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Eine saubere Sache? Das Fahrerfeld der Tour 2009 rollt bisher ohne Dopingfälle © getty

Scharfe Kritik von Chef-Dopingkontrolleur Pierre Bordry: Mit den Fahrern würde zu nachsichtig umgegangen. UCI widerspricht.

Issoudun - Fernab jeglicher Dopingskandale rollt die Tour de France durch die Lande, doch für viele Experten ist der Kampf gegen die schwarzen Schafe ein Spiel mit gezinkten Karten.

"Die Kontrollen bei der Tour de France sind denkbar unintelligent", sagte der Molekularbiologe Prof. Werner Franke und bezeichnete den Antidoping-Kampf der UCI als "höhere Stufe der Volksverdummung".

Schwere Vorwürfe an die UCI richtete auch Pierre Bordry, Chef der französischen Anti-Doping-Agentur AFLD.

"Ich habe das Gefühl, dass die Kontrolleure sehr nachsichtig mit den Fahrern umgehen. Ich bin mir nicht sicher, dass man bei einigen Athleten die gleichen Regeln unter gleichen Bedingungen anwendet", sagte Bordry und schickte einen Protestbrief an UCI-Präsident Pat McQuaid. (ÜBERSICHT: Wo liegen die Favoriten?)

Kaffee statt Dopingkontrolle

Scharfe Kritik, die am Sitz des Weltverbandes in Aigle nicht ungehört verhallte. "Ich werde Pierre Bordry antworten. Es gibt definitiv keine Nachsicht bei den Kontrollen", sagte McQuaid, dessen Verband in diesem Jahr zusammen mit der AFLD für die Kontrollen zuständig ist.

Bordry hatte sich zudem empört darüber gezeigt, dass das Astana-Team die Kontrolleure nach der Etappe in Andorra 55 Minuten warten ließ. Wie der französische TV-Sender RTL berichtete, seien die Vertreter der UCI von Astana erst einmal zum Kaffeetrinken eingeladen worden. 124970(Die Höhen-Profile der Tour-Etappen)

"Wir hatten ein Meeting wegen dieser Sache mit der UCI und haben protestiert", sagte Bordry der "Süddeutschen Zeitung" (Mittwochs-Ausgabe): "Sie haben uns dabei versprochen, dass so etwas nicht wieder vorkommt. Jetzt müssen wir abwarten, wie es künftig läuft."

Er fügte hinzu, dass "wir gar keinen Einblick in die Resultate und Werte der UCI-Kontrollen bei der Tour bekommen". Er bedauere, dass dies nicht zu ändern sei. "So sind leider die internationalen Regeln bei dieser Tour."

UCI 2008 ausgeladen

Im vergangenen Jahr war die UCI im Zuge des Streits mit der Tour-Organisation ASO noch ausgeladen worden, und da hatte die AFLD ganze Arbeit geleistet. Bereits nach sechs Tagen war es 2008 mit der Ruhe vorbei, als der Spanier Manuel Beltran des Epo-Dopings überführt worden war.

Durch die Einführung eines neuen Testverfahrens auf den Epo-Nachfolger Cera folgten nach Beltran noch Landsmann Moses Duenas und der italienische Kletterkönig Riccardo Ricco.

Bei Nachuntersuchungen gingen den Fahndern auch noch die beiden prominenten Gerolsteiner-Profis Stefan Schumacher und Bernhard Kohl (Österreich) sowie der Italiener Leonardo Piepoli ins Netz. Außerdem wurde in einem minderschweren Fall der Kasache Dimitri Fofonow wegen Stimulans-Doping erwischt.

"L'Equipe" geht auf Schmusekurs

Inzwischen haben sich die Zeiten geändert, auch bei der Tour-Organisation. Skandale sind unerwünscht, und so wurde auch die der ASO-Gruppe gehörende französische Sporttageszeitung "L'Equipe", die in den letzten Jahren so manchen Skandal aufgedeckt hatte, von oberster Stelle eingebremst.

Urplötzlich geht das Blatt sogar auf Schmusekurs mit Lance Armstrong, nachdem die "L'Equipe" 2005 noch die sechs positiven Proben Armstrongs auf Epo aus dem Jahre 1999 ans Tageslicht gebracht hatte. "Das ist ein Krieg, der von General Armstrong angeführt zu sein scheint", sagte Franke.

Armstrong nennt Kontrollen "exzessiv"

Insgesamt 500 Kontrollen werden in diesem Jahr bei der Tour durchgeführt. Für Franke ein Muster ohne Wert, nur die Dummen würden noch im Wettkampf dopen.

Die UCI-Antidoping-Beauftragte Anne Gripper lässt jedoch nichts auf die Tests kommen. Die Kontrollen seien intelligenter als im Vorjahr, außerdem lägen die Ergebnisse durch einen Schnelltest bereits nach 24 Stunden vor. Bereits vor der Tour hatte die UCI eine Liste von 50 Fahrern erstellt, die als verdächtig eingestuft oder aufgrund ihrer Erfolge ins Visier geraten sind.

Armstrong und sein Astana-Rennstall gehören dazu. Erst am Dienstag musste die komplette Mannschaft wieder zur Blutprobe. Armstrong sagt, er habe jenseits der 40. Kontrolle aufgehört zu zählen, und nennt die Anzahl der Tests "exzessiv".

Auch Tony Martin verstärkt kontrolliert

Ins Visier der Fahnder ist auch die deutsche Tour-Hoffnung Tony Martin gerückt. Seitdem der 24-Jährige im Weißen Trikot des besten Nachwuchsprofis fährt, muss er regelmäßig zur Kontrolle.

"Ich musste zuletzt drei Proben an zwei Tagen abgeben. Ich weiß nicht, ob das sinnvoll ist. Natürlich bin ich jederzeit bereit, Rechenschaft abzulegen, aber vielleicht sollte man die Kontrollen intelligenter machen", sagte Martin.

Inwieweit es intelligent war, bereits bekannt zu geben, dass ein Testverfahren auf das Hormon Synacthen entwickelt wurde, bleibt dahingestellt. So dürfen Frankreich, die ASO und die UCI weiterhin die "Tour der Erneuerung" feiern.

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