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Patrik Sinkewitz wurde vor der Tour de France 2007 positiv auf Testosteron getestet © imago

Der Radprofi soll detailliert über Dopingpraktiken bei seinem früheren Arbeitgeber ausgepackt haben. Die AFLD hat eine Liste.

Monaco - Pünktlich zum Start der 96. Tour de France rückt das Endlos-Thema Doping wieder in den Mittelpunkt.

Kronzeuge Patrik Sinkewitz soll in einem Geständnis vor der Welt-Antidoping-Agentur (WADA) belastende Aussagen über systematisches Doping in seinem früheren Rennstall Quick Step gemacht haben.

Unterdessen haben die Doping-Fahnder wenige Tage vor dem Startschuss in Monaco (DATENCENTER: Ergebnisse und Termine) den "schwarzen Schafen" mit einer konzertierten Aktion den Kampf angesagt.

Dopingpraktiken bei Quick Step

Ein neu entwickeltes Testverfahren, eine Top-50-Liste der verdächtigsten Fahrer und einem Pakt zwischen dem Radsport-Weltverband UCI und der französischen Antidoping-Agentur AFLD soll das Netz noch enger als jemals zuvor spannen.

Dabei sind die Aufräumarbeiten der Vergangenheit noch gar nicht beendet.

So soll Sinkewitz laut WADA-Protokoll umfangreich über Dopingpraktiken beim Team Quick Step, für das er von 2001 bis 2005 fuhr, berichtet haben.

Keine Konsequenzen

Die pikanten Aussagen vom November 2007 sind aber erst vergangene Woche von der WADA an den Radsport-Weltverband UCI weitergeleitet worden. Das bestätigte WADA-Generalsekretär David Howman dem ZDF-Magazin "Frontal 21".

Konsequenzen muss das belgische Team Quick Step, das bei der am Samstag in Monaco beginnenden Tour de France startet, zunächst nicht befürchten. "Ich kann dazu nichts sagen, denn ich weiß davon nichts. Wenn es etwas zu erklären gibt, veröffentlichen wir eine Mitteilung", sagte UCI-Sprecher Enrico Carpani.

"Wissen, wen wir testen müssen"

Unterdessen haben die Doping-Fahnder bereits neue mögliche Übeltäter ins Auge gefasst.

"Wir wissen genau, wen wir testen müssen. Einige Fahrer werden noch überrascht sein. Wir haben ein neues Testverfahren für eine Substanz entwickelt, von dem die Fahrer noch nichts wissen", sagte AFLD-Chef Pierre Bordry. Um welches Mittel und welche Methoden es sich handelt, wollte der 70-Jährige nicht verraten.

Mit einem ähnlichen Clou hatte die AFLD bereits im vergangenen Jahr das Peloton in Angst und Schrecken versetzt - und einige Betrüger entlarvt.

So tappten 2008 unter anderem der zweimalige Etappensieger Stefan Schumacher, Bergkönig Bernhard Kohl ("Man sieht am Tritt, wer was gemacht hat") und Kletterspezialist Riccardo Ricco in die CERA-Falle. Die AFLD hatte völlig überraschend ein neues Verfahren zum Nachweis des EPO-Nachfolgers auf den Weg gebracht.

50 Verdächtige

Damals hatte die AFLD nach einem Streit zwischen der Tour-Organisation ASO und dem Radsport-Weltverband UCI die Kontrollen in Alleinregie durchgeführt. Für die Tour 2009 haben AFLD und UCI am 10. Juni einen Pakt geschlossen.

Das hat den Vorteil, dass die Kontrolleure auf die Erkenntnisse aus dem Blutpass, der jüngst zu Disziplinarverfahren gegen fünf Fahrer geführt hat, zurückgreifen können.

So hat die UCI eine Liste von 50 verdächtigen Fahrern erstellt, die gezielt getestet werden. "Wir haben die Auswahl der Fahrer aufgrund ihres Favoritenstatus oder aufgrund von verdächtigen Werten im Blutpass gewählt", sagt UCI-Präsident Pat McQuaid.

500 Kontrollen bei der Tour

Tourchef Christian Prudhomme sieht den Radsport damit in einer "Vorreiterrolle", die nicht gewürdigt werde: "Wir sind transparent, aber werden in Stücke gerissen. Das ist nicht fair. Wer sucht, der findet auch Betrüger. Wir suchen. Im letzten Jahr haben einige Fahrer für ihre Betrügereien bezahlen müssen", sagt Prudhomme mit Blick auf die 2008 überführten sieben Fahrer.

Rund 500 Kontrollen sind bei der Tour geplant, zwei Tage vor dem Start müssen alle Teilnehmer eine Blutprobe abgeben. Auch die Chaperons kommen wieder zum Einsatz, sie begleiten die zur Kontrolle ausgewählten Fahrer von der Ziellinie bis zur Dopingprobe.

Experten skeptisch

Die Experten bleiben allerdings skeptisch, insbesondere Doping-Aufklärer Werner Franke, der erneut von "vollgepumpten Topfahrern" und einer "Rundfahrt der Betrüger" ausgeht.

Viele Mittelchen seien schließlich noch gar nicht nachweisbar, wie das Wachstumshormon IGF-1, das anabole Steroid Andriol oder EPO-ähnliche Präparate. Auch Kronzeuge Jörg Jaksche glaubt, dass der Toursieger gemäß dem Gesetz der Serie ein Dopingsünder sein wird (Tour-Sieger ein Betrüger) .

Gerdemann wehrt sich

Deutschlands Tourhoffnung Linus Gerdemann hält nichts davon, den Radsport unter Generalverdacht zu stellen (Columbia-Creme gegen Milram-Masse). Man könne auch ohne Doping erfolgreich sein, sagt der Milram-Profi und hofft, dass bei der Tour wieder der Sport in den Mittelpunkt rückt.

Das war in den letzten drei Jahren nicht der Fall.

Erst die Aussortierung von Jan Ullrich und Ivan Basso im Zuge der Operacion Puerto 2006, dann die Überführung des Amerikaners Floyd Landis kurz nach dessen Triumph, ehe ein Jahr später das Astana-Team um Blutdoper Alexander Winokurow und "Lügenbaron" für Negativschlagzeilen. 2008 übernahmen schließlich Schumacher und Co. diesen Part.

Boonen unerwünscht

Einer, der in diese Rolle 2009 hätte schlüpfen können, wurde dagegen als "Persona non grata" ausgeladen.

Die Rede ist von Alejandro Valverde, mutmaßlicher Kunde von Dopingarzt Eufemiano Fuentes und in Italien bereits für zwei Jahre gesperrt. Unerwünscht ist auch Kokainsünder Tom Boonen (Armstrong darf - Boonen muss warten), der bislang vergeblich vor Gericht gegen seine Ausladung klagte.

Dagegen erhielt der nach dem sogenannten Freiburger Bericht unter Dopingverdacht stehende Andreas Klöden grünes Licht.

Der frühere Tour-Zweite wird mit seinen nicht weniger zweifelhaften Astana-Kollegen Lance Armstrong und Alberto Contador im Fürstentum an den Start gehen.

So wird auch in diesem Jahr das Misstrauen ständiger Begleiter der Tour sein.

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