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Bisher gibt es bei der Tour de France noch keine positiven Dopingproben © getty

Prof. Dr. Thevis erklärt, warum "intelligente" Trainingskontrollen durchgeführt werden sollten und wie einige Präparate wirken.

Von Thorsten Mesch

München/Köln - Während der Tour de France gab es keinen einzigen positiven Doping-Test. Doch das heißt noch lange nicht, dass die Frankreich-Rundfahrt eine saubere Veranstaltung war.

Denn nach der Tour wurden in Mülleimern verschiedener Radteams leistungssteigernde Medikamente entdeckt.

"Wir haben einige Präparate gefunden, beispielsweise eine Substanz, die Insulin produziert und normalerweise bei Diabetes eingesetzt wird", sagte Pierre Bordry, Präsident der französischen Anti-Doping-Agentur (AFLD), der Zeitung "Le Monde".

Bordry, dessen Agentur bei den Kontrollen im Gegensatz zum letzten Jahr nur außen vor war, ist davon überzeugt, dass während der Rundfahrt "wahrscheinlich Bluttransfusionen vorgenommen worden sind" und glaubt, dass zwei neue Produkte eingesetzt wurden.

Sport1.de sprach mit Prof. Dr. Mario Thevis, Sprecher des Zentrums für präventive Dopingforschung an der Sporthochschule in Köln, über Dopingtests im Radsport, die Beschaffung und Wirkungsweise der vermuteten Präparate und mögliche Manipulationen bei abgegebenen Doping-Proben.

Sport1.de: Herr Thevis, Monsieur Bordry glaubt nicht an eine saubere Tour. Glauben Sie daran?

Mario Thevis: Zunächst einmal ist es ein gutes Zeichen, dass es bisher keine positiven Befunde gegeben hat. Allerdings bedeutet das nicht im Umkehrschluss, dass nicht mit Dopingmitteln gearbeitet wurde.

Zum einen sind bisher nicht alle Tests abgeschlossen, zum anderen gibt es die eine oder andere Verbindung, die im bisherigen Dopingkontrollverfahren noch nicht implementiert ist. Das heißt, die Langzeitlagerung und die Nachanalytik dieser Proben sind von immenser Bedeutung.

Sport1.de: Sind die Doper den Forschern immer einen Schritt voraus, oder kann man als Wissenschaftler aus taktischen Gründen nicht immer sagen, wie weit man eigentlich ist?

Thevis: Beides ist richtig. Zum einen nutzen Sportler, die dopen wollen, die Lücken des Kontrollsystems gnadenlos aus. Das heißt, man ist sich zumindest eine gewisse Zeit sicher, dass gewisse Doping-Maßnahmen und -methoden nicht aufgedeckt werden können.

Umso bedeutender ist die bereits angesprochene Langzeitlagerung der Urin- oder Blutproben. In vielen Fällen ist es so, dass der dopende Sportler einen gewissen Vorsprung vor der Doping-Analytik hat. Unsere Aufgabe wird es sein, diesen Vorsprung so klein wie möglich zu halten. Aber ganz auf Augenhöhe zu sein, wird sehr schwer werden.

Sport1.de: Im aktuellen Fall wird über die Medikamente "Aicar" und "Hematide" spekuliert, die noch gar nicht auf dem Markt sind und für die es auch noch keine Tests gibt. Ein anderes Medikament, "Geref", ist als Arzneimittel gar nicht mehr zugelassen. Können Sie Sie sagen, welche wahrscheinlich im Gebrauch sind?

Thevis: Wir wissen aus Geständnissen und konfiszierten Listen von Doping-Maßnahmen, zum Beispiel aus der Fuentes-Affäre, dass Substanzen wie "Geref" in Sportlerkreisen bekannt sind und offenbar eingesetzt wurden. (Der des Dopings überführte Ex-Radprofi Bernhard Kohl erklärte zuletzt, ihm sei "Geref" schon seit zwei Jahren bekannt, Anm. d. Red.).

Sport1.de: Wie ist die Wirkungsweise der Medikamente?

Thevis: "Geref" ist eine Substanz, die die körpereigene Ausschüttung von Wachstumshormon fördert. Sie müssen sich daher kein künstliches Wachstumshormon verabreichen, sondern nehmen eine Substanz, die den Körper dazu bringt, mehr Wachstumshormon zu produzieren. Der herkömmliche HGH-Test würde also diesbezüglich nicht positiv ausfallen. Wir müssen demnach speziell auf "Geref" testen, um den Missbrauch aufzudecken.

Bei "Hematide" handelt es sich um ein Präparat, dass im Körper wie EPO wirkt, aber strukturell völlig anders ist und dementsprechend durch EPO-Tests nicht erfasst wird. Ähnlich wie bei "Geref" muss ein eigener Test etabliert werden. Wenn ich es richtig verstanden habe, ist das französische Labor diesbezüglich schon sehr weit, sodass man bei Nachtests oder zukünftigen Tests diese Substanz auf jeden Fall aufdecken kann.

