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Der Radsport ist seit Jahren durch schwere Dopings-Skandale erschüttert © getty

Doping-Skandale, Rennen werden abgesagt, Sponsoren wenden sich ab. Der deutsche Radsport kämpft ums Überleben.

Von Wolfgang Kleine

München - Das Fernsehen berät über den Ausstieg, Sponsoren ziehen sich zurück, und Traditions-Rennen verschwinden ersatzlos von der Bildfläche - dem deutschen Radsport droht angesichts immer neuer Doping-Enthüllungen das Aus.

Einen kleinen Funken Hoffnung gibt es dennoch: Milram will das einzige deutsche ProTour-Team weiterhin unterstützen.

"Wir haben nicht vor auszusteigen. Wir stehen zu unseren Verträgen", sagte Nordmilch-Marketingvorstand Martin Mischel.

Steigt allerdings das Fernsehen aus, wird auch der Bremer Milchproduzent sein Engagement zumindest überdenken: "Man muss immer den Medien-Mix sehen. Wenn sich die Verhältnisse jedoch ändern, wird es eine neue Gesamtbeurteilung geben. Aber das wird erst im nächsten Jahr erfolgen."

Stuttgarter Sixdays abgesagt

Das nächste Jahr werden viele Rennen in Deutschland gar nicht mehr erleben. Als bisher letzte Veranstaltung war am Dienstagabend das Stuttgarter Sechstagerennen abgesagt worden.

Die Stadt Düsseldorf hat die Bewerbung zum Start- bzw. Zielort bei deer Tour de France zurückgezogen. Man fürchte einen Image-Schaden.

Im vergangenen Jahr hatte es bereits Niedersachen- und Rheinland-Pfalz-Rundfahrt mangels Geldgeber erwischt. Auch die Zukunft der Deutschland-Tour ist unklar, so lange sich die TV-Sender "ARD" und "ZDF" nicht positioniert haben.

"Zwischen Gebrauchtwagen-Verkäufer und Investment-Banker"

Dass die Suche nach Sponsoren schwierig ist, kann sich der geständige Dopingsünder Jörg Jaksche vorstellen. "Im Moment liegt das Image des Radsports irgendwo zwischen einem Gebrauchtwagen-Verkäufer und einem Investmentbanker", sagte der Franke.

Dennoch sei für ihn der Radsport nicht tot: "Die Leute sehen in Deutschland gerne Radrennen. Man darf sie aber nicht verarschen."

Rudolf Scharping, Präsident des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR), warnt vor Schnellschüssen der Geldgeber. "Der deutsche Radsport wird in Mithaftung genommen für internationale Fehlentwicklungen. Wenn dafür deutsche Veranstaltungen abgestraft werden sollen, ist das unlogisch", meinte der frühere Politiker.

"Frage des Überlebens"

Deutschland ist kein traditionelles Radsport-Land, und das könnte der Sportart zum Verhängnis werden. "Da stellt sich die Frage, wer überleben wird.

Die großen Radsport-Nationen wie Frankreich, Italien oder Spanien werden schon irgendwie durchkommen", sagte der frühere Rad-Manager Walter Godefroot der "Mitteldeutschen Zeitung".

Ums Überleben kämpft der Frühjahrs-Klassikers Rund um den Henninger Turm. "Im Moment kämpfe ich noch. Ich klammere mich an einen dünnen Faden", sagte Bernd Moos-Achenbach.

Brauerei zieht die Reißleine

Der Organisator des Henninger-Rennens ist nach dem Ausstieg der Brauerei als Hauptsponsor auf der Suche nach einem neuen Geldgeber.

In zwei bis drei Wochen wird eine Entscheidung über die Zukunft des Rennens fallen. Moos-Achenbachs Erwartungen sind eher gering: "Wer jetzt den Radsport sponsort, muss schon Idealist sein."

Idealisten sind in der Marketingwelt rar, was zählt, sind die Schlagzeilen. Und die gibt es momentan fast ausschließlich zum Thema Doping. Deshalb zog vor wenigen Tagen auch die Brauerei Rothaus die Reißleine.

"Rund um Köln" nur noch mit Amateuren?

Der Geldgeber von Regio Tour, GP Triberg-Schwarzwald und Sparkassen-Cup will keinen Cent mehr in den Profi-Radsport stecken. Den drei Rennen droht das Aus.

Doch die Brauerei zieht sich nicht komplett zurück, sie will sich künftig im Amateur-Radsport engagieren. Ein Modell, das auch bei anderen Veranstaltern zur Rettung ihres Rennens Schule machen könnte.

Auch Artur Tabat, Chef-Organisator von "Rund um Köln", stellte bereits Überlegungen an, künftig nur noch Amateurrennen zu veranstalten. Profis könne er nicht mehr trauen.

Wrolich fordert "lebenslange Sperren"

Die Doping-Diskussion nach dem Fall Bernhard Kohl hält derweil weiter an. Sein österreichischer Landsmann und Gerolsteiner-Teamkollege Peter Wrolich fordert bei "ORF.at" drastische Maßnahmen gegen den Sünder. "Bereits bei ersten Vergehen sollen lebenslange Sperren ausgesprochen werden", so Wrolich, "einige haben noch nicht kapiert, worum es geht."

Wrolich fände es richtig, dass in Frankreich und Italien Fahrer nach Vergehen strafrechtlich verfolgt würden.

Prof. Schänzer nimmt Pharma-Firmen in die Pflicht

Schänzer Beim Kampf und dem Aufspüren von Dopingsündern wünscht sich Prof. Dr. Wilhelm Schänzer vom Biochemischen Institut der Sporthochschule Köln eine "engere Zusammenarbeit mit den Pharma-Herstellern".

"CERA ist mir schon seit 2004 bekannt. Leider können wir erst nach den Inhaltsstoffen forschen, wenn die Präparate auf dem Markt sind. Eine andere Regelung könnte viel schneller dafür sorgen, Dopingsünder zu überführen", so Doping-Fahnder Prof. Schänzer im Interview mit dem Fernsehsender "NRW.TV".

Sowohl Kohl als auch der Deutsche Stefan Schumacher wurden nachträglich des Dopings mit dem Ausdauer-Wirkstoff CERA bei der Tour de France überführt.

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