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Pius Heinz gewann am 9. November 2011 den Weltmeister-Titel im Pokern © SPORT1

Pius Heinz ist Poker-Weltmeister. Bei SPORT1 gibt der Pokerstars-Spieler nützliche Tipps für ein erfolgreicheres Spiel.

Von Michael Körner und Pius Heinz

München - Sonnenbrillen sind bei Poker-Spieler ein beliebtes Utensil, um sich nichts anmerken zu lassen und die Augen möglichst gut zu verstecken.

Während Augen und Blicke etwas verraten könnten, kann kein Spieler in den Kopf des Kontrahenten schauen, um dort die Gedankengänge zu erkennen.

Im zweiten Teil der SPORT1-Pokerschule geht es darum, welche Rolle die Augen und der Kopf beim Pokern einnehmen. (514885DIASHOW: Pius Heinz' Triumph bei der WM)

(Hier geht es zum ersten Teil der SPORT1-Pokerschule mit Pius Heinz)

Kopf

In unserem Kopf spielen sich während eines Pokerspiels viele Milliarden Dinge ab, so auch mathematische und spielanalytische Prozessen. (Pius Heinz auf Facebook)

Es gibt viele Menschen, die dem Pokerspiel einen gehörigen Respekt entgegen bringen. Unter anderem auch deswegen, weil sie die mathematische Komponente des Spiels überbewerten.

Kein Uni-Abschluss nötig

Mathematik ist ein absolut notwendiger Bestandteil des erfolgreichen Spiels, jedoch braucht es dafür keinen Universitätsabschluss in theoretischer Rechenkunst.

Die durchzuführenden Berechnungen sind relativ banal, die Situationen schnell zu erkennen, so dass einem halbwegs versierten Spieler die Anwendung nach kurzer Zeit in Fleisch und Blut übergehen sollte.

Einfaches Grundprinzip

Das Grundprinzip dürfte jedem Spieler schnell einleuchten: In einem Poker-Pott liegen 80 Chips, entsprechend groß ist demnach der momentan mögliche Gewinn. Nun setzt vor mir jemand weitere 20 Chips, so dass der Pott auf 100 Chips angewachsen ist.

Ich muss also mindestens 20 Chips investieren, um die 100 zu gewinnen, da ich bekanntlich den Einsatz meines Gegners "callen" muss, um in der Hand dabei zu bleiben.

Erste Überlegungen

Die Überlegung dazu: Wenn das in einem von fünf Fällen funktioniert, habe ich am Ende "plusminusnull", also weder etwas gewonnen noch verloren. Ich habe ja in fünf Versuchen jeweils 20 investiert (5 x 20 = 100), um einmal die 100 im Pott zu gewinnen.

Dementsprechend wäre es super, wenn es mir, in einem von vier Fällen gelingt, den Pott zu gewinnen. Damit mache ich auf längere Sicht Gewinn. Ich investiere insgesamt 80 Chips (4 Versuche mit je 20 Chips) und gewinne einmal 100.

Also habe ich ein Plus von 20 Chips. Nun brauche ich also für unseren speziellen Fall eine Gewinnwahrscheinlichkeit von mindestens 25 Prozent, es soll ja in einem von vier Fällen gelingen.

Video

Der Weg zum fortgeschrittenen Spieler

Der nun folgende Schritt ist aus mathematischer Sicht der wichtigste auf dem Weg von einem Anfänger zum fortgeschrittenen Spieler.

Bereits nach sehr wenigen Händen weiß auch der Einsteiger, dass ihm noch eine Herzkarte zum Flush fehlt, wenn er selbst zwei Herz hält und bei den Gemeinschaftskarten im Flop ebenfalls zwei der drei Karten Herz sind.

Der entscheidende Vorgang ist nun, kurz zu berechnen, mit welcher Wahrscheinlichkeit noch ein weiteres Herz kommt.

Berechnung der "Outs"

Es gibt insgesamt 13 Karten von jeder Farbe (also auch Herz), vier sind mindestens im Umlauf (zwei beim Spieler, zwei im Flop). Also gehen wir von noch neun verbliebenen Herzkarten aus.

Diese Karten, die einem Spieler zu einer gemachten Hand (also hier einem Flush) verhelfen, nennt man "Outs". Um die relativ korrekte Wahrscheinlichkeit zu ermitteln, müssen Sie die Anzahl ihrer Outs nach dem Flop mit dem Faktor 4 multiplizieren: 4 x 9 = 36. (Der mathematisch korrekte Wert wäre 35 Prozent)

Recht grob, aber für unsere Verhältnisse völlig ausreichend formuliert: Man bekommt den Flush in etwa jedem dritten Fall. Für unsere Situation bedeutet das, es gibt eine Gewinnwahrscheinlichkeit von über 25 Prozent, demnach ist es mathematisch korrekt mit einem Flushdraw einen Einsatz von 20 Chips zu bezahlen, wenn ich 100 damit gewinnen kann.

Wann man bezahlen sollte

Wird nur noch die Riverkarte gelegt, dürfen Sie die Anzahl Ihrer Outs natürlich nicht mehr mit dem Faktor 4 multiplizieren. Hier gilt die Regel: Zahl der Outs mit 2 multiplizieren und 2 addieren.

Für den Flushdraw: 9 x 2 + 2 = 20. Hier ist die Gewinnwahrscheinlichkeit also nur noch 20 Prozent. Nun fehlt noch der Bezug zwischen Gewinnwahrscheinlichkeit und dem zu erwartenden Gewinn, dem Geld im Pott also.

