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Hans Michael Holczer war von 1998 bis 2008 Teamchef vom Team Gerolsteiner © imago

Vor dem Tour-Start spricht der ehemalige Gerolsteiner-Teamchef Hans-Michael Holczer bei Sport1.de über seine Haltung zum Radsport.

Von Rainer Nachtwey

München - Elf Jahre stand Hans-Michael Holczer dem Team Gerolsteiner als Teamchef vor, sechs davon bei der Tour de France (DATENCENTER: Alles zur Tour de France).

Seit den positiven Dopingproben Mitte Oktober von Stefan Schumacher und Bernhard Kohl (Kohl gesteht Doping) existiert der Rennstall nicht mehr.

Dieses Jahr wird der 55-Jährige die "Große Schleife" erstmals seit 2002 wieder als Zuschauer verfolgen.

"Es ist ein eigenartiges Gefühl", sagt Holczer bei Sport1.de.

Im Interview der Woche spricht der ehemalige Gerolsteiner-Teamchef über seine Haltung zum Radsport, das Thema Doping und verrät, wie er die Tour verfolgt.

Sport1.de: Herr Holczer, Ihre erste Tour de France seit 2003 steht vor der Tür, an der Sie nicht als Teamchef beteiligt sind. Kribbelt es kurz vor dem Start trotzdem?

Hans-Michael Holczer: Es ist ein eigenartiges Gefühl. Es wird spannend, das zu erleben, zumal ich beim Tour-Auftakt in Monaco sein werde. Ein paar Leute werden mir sicherlich um den Hals fallen, aber es wird auch Leute geben, die einen großen Bogen um mich machen werden. Für mich persönlich wird es eine andere Erfahrung sein. Zumal es mich vom Medienaufkommen her an die Zeit erinnert, als ich noch als Teamchef zur Tour bin.

Sport1.de: Sie sind bei der Tour für einen Automobil-Hersteller vor Ort. Was genau ist Ihre Aufgabe?

Holczer: Ich wurde eingeladen und werde dort das VIP-Programm mitmachen. Aber ich bin nicht VIP-Betreuer in der Hinsicht, dass ich die Leute vom Flughafen abhole. Ich diene den Leuten als kompetenter Gesprächspartner. Dadurch werde ich ungefähr elf Tage vor Ort sein.

Sport1.de: Der Radsport hat in den letzten Jahren aufgrund der Dopingproblematik enorm gelitten. Nehmen Sie ihn persönlich noch ernst?

Holczer: Wir müssen zwar vor der eigenen Haustüre des Radsports kehren, aber man muss den Sport im Gesamten betrachten. Meine Erkenntnis aus den letzten Monaten ist, dass man von der Illusion abrücken muss, mit Kontrollen und Null-Toleranz-Prinzipien den Sport dahin zu bringen, wo wir ihn gerne sehen würden. Nämlich als das hohe gesellschaftliche Kulturgut des fairen, reinen, sauberen, glaubhaften Siegers. Dem jagen wir hinterher, und ich weiß nicht, ob wir etwas hinterher jagen - und ich rede im Konjunktiv -, was wir schon lange nicht mehr haben. Und das bezieht sich absolut nicht nur auf den Radsport.

Sport1.de: Würden Sie dem sportbegeisterten, aber auch kritischen Zuschauer empfehlen, die Berichterstattung zu verfolgen?

Holczer: Die Frage ist, was haben wir für einen Zugang zum Sport. Wenn wir ehrlich sind, glauben wir es doch nicht wirklich, dass nur im Radsport beschissen wird. Mit der Begeisterung, mit der wir andere Sportarten verfolgen, können wir das sicherlich auch mit dem Radsport tun. Wir müssen uns eingestehen, so wie wir Sport insgesamt gerne sehen und mit noch so vielen Kontrollen hinbekommen möchten, ist das eine Illusion. Doping ist wie Unkraut, und wer einen Garten hat, weiß, was ich damit meine. Es ist eine Illusion, an einen absolut sauberen Sport zu glauben, genauso wie es eine Illusion ist, einen ausgeglichenen Staatshaushalt zu sehen.

Sport1.de: Was bedeutet das für den einzelnen Sportfan bei der Tour konkret?

Holczer: Das jeder für sich selbst entscheiden muss, ob er sie sich anschaut. Aber ich bin der Meinung, dass man sie sich nicht mit dem Anspruch anschauen sollte, die Ergebnisse nie in Frage stellen zu müssen.

Sport1.de: Wenn Sie nicht vor Ort wären, würden Sie die Tour von Zuhause aus verfolgen?

Holczer: Ja, aber ich war noch nie der große Fernseh-Freak, was Radrennen betrifft. Aber das lag in erster Linie daran, dass ich mich machtlos fühlte, wenn ich nicht eingreifen konnte und ein Mikrofon in der Hand hatte. Ich habe in letzter Zeit auch gemerkt, dass es genügend Leute gibt, die den Sport so akzeptieren, wie er ist. Einige gehen sogar soweit und sagen: Im Radsport sind diejenigen, die am meisten gegen Doping vorgehen und auf denen am meisten rumgeprügelt wird. Und die sich das dann bewusst anschauen. Das verstehe ich auch. Da habe ich kein Problem damit.

Ich will niemanden vorschreiben oder Empfehlung geben. Aber ich für mich selbst habe immer gewisse Zweifel im Hinterkopf. Es muss einem bewusst sein, dass es den einen oder anderen gibt, der hier nur etwas zeigt, was er unter manipulatorischen Voraussetzungen leistet. Das ist meine Erkenntnis. Seit Rebellin (früherer Gerolsteiner-Profi, der des Dopings überführt wurde, Anm. d. Red.) glaube ich gar nichts mehr.

Sport1.de: Wie sehen Sie das Comeback von Lance Armstrong bei der Tour?

Holczer: Zu Personen äußere ich mich nicht. Ich habe beim Giro gesagt, für mich ist das Realsatire. Ich glaube, die Tour gibt sich mehr Mühe. Aber eine spezielle Aussage hierzu, ob ich das gut finde, mach ich nicht. Ich nehme es zur Kenntnis.

Sport1.de: Wer sind ihre Favoriten auf den Gesamtsieg?

Holczer: So weit habe ich mich mit der Materie noch nicht befasst.

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