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Vor dem Nichts: Bernhard Kohl (l.) und der Sportliche Leiter Christian Henn © imago

Noch dem Dopingfall Bernhard Kohl zieht das vorletzte deutsche Team die Reißlinie, Teamchef Holczer gerät in die Schusslinie.

München - "Bergkönig" Bernhard Kohl hat mit seinem Dopingfall das traurige Ende der Gerolsteiner-Ära vorzeitig besiegelt und auch seinen Teamchef Hans-Michael Holczer in die Schusslinie gerückt.

Nach dem zweiten Dopingfall innerhalb einer Woche stehen bei Gerolsteiner ab sofort die Räder still, die Diskussionen um die Glaubwürdigkeit des einstigen Vorzeige-Rennstalls haben dagegen erst begonnen.

"Zuerst wurde Stefan Schumacher wie eine Sau durch das Dorf getrieben, und plötzlich ist jeder überrascht, dass noch mehr kommt. Das war wohl vielmehr eine Überlebensstrategie. Herr Holczer ist für mich nicht glaubwürdig", sagte der geständige Dopingsünder Jörg Jaksche.

"Er macht die Augen zu"

Giftpfeile in Richtung Holczer feuerte auch Patrik Sinkewitz ab, der wie Jaksche nach seinem Geständnis keine Anstellung mehr im Radsport erhielt:

"Es ist unmöglich, dass er nichts gewusst hat. Es gab gewisse Indizien. Er macht die Augen zu, bis es nicht mehr geht, und will nun als Saubermann abtreten. Das ist totaler Blödsinn."

Holczer ("Sinkewitz und Jaksche haben im Radsport nichts verloren") ist nach eigenen Angaben von den Dopingfällen kalt erwischt worden, kapitulierte vor der "kriminellen Energie" und will sich aus dem Radsport zurückziehen.

Keine Enthüllungen mehr

"Ich bin unendlich traurig. Das zeigt die ganze Macht- und Hilflosigkeit. Für mich ist es an der Zeit, mich zu verabschieden", sagte der Herrenberger, der allerdings am Dienstag für eine weitere Stellungnahme nicht erreichbar war.

Weitere Dopingfälle muss der Mathematik- und Geschichtslehrer allerdings wohl nicht mehr füchten. Die französische Antidoping-Agentur (AFLD) hat die Analysen beendet.

So es denn keine weiteren Enthüllungen gibt, geht die Tour de France 2008 mit dem Rekordergebnis von sieben Dopingfällen in die Geschichte ein.

Regeln des "Klubs der Anständigen" gefolgt

Das vorzeitige Ende des Teams Gerolsteiner war die logische Folge. Schließlich hatte sich auch der deutsche Rennstall dem selbst auferlegten Ethikcode der Team-Vereinigung MPCC, auch "Klub der Anständigen" genannt, verschrieben.

Laut internem Reglement greift nach dem zweiten Dopingfall automatisch der Selbstsanktionierungs-Mechanismus. Ein Rennstall muss sich bei zwei Dopingfällen automatisch für acht Tage aus dem Renngeschehen zurückziehen.

Die Lombardei-Rundfahrt am Samstag wäre ohnehin das letzte Rennen für Gerolsteiner gewesen.

Kohl meldet sich zu Wort

Kohl will indes noch um seine Unschuld kämpfen. "Wir werden die Öffnung der B-Probe innerhalb der vorgesehenen Frist beantragen und auch die Dokumentation der A-Probe aus Frankreich anfordern", sagte Kohls Manager Stefan Matschiner dem "ORF".

Soweit ist Schumacher noch nicht. Der WM-Dritte von 2007, der noch bis Freitag die B-Probe beantragen kann, hüllt sich weiter in Schweigen.

Kohl meldete sich am Dienstag erstmals seit dem Bekanntwerden der positiven A-Proben zu Wort. Dem ORF sagte er, er brauche Zeit, um sich zu sammeln und wieder klar denken zu können. Aufgrund der Schwere der Vorwürfe könne er sich vorerst nicht äußern. Er werde aber "zeitnah und noch vor der Öffnung der B-Probe" zu einer Pressekonferenz nach Wien laden.

"Alle Blutkontrollen zu untersuchen, wäre zu aufwendig"

An der Rechtmäßigkeit der Analysen gibt es wohl keine Zweifel: "Es wurde in zwei unterschiedlichen Labors getestet. Außerdem ist die Analyse auch nicht neu. Es wurde bloß nach einem neuen Molekül gesucht", sagte ein AFLD-Sprecher, der weitergehende Analysen ausschloss:

"Alle Blutkontrollen zu untersuchen, wäre zu aufwendig. Es waren schließlich auch nicht alle Fahrer verdächtig. Deshalb haben wir uns diese 14 Fahrer herausgesucht."

Fothen fühlt sich "verarscht"

Markus Fothen, Teamkollege von Kohl und Schumacher, reagierte sauer. "Ich fühle mich verarscht. Als ich das hörte, bin ich erstmal Amok gelaufen. Da opfert man sich bei der Tour für die beiden und hinterher kommt raus, dass sie betrogen haben."

"Ich hoffe nicht, dass nun auch Milram hingeht und die Segel streicht", sagte Fothen, der für zwei Jahre beim letzten verbliebenen deutschen Rennstall unterschrieben hat.

Dass Milram aussteigt, ist eher unwahrscheinlich - ganz im Gegensatz zum Fernsehen. Laut ARD-Sprecher Peter Meyer gebe es zwar keine neue Wasserstandsmeldung hinsichtlich eines Ausstiegs aus der Tour-Berichterstattung, stellte aber klar: "Dass der Fall Bernhard Kohl in die Diskussionen einfließen wird, ist klar."

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