Multiplizieren Sie die 20 Prozent mit dem Geld im Pott: 0,20 x 100 = 20. Bis 20 Chips können Sie callen, sollte vor Ihnen jemand mehr setzen, ist es aus mathematischer Sicht nicht mehr korrekt zu bezahlen.

Berechnungen sind schnell gelernt

Experimentieren Sie ruhig ein bisschen, kalkulieren Sie Ihre Outs auf dem Flop und/oder dem Turn, berechnen Sie die korrekten Wahrscheinlichkeiten.

Sie werden sehen, nach kurzer Zeit ist es für Sie eine völlig normale Angelegenheit, auf dem Flop oder Turn Ihre Outs zu erkennen und die Gewinnwahrscheinlichkeiten zu berechnen.

(Tabelle der Wahrscheinlichkeiten - Turn und River)

(Tabelle der Wahrscheinlichkeiten - River)

Das Gefühl für einen Call

Es bleibt natürlich jedem selbst überlassen, ob er bei seinem Spiel ständig irgendwelche Wahrscheinlichkeiten berechnet.

Mit einer gewissen Erfahrung jedoch verschwimmen diese Berechnungen in Ihrem Kopf zu einer Art "Gesamteinschätzung". Sie werden ein Gefühl dafür bekommen, ob sich ein mathematischer fragwürdiger Call doch noch lohnt, weil Sie von Ihrem Gegner sehr viele Chips gewinnen können.

Oder weil Sie andere Dinge noch mit ins Kalkül ziehen. Erfahrung beim Poker ist das A und O, viele Dinge, die Ihnen anfangs vielleicht noch befremdlich oder in den mathematischen Fällen umständlich erscheinen, werden ihnen im weiteren Verlauf Ihres Spiels völlig selbstverständlich vorkommen.

Fazit: Die Basis der Poker-Mathematik ist einfacher als gedacht. Geben Sie sich einen Ruck.

Heinz: "Der Kopf ist das Wichtigste beim Poker. Eine vernünftige Spielanalyse gehört zur Kernkompetenz eines erfolgreichen Pokerspielers. Allerdings darf man sich auch nicht auf pure mathematische Entscheidungen versteifen. Man sollte immer über mehrere Möglichkeiten nachdenken, wie man einen Pott gewinnen kann. Wichtig ist, sich bereits am Flop zu überlegen wie ich die Hand auf dem Turn und auf dem River weiter spielen kann." (Folge Pius Heinz auf twitter)

Auge

Das Auge liefert uns einen gigantischen Schwall an Informationen, den wir für unsere Zwecke eindämmen müssen, um die relevanten Eindrücke zu nutzen.

Generell gilt, es ist von unschätzbarem Vorteil so ausdauernd wie möglich das Geschehen am Tisch zu beobachten.

Den Gegner lesen

Was für Typen sind meine Gegner? Junge wilde Spieler oder eher ältere passive? Welche Auffälligkeiten kann man feststellen? Wie hat sich jemand verhalten, der eine starke Hand gezeigt hat? Wurde einer Ihrer Gegner am Tisch bei einem Bluff erwischt, dann versuchen Sie nachträglich zu rekapitulieren was Ihnen aufgefallen ist.

Dabei sollte vor Ihrem inneren Auge auch immer ein Bild von Ihrem eigenen Verhalten am Tisch entstehen. Wie wirken Sie mit Ihrer Art auf die anderen Spieler? Haben Sie an sich selbst Verhaltensmuster entdeckt, aus denen andere Spieler Rückschlüsse auf die Stärke Ihrer Hand ziehen können?

So lehnen sich manche Spieler recht auffällig nach vorn, wenn ihnen der Flop gefällt und sie besonders interessiert sind. Oder sie lehnen sich leicht zurück, weil sie eine schwache Hand halten und unbewusst bereits mit ihr abgeschlossen haben.

"Tells" erkennen

Das, was ein Spieler am Tisch in einer mehr oder weniger auffälligen Weise von sich preisgibt, nennt man "Tell". Ein "Tell" erzählt einem eine kleine Geschichte über eine Person.

Beispiele dafür sind so unendlich wie menschliche Verhaltensweisen. Der ehemalige FBI-Agent Joe Navarro hat sogar ein Buch über solche Verhaltensmuster geschrieben und es erscheint einem Laien beinahe beängstigend welche Rückschlüsse manche Menschen aus einem Zucken, Kratzen, Atmen, Wippen etc. ziehen können.

Sehr gute Spieler sind allerdings auch in der Lage mit solchen "Tells" zu "spielen", d.h. sie täuschen Zweifel und Unsicherheit vor, dabei halten sie eine ausgesprochen starke Hand.

Fazit: Seien Sie ein guter Beobachter ohne selbst ins Zentrum der allgemeinen Aufmerksamkeit zu geraten.

Heinz: "Für mich ist es wichtiger selber keine Tells zu zeigen als bei anderen Spieler welche zu entdecken. Spiele ich gegen starke Spieler und mein Gegner überlegt sehr lange, dann suche ich mir eine Karte auf dem Tisch aus, die ich stumpf anstarre. Spiele ich gegen schwächere Spieler, so habe ich auch kein Problem damit, denjenigen selbst über längere Zeit anzustarren."

(Hier geht es zum ersten Teil der SPORT1-Pokerschule mit Pius Heinz)

(Hier geht es zum dritten Teil der SPORT1-Pokerschule mit Pius Heinz)