"Aicar" ist ein Präparat, das zur Sektion Gen-Doping der Welt Anti-Doping Agentur gehört. Es stimuliert die Produktivität des bereits vorhandenen Genoms. Das Ergebnis ist, dass die Muskulatur mehr Mitochondrien, einfach übersetzt die "Kraftwerke" der Muskelzelle, hat. Dieses Präparat ist auch in fortgeschrittenen klinischen Testphasen, und zudem ist es im Grunde als Chemikalie bereits käuflich zu erwerben. Dementsprechend kann man nicht ausschließen, dass es über den Schwarzmarkt oder ähnliche Kanäle bereits Einzug in den Sport gefunden hat.

Sport1.de: Journalisten des ARD-Magazins "Monitor" haben zuletzt ohne Probleme "Geref" via Internet aus China bestellt.

Thevis: Das zeigt einmal mehr, wie einfach man an solche Präparate herankommen kann. Dafür ist nicht einmale eine besonders große kriminelle Energie nötig.

Sport1.de: Bei der Tour de France gab es in diesem Jahr Fahrer, die eine wahre Leistungsexplosion gezeigt haben. Wie haben Sie das Geschehen verfolgt?

Thevis: Ich habe die diesjährige Tour so gut wie gar nicht verfolgt. Grundsätzlich bin ich zwar sehr sportinteressiert, aber da natürlich auch von unserer Seite hier und da Zweifel mitfahren, verliert man ein bisschen das Interesse. Ansonsten möchte ich mich nicht zu Spekulationen äußern, denn das ist nicht vereinbar mit unserer Arbeit.

Sport1.de: Während der Tour wurde bekannt, dass der Giro-Zweite Danilo di Luca während der Italien-Rundfahrt positiv auf CERA getestet wurde, wie schon im letzten Jahr u.a. Kohl und Stefan Schumacher. Denken die Sportler denn, sie werden nicht erwischt?

Thevis: Das hat nicht nur etwas mit CERA zu tun. Spätestens seit Ben Johnson müsste eigentlich jeder Leistungssportler wissen, dass man zum Beispiel Stanozolol (synthetisches anaboles Steroid, Johnson wurde bei Olympia 1988 positiv getestet, Anm. d. Red.) sehr gut nachweisen kann. Und dennoch haben wir jedes Jahr zahlreiche positive Testergebnisse mit relativ alten Substanzen wie dieser.

Ich denke, dass der ein oder andere Sportler davon ausgeht, dass seine Dosierungen oder Manipulationen bei Urin-Abgaben möglicherweise erfolgreicher sind, als die der Sportler, die überführt wurden. Es sind mehrere Szenarien denkbar.

Sport1.de: Bei der Tour wurden Kontrolleure, die nach der 7. Etappe Bluttests beim Astana Team um Alberto Contador und Lance Armstrong unangekündigte Bluttests vornehmen wollten, zum Kaffee eingeladen. Dadurch wurden die Kontrollen um fast eine Stunde verzögert. Was halten Sie davon?

Thevis: Man kann zum Beispiel Urin-Proben in sehr kurzer Zeit manipulieren, bei Blutkontrollen ist das ungleich schwieriger. Aber grundsätzlich sollte man sich natürlich an die vorgegebenen Prozeduren bei der Dopingkontrolle halten. Das ist nicht nur eine Frage des Respekts, sondern ein Frage der Glaubwürdigkeit.

Sport1.de: Was halten Sie davon, den Test-Schwerpunkt mehr auf Trainingskontrollen als auf Wettkampfkontrollen zu legen, auf die die Sportler ja vorbereitet sind?

Thevis: Es ist auf jeden Fall sehr wichtig, dass die Trainingskontrollen "intelligent" durchgeführt werden. Das heißt in Vorbereitungsphasen, wo der Einsatz von Dopingmitteln zu erwarten sein kann. Wenn man in diesen Zeiträumen besonders intensiv und hoch frequentiert testet, dann hat man größere Chancen, betrügerische Sportler des Dopings zu überführen.

Aber man darf nicht vergessen, dass es auch zahlreiche Substanzen gibt, die während des Wettkampfs eine große Rolle spielen. Auch da muss man genau so weiter testen, wie man es bisher getan hat.

Sport1.de: Die Tour de France ist ein riesiges Geschäft, wie auch und andere Radsport-Veranstaltungen. Glauben Sie, dass alle Beteiligten im Kampf gegen Doping genügend zusammenarbeiten und das gleiche Ziel verfolgen?

Thevis: Dazu kann ich nichts sagen.

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