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Ausreißversuche, wie hier auf der 9. Etappe, sieht man derzeit selten von "Voigte" (l.) © getty

Jens Voigt wird für seinen Kampfgeist von vielen verehrt. Dieses Jahr hat er eine andere Rolle. Er denkt sogar ans Aufhören.

St. Fargeau - Jens Voigt kann sich nicht entscheiden.

Mit seinen fast 38 Jahren will er es bei seiner zwölften Tour de France eigentlich etwas ruhiger angehen lassen.

Doch da ist wieder dieses Kribbeln, das ihn jedes Mal überkommt, wenn vorn im Peloton einer zuckt, wenn einer zum Angriff bläßt.

Und dann will er mit seinen Bärenkräften hinterher und eine Etappe gewinnen, wie er es schon 2001 und 2006 geschafft hat.

"Vielleicht klappt es doch nochmal"

Wenn Voigt dem Feld davonjagt, ihm der Wind mit aller Macht ins Gesicht bläst, dann ist er in seinem Element. Dann leuchten seine Augen, wenn er davon erzählt.

"Wenn man vorne ist, denkt man: Verdammt. Vielleicht klappt es doch nochmal", sagt der urige Mecklenburger.

Manchmal ertappt er sich aber auch bei ganz anderen Gedanken: "Es ist schon ein bisschen ruhiger und stressfreier, wenn man hinten beim Käpt'n bleibt."

Ruhm durch Solofahrten

Die Solofahrten haben Voigt berühmt gemacht. 124970(Die Höhen-Profile der Tour-Etappen)

Auf der ganzen Radsport-Welt und natürlich in seiner Heimat. In seiner Geburtsstadt Grevesmühlen gibt es ein Jens-Voigt-Museum, in seinem Heimatdorf Dassow eine Jens-Voigt-Straße.

Zwei Bücher sind über den Schlacks aus dem hohen Norden bisher erschienen.

Keine Kraft am Tourmalet

In diesem Jahr trat Voigt erst einmal als Ausreißer in Erscheinung.

Doch auf der letzten Pyrenäen-Etappe fehlte ihm am berüchtigten Tourmalet die Kraft, als Franco Pellizotti und Pierrick Fedrigo das Tempo verschärften.

"Ich war einfach nicht stark genug", sagt er. Vor zwei Jahren, meint er, "wäre ich mitgefahren und hätte sie am Ende platt gemacht". (9. Etappe: Voigt versucht sein Glück)

Zufrieden mit seiner Rolle

Das Rad der Zeit kann er allerdings nicht zurückdrehen.

Und so ist Voigt auch mit seiner Rolle als Bodyguard für die beiden Luxemburger Andy und dessen älteren Bruder Fränk Schleck sehr zufrieden.

Schon im vergangenen Jahr habe er sich zurückgehalten und sich für den Toursieg von Carlos Sastre aufgeopfert.

Da habe er gemerkt, sagt er, dass ihm auch das eine enorme Befriedigung verschafft habe. (ÜBERSICHT: Wo liegen die Favoriten?)

Hoffnung im Kampf gegen Doping

Voigt hat ohnehin nur einen Wunsch. Er möchte eine Tour ohne große Dopingskandale erleben.

Bei seinem Debüt 1998 wurde die komplette Festina-Mannschaft aus dem Rennen genommen, seit dem verfolgt den Radsport der Ruf einer pharmaverseuchten Sportart.

In diesem Jahr blieb es bisher ruhig, bei Voigt keimt Hoffnung auf. "Dass fünf Mann überführt werden, das hatten wir nicht. Und das ist doch eigentlich, wage ich zu hoffen, ein gutes Zeichen."

Dass immer mal wieder alte Geschichten auftauchen, sei normal. Jeder suche doch die Plattform Tour, "um seine 15 Minuten Ruhm zu haben".

Kohl untergräbt seine Glaubwürdigkeit

Dass der Österreicher Bernhard Kohl, im Vorjahr Dritter der Tour und dann des Dopings überführt, in seinen Interviews mit immer neuen Details aufwartet, stört Voigt nicht.

Er würde keine 50 Cent mehr auf die Meinung Kohls geben.

Der habe erst erzählt, er habe einmal gedopt, dann zweimal, dann zwei Jahre, jetzt zehn Jahre: "Dadurch untergräbt man doch seine Glaubwürdigkeit."

Der "alte Wolf" denkt an Abschied

Voigt will sich die Laune durch Doping-Gerüchte nicht verderben lassen.

Er genießt die Begeisterung für den Radsport in Frankreich, wo jeden Tag Zehntausende an der Strecke stehen.

Und der "alte Wolf" (Voigt über Voigt) denkt an seinen Abschied: "Man denkt sich: Junge, du bist bald 38 und vielleicht ist das die letzte Tour."

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