschland nach Anzahl der gesammelten Medaillen die erfolgreichste Nation in der Geschichte der Winter-Paralympics.

Es gab nie erreichte sechs Medaillen an einem Tag und erst recht nie dagewesene drei Goldläufe innerhalb von 25 Minuten.

Begeisterung bei Quade

Schönfelder hat nun 13 Goldmedaillen, so viele wie kein anderer Athlet in der Historie der Winter-Paralympics. 212650(DIASHOW: Eröffnungsfeier der Paralympics)

"So etwas habe ich noch nicht erlebt. Das war schon gewaltig", sagte der deutsche Chef de Mission Karl Quade, eher ein Mann der ruhigen Töne.

DBS-Generalsekretär Raphael Beckmann sprach von "dem perfekten Tag", und Beucher ergänzte: "Das ist eine irre Freude. Von diesem Tag werden ein Aufrütteln und eine Sympathie-Welle ausgelöst werden."

Norwegen entthront

In der Tat boten nicht nur die goldenen 25 Minuten mit Schönfelder im Riesenslalom sowie dem bisherigen Pechvogel Brem und der nun schon dreifachen Siegerin Bentele im Biathlon Emotionen pur.

Auch hinter den anderen drei Medaillen am Mittwoch standen außergewöhnliche Geschichten.

Durch das Silber von Deutschlands Behindertensportlerin des Jahres, Andrea Rothfuß (Mitteltal), im Riesenslalom übernahm der DBS Rang eins im ewigen Medaillenspiegel von Norwegen.

Benteles Mission geht weiter

Andrea Eskau (Magdeburg) lief im Biathlon nach nur neun Monaten Training ebenso zu Bronze wie der 48 Jahre alte Routinier Josef Giesen (Herzlake) im letzten Rennen seiner Karriere.

Giesen war der einzige Athlet, dessen Konzentration sich nicht mehr auf weitere Wettkämpfe richten muss. Bentele, auf die nach dem ersten Siegeslauf am Wochenende viel einstürzte, entging am Mittwoch bewusst den Feierlichkeiten und mied das Deutsche Haus.

Volle Konzentration auf fünfmal Gold lautet die Devise bei den "Bentele-Spielen", von denen die 28-Jährige schon nach dem zweiten Sieg gesprochen hatte. Wie groß der Druck auf die "Überirdische" (Quade) ist, verrieten ihre Tränen beim Zieleinlauf.

"Toller kann das Gefühl bei Olympia nicht sein"

Für Schönfelder, den "Stier von Kulmain", war der Mittwoch der Start in die wohl ereignisreichste Woche seines Lebens.

Am Sonntag wird er zum letzten Mal in seiner großen Karriere bei Paralympics starten, gleichzeitig erwartet Ehefrau Christina stündlich das zweite Kind.

"Ich muss das alles mit etwas Abstand irgendwann mal ordnen", sagte der 39-Jährige, genoss sein 13. Gold aber in vollen Zügen: "Die Siegerehrung war der Wahnsinn, die schönste, die ich je erlebt habe. Toller kann das Gefühl bei Olympia auch nicht sein."

Eskau hofft auf Geburtstags-Gold

Große Ziele haben auch noch zwei Frauen. Die 20 Jahre alte Schülerin Rothfuß will nach insgesamt dreimal Silber endlich Gold bei Paralympics. "Im Moment bin ich ein bisschen die Silber-Andrea. Gold kann ich noch nicht", sagte sie schmunzelnd.

Andrea Eskau könnte außerdem ein weiteres Stück deutscher Paralympics-Geschichte schreiben. Wenn sie am Sonntag - ihrem 39. Geburtstag - im Langlauf gewinnt, wäre die Handbikerin die erst zweite deutsche Frau nach Reinhild Möller mit Gold bei Sommer- und Winterspielen.

"Ich denke, ich habe allerbeste Chancen", sagte sie selbstbewusst. In der Nacht nach dem "goldenen Mittwoch" schien im deutschen Lager aber ohnehin nichts mehr unmöglich.

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