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Kurz nach dem Unfall: Ein Polizist und Passanten sichern die Unfallstelle © getty

Auf der 14. Etappe kommt es zu einem tragischen Unfall. Der Tod einer 61-jährigen Frau überschattet das Tour-Geschehen.

Verbier - Der tragische Tod einer Zuschauerin und der Angriff eines Heckenschützen haben das größte Rad-Spektakel der Welt in einen Schockzustand versetzt.

An einem schwarzen Wochenende rückte das sportliche Geschehen bei der Frankreich-Rundfahrt ins Abseits.

"Die Tour trägt Trauer", schrieb die Sporttageszeitung L'Equipe. Insbesondere der Tod einer 61-jährigen Frau löste tiefe Bestürzung im Peloton aus.

Die Zuschauerin war beim Wechseln der Straßenseite von einem Polizeimotorrad, das mit rund 90 km/h unterwegs war, erfasst worden.

Am Freitag hatte der Luftgewehr-Angriff auf den dreimaligen spanischen Weltmeister Oscar Freire und den Neuseeländer Julian Dean für Aufregung gesorgt. Freire wurde beim Anstieg zum Col du Bannstein am Oberschenkel, Dean am Zeigefinger der linken Hand getroffen.

Beide Fahrer konnten die Tour aber fortsetzen. Die Polizei fahndet nach zwei Jugendlichen im Alter von 16 oder 17 Jahren.

Voigt: "Tragisch und erschütternd"

Überschattet wurde aber alles vom Tod der Zuschauerin. "Das ist tragisch und erschütternd. Wenn man so etwas sieht, erkennt man doch, wie unbedeutend unsere Leiden sind. Die Leute wollen einfach nur einen schönen Tag am Straßenrand haben und dann passiert so etwas", sagte Radprofi Jens Voigt mit Blick auf die Tragödie.

Nach ersten Ermittlungen habe trotz der hohen Geschwindigkeit kein Verschulden des Polizisten vorlegen. "Die Unvernunft des Opfers war wohl die Ursache für das Drama", sagte Alexandre Chevrier, der stellvertretende Staatsanwalt von Mülhausen.

Demnach habe die Frau kurz vor dem Eintreffen des Pelotons die Straße bei Wittelsheim überquert und nicht auf das Motorrad geachtet. Anschließend rutschte das Gefährt noch in zwei weitere Zuschauer, beide schweben aber nicht in Lebensgefahr.

Ein 61-jähriger Mann erlitt einen Beinbruch. Eine Frau im Alter von 36 Jahren, die ihr einjähriges Baby auf dem Arm trug, wurde mit einer Nackenverletzung ebenso ins Krankenhaus eingeliefert. Der Motorradfahrer klagte über Rückenschmerzen.

"Das ist der Horror"

Nur wenige Minuten später war das Feld an der Unglücksstelle vorbeigerollt. "Ich sah die Frau leblos auf der Straße liegen. Das ist der Horror und lässt mich nicht los", sagte Saxo-Bank-Fahrer Nicki Sörensen (Dänemark) geschockt und der letztjährige Tour-Zweite Cadel Evans (Australien) ergänzte: "Ich konnte meinen Augen nicht trauen. Eine Leiche am Straßenrand. Ich konnte es nicht glauben."

Tourchef Christian Prudhomme sprach der Familie der verstorbenen Frau sein Mitgefühl aus. "Die Tour ist in tiefer Trauer nach diesem schlimmen Unfall. Sicherheit ist unser höchstes Ziel. Jedes Jahr stehen rund 12 Millionen Menschen an der Strecke. Da ist es wichtig, dass jeder die Sicherheitsvorkehrungen beachtet", sagte Prudhomme.

Das Peloton legte vor der 15. Etappe von Pontarlier nach Verbier eine Schweigeminute ein. "Es werden jeden Tag soviele Fahrzeuge bewegt. Da ist es fast schon ein Wunder, dass nicht mehr passiert", sagte Voigt.

Die französische Sportministerin mahnte unterdessen die vielen Zuschauer am Straßenrand zur größtmöglichen Wachsamkeit. Cervelo-Teamchef Thomas Campana regte an, bei solchen Tragödien vielleicht mal einen Tag das sportliche Geschehen ruhen zu lassen.

Schlimmster Unfall vor 45 Jahren

Letztmals hatte es 2002 einen tödlichen Unfall bei der Tour gegeben, als ein sieben Jahre alter Junge von einem Auto der Werbekarawane erfasst worden war. Das Kind wollte über die Straße zu seiner Großmutter laufen und war auf der Stelle tot.

Daraufhin hatte die Tour-Organisation einschneidende Maßnahmen ergriffen und die Fahrzeuge innerhalb der Tour-Karawane um ein Drittel reduziert.

Im Jahr 2000 hatte sich ein ähnlicher Unfall ereignet. Ein Zwölfjähriger starb, nachdem er vor ein Werbeauto gelaufen war. Der bis heute schlimmste Unfall datiert aus dem Jahr 1964, als ein Versorgungsfahrzeug der Polizei mit einer Brücke kollidierte und dabei 20 Personen ums Leben kamen.

Luftgewähr-Angriff: Fahrer klagen auf Körperverletzung

Bei dem Luftgewehr-Angriff am Freitag hatten die Fahrer Glück im Unglück. "Hätten die Schüsse die Fahrer im Auge getroffen, wären sie jetzt blind", meinte Freires Rabobank-Teamarzt Dion van Bommel: "Ich gehe im Dezember für vier Monate nach Afghanistan. Dort vermutet man eigentlich solche Aktionen."

Nachdem die beiden Radprofis eine Aussage bei der Polizei gemacht hatten, reichten sie eine Klage wegen Körperverletzung ein, sagte Pascal Schultz von der Staatsanwaltschaft in Colmar.

Die Ermittler suchen nach zwei Jugendlichen. Ein Radprofi habe Angaben gemacht, wonach sich zwei Teenager im Alter von 16 oder 17 Jahren auffällig verhalten und hinter einem Baum versteckt hätten. Den Tätern drohen bis zu drei Jahre Gefängnis und eine Geldstrafe bis zu 45.000 Euro.

"Wir Radprofis sind nur durch einen Helm oder eine Sonnenbrille geschützt, da sind wir solchen Sachen ein Stück weit ausgeliefert. Uns wird schonmal Bier über den Kopf geschüttet. Einmal habe ich sogar eine Etappe erlebt, wo Reizgas in das Feld gesprüht wurde. Die Nähe macht aber auch die Beliebtheit unseres Sports aus", sagte Voigt sprach von einem "schlechten Kinderstreich".

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