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Klöden (l.) und Kessler fuhren von 2000 bis 2006 gemeinsam in Magenta © getty

Der zweimalige Tourzweite und ein ehemaliger Teamkollege werden von einer Expertenkommission zum Telekom-Doping schwer belastet.

Freiburg - Systematisches Doping von 1995 bis 2006, teilweise lebensgefährliche Praktiken und ein schwer belasteter Radprofi Andreas Klöden:

Der Abschlussbericht der Expertenkommission zur Aufklärung der Vorwürfe gegen Mediziner der Universitätsklinik Freiburg zeichnet ein erschreckendes Bild vom Ausmaß des Dopingbetrugs im ehemaligen Team Telekom.

Zudem zieht sich durch die Informationen aus dem Bericht die Schlinge um den Hals des zweimaligen Tour-Zweiten Klöden wohl endgültig zu.

Unter den Freiburger Medizinern Andreas Schmid und Lothar Heinrich wurde dem Erfolg des einstigen deutschen Vorzeige-Rennstalls demnach weit über den bislang eingeräumten Zeitraum hinaus mit unerlaubten Mitteln auf die Sprünge geholfen.

Der 63-seitige Bericht, der am Mittwoch in Freiburg vorgestellt wurde, macht zudem deutlich, dass mehrere Hunderttausend Euro des damaligen Haupsponsors Telekom ohne dessen Wissen für Dopingpraktiken missbraucht wurden.

Doping am Vorabend der Tour

Gestützt durch eine Aussage des geständigen Doping-Sünders Patrik Sinkewitz vom 3. März 2008, lässt die dreiköpfige Kommission um den Juristen Hans-Joachim Schäfer keinen Zweifel daran, dass Klöden und sein ehemaliger Telekom-Teamkollege Matthias Kessler am 2. Juli 2006, dem Vorabend des Tourstarts in Straßburg, zum Eigenblutdoping nach Freiburg fuhren.

"Wir haben Belege, dass nicht nur Sinkewitz, sondern auch Klöden und Kessler bei der Tour 2006 in den Räumen der Abteilung Sportmedizin gedopt wurden", sagte Schäfer vor über 50 Medienvertretern.

Während der Nürnberger Kessler derzeit eine zweijährige Sperre wegen Testosteron-Dopings absitzt, steht der gebürtige Sachse Klöden seit zwei Jahren beim kasachischen Astana-Team unter Vertrag. Klöden belegte bei der Tour 2006 wie schon zwei Jahre zuvor Platz zwei im Gesamtklassement. Er bestritt bislang jede Form von Doping.

Keine Stellungnahme von Klöden

Klöden und Kessler haben bislang keine Stellungnahme abgegeben. Schmid und Heinrich verweigerten aufgrund laufender staatsanwaltschaftlicher Ermittlungen jegliche Erklärung.

Für den Verdacht, dass auch andere Mitglieder der T-Mobile-Tourmannschaft vor drei Jahren am Betrug beteiligt waren, wurden dagegen keine Beweise gefunden.

Sinkewitz durch Schmid gefährdet

Im Fall Sinkewitz gefährdete der behandelnde Sportmediziner Andreas Schmid durch eine verpatzte Bluttransfusion sogar das Leben des Sportlers.

Offenbar war das Blut bakteriell verunreinigt oder fehlerhaft abgenommen worden. Schmid schickte Sinkewitz jedoch ohne Warnung wieder fort und setzte ihn damit nach Ansicht der Kommission "besonders verantwortungslos" dem "Risiko schwerster Komplikationen" aus.

Sinkewitz hätte einen septischen Schock oder eine tödliche Lungenembolie erleiden können. "Das wurde in Kauf genommen und ist ein schlimmer Verstoß gegen die Regeln bei Transfusionen", sagte Schäfer.

Schäfer: Einflußnahme von außen

Zwei Jahre lang untersuchten Schäfer und seine Mitstreiter, der Doping-Forscher Wilhelm Schänzer und der Pharmakologe Ulrich Schwabe, die Praktiken der beiden Mediziner Schmid und Heinrich im Zusammenhang mit dem Ende 2007 aufgelösten Radrennstall.

77 Zeugen, davon 12 Radprofis, wurden angehört, allerdings folgten beispielsweise Jan Ullrich, Kessler, Klöden oder Udo Bölts der Einladung nicht.

Schäfer bestätigte auch, dass es während der Untersuchung immer wieder zu versuchten Einflussnahmen von außen gekommen sei, wobei dies ausdrücklich nicht durch die Freiburger Uni geschehen sei.

Stattdessen hätten Vertreter von Verbänden und Rennställen versucht, die Arbeit der Kommission zu beeinflussen. Schäfer berichtete sogar von einem Anruf des BDR-Präsidenten Rudolf Scharping, der um einen "Datenabgleich" gebeten habe. Daraufhin habe er ihm gesagt, dass er sich nicht aushorchen ließe, so Schäfer.

Kommission: Heinrich und Schmid ohne Mitwisser

Die Kommission kommt zu dem Schluss, dass Heinrich und Schmid an der Uniklinik ohne Mitwisser gehandelt haben.

Auch für eine aktive Rolle des inzwischen verstorbenen früheren Institutsleiters Joseph Keul finden sich keine Belege. Keul hatte öffentlich die Meinung vertreten, dass Epo bei richtiger Anwendung ungefährlich sei.

Zur Verfeinerung des Systems wurden offenbar Gelder des Hauptsponsors Telekom missbraucht. Das Unternehmen hatte unter dem Vorsitz von Keul bereits 1998 den Arbeitskreis "Dopingfreier Sport" gegründet. Konsultierendes Mitglied war Heinrich, und so war es dessen Kollege Schmid, der einen großen Teil der insgesamt fast 800.000 Euro aus Bonn für seine Forschungen erhielt.

Entzug der Approbation droht

Heinrich und Schmid waren 2007 von der Klinik fristlos entlassen worden. Gegen die Mediziner läuft ein Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft Freiburg, zudem verlangt das Land Baden-Württemberg die Einnahmen, die sie für die unerlaubte Nebentätigkeit für die Radprofis erhielten.

Darüber hinaus droht beiden der Entzug ihrer ärztlichen Approbation sowie möglicherweise sogar ihrer akademischen Titel.

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