"Man muss sich im Griff haben"
Von Annette Bachert und Raphael Weber
München - Vanessa Low und Markus Rehm haben ein ähnliches Schicksal und das gleiche Ziel.
Die beidseitig oberschenkelamputierte Low und Rehm, dem nach einem Unfall beim Wakeboarden der rechte Unterschenkel amputiert werden musste, nehmen an den Paralympics in London teil.
Im Weitsprung gehören die Weltmeister von 2009 zu den Favoriten. Über die 100 Meter gehen ebenfalls beide an den Start - wenn auch mit weniger großen Chancen.
Die 22-Jährige und der zwei Jahre ältere Rehm trainieren gemeinsam beim TSV Bayer 04 Leverkusen die beiden unter der Leitung von Speerwurf-Weltmeisterin Steffi Nerius. Seit 2009 sind sie auch privat ein Paar.
Im SPORT1-Interview sprechen Low und Rehm über ihre Erwartungen bei den Paralympics, Mentalcoaching, Prämien und Stars wie Oscar Pistorius und Alessandro Zanardi.
SPORT1: Frau Low, Herr Rehm, die Paralympics stehen vor der Tür: Wie groß ist die Aufregung und was bedeutet ihnen die Teilnahme in London?
Vanessa Low: Jetzt wo wir hier sind steigt die Anspannung natürlich, aber es ist eher Vorfreude als Aufregung. Es ist toll das zu erleben, wir genießen es alle. Wir freuen uns mega auf die Eröffnungsfeier und natürlich auf unsere Wettkämpfe.
Markus Rehm: Ich bin vor allem auf die Eröffnungsfeier gespannt. Wir haben schon ein bisschen was von den Proben gehört, das klingt schon sehr interessant. Ich bin gespannt, was auf uns wartet. Am Freitag geht für mich ja schon der Wettkampf los. Darauf freue ich mich, aber die Aufregung steigt natürlich.
SPORT1: Sie sind beide im Weitsprung und bei den 100 Meter am Start. Welche Ziele haben Sie sich gesetzt?
Low: Der Weitsprung ist meine Hauptdisziplin, da möchte ich auf jeden Fall meine Bestleistung abliefern und hoffe, dass ich vorne mit dabei sein kann. Auch über 100 m wäre ich gerne unter den ersten Fünf, aber das kann man natürlich nicht beeinflussen. Die anderen Athleten haben auch hart trainiert - man weiß persönlich, was man drauf hat, aber was die Anderen können, kann man nicht vorhersehen. Paralympics sind einfach noch eine andere Situation, da muss man sich im Griff haben und das vom Kopf her packen.
Rehm: Ich konzentriere mich auch auf den Weitsprung und hoffe, dort vorne mitmischen zu können. Ich bin ganz guter Dinge, dass ich die Leistung aus dem Training abrufen kann. Ziel ist natürlich, Bestleistung zu springen. Über die 100 m will ich ins Finale kommen, für mehr wird es vermutlich nicht reichen. Der Endlauf wäre aber ein großes Ziel.
SPORT1: Wie haben Sie denn die Olympischen Spiele in London und die Stimmung dort erlebt?
Low: Großbritannien ist einfach ein sportbegeistertes Land, die Stimmung war enorm. Als wir bei unserer Anreise durch die Stadt gefahren sind, konnten wir das auch sehen: Überall waren Werbung und Hinweise für die Spiele. Es ist etwas ganz Besonderes hier, weil die Leute den Sport leben. Olympia hat uns gezeigt, in welche Richtung es gehen wird. Jetzt lassen wir uns überraschen, ob es bei den Paralympics genauso toll wird, oder vielleicht noch schöner.
SPORT1: Sie sprechen es an, bei den Paralympics werden ebenfalls richtig viele Zuschauer im Stadion sein - nicht zu vergleichen mit anderen Wettkämpfen. Bereiten Sie sich darauf speziell vor?
Low: Ja, wir sind das sonst ja nicht gewohnt. Der paralympische Sport findet ja nur alle vier Jahre in der Öffentlichkeit statt. Wir haben im letzten halben Jahr intensiv mit einem Mentalcoach zusammengearbeitet, um uns darauf vorzubereiten. Das ist sehr wichtig, weil es doch nochmal etwas ganz anderes ist, wirklich vor so vielen Zuschauern zu stehen und sich bei dieser Lautstärke noch zu konzentrieren. Da sollte man nicht ganz unvorbereitet rangehen.
SPORT1: Wie wichtig sind Stars wie Oscar Pistorius und Alex Zanardi für den paralympischen Sport?
Rehm: Die sind auf jeden Fall wichtig. Sie sind Vorreiter des Sports. Auch wenn es Kritik gibt, haben sie für den paralympischen Sport sehr viel getan: Die mediale Aufmerksamkeit ist gestiegen und sie haben das Ganze spannender und interessanter gemacht. Sie zeigen, dass Menschen mit Handicap gute Leistungen bringen können. Das ist für den ganzen Sport nur positiv.
Low: Wie bei den Nicht-Behinderten in der Leichtathletik ist es einfach wichtig, solche Stars zu haben - wie Usain Bolt oder Robert Harting, die auch eine Show machen. Dadurch wird es letztendlich für den Zuschauer interessant, spannend und ansehnlich. Wenn man nur die Wettkämpfe stumpf stattfinden lassen würde, ohne das ganze Drumherum, wäre es nur halb so schön und halb so spannend. Da hat uns Oscar sehr geholfen.
SPORT1: Kürzlich wurde die Medaillenprämie erhöht, dafür gab es Lob und Kritik ( News). Wie sehen Sie diese Maßnahme?
Rehm: Ich finde es super, dass die Prämien angehoben wurden. Auch im paralympischen Sport steigen die Leistungen, und es ist schön, dass das mit Prämien honoriert wird. Einige haben sich wohl geärgert, weil die Höhe nicht mit dem olympischen Sport gleichgesetzt wurde - das finde ich aber völlig in Ordnung. Bei uns ist die Leistungsdichte einfach noch nicht so hoch. Sicherlich muss man das in den kommenden Jahren weiter beobachten und eventuell nochmal anpassen.
Low: Es wäre jetzt natürlich wichtig, auch im Zuge der nächsten vier Jahre darauf zu achten, dass man auch außerhalb der Spiele besser fördert. Gerade in Deutschland ist die Förderung schon für die nichtbehinderten Sportler sehr schlecht. Im paralympischen Sport ist es noch deutlich schwieriger.
Klar ist die angehobene Medaillenprämie ein erster und richtiger Schritt, weil die Leistungsdichte in den letzten Jahren gestiegen ist. Aber die Leichtathletik hat Jahrzehnte gebraucht, um auf dem heutigen Stand zu sein - mit einer solchen Leistungsdichte und extremen Leistungen. Da muss man dem paralympischen Sport und dem Training einfach noch ein paar Jahre geben.
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