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Gemeinsame Ausfahrten im Team Coast: Jan Ullrich und Marcel Wüst (l.) anno 2003 © imago

Sollte Jan Ullrich tatsächlich sein Comeback geben? Doping-Jäger und Politiker wären entsetzt, sprechen von einer absurden Situation.

Von Christian Paschwitz

München - Es sind möglicherweise die üblichen Reflexe darauf, wenn einem eine Sache schlichtweg zu heiß wird:

Jedenfalls ließ Jan Ullrichs Manager Wolfgang Strohband eilfertig verlauten, dass an einem Comeback des Tour-Siegers von 1997 nun "überhaupt nichts dran sei. Ich weiß nicht, was das soll." Ein paar Stunden zuvor hatte sich Strohband auf Nachfrage von Sport1.de zum Thema zwar bedeckt gehalten.

Als Dementi kam das allerdings keineswegs daher, als der Strippenzieher des einstigen Radsport-Helden erklärte: "Es müssten noch einige rechtliche Dinge geklärt werden, bevor daran gedacht werden kann, ein Comeback zu starten."

Neue Doping-Enthüllungen

Vom einstigen Team-Telekom- und T-Mobile-Fahrer selbst, seit seiner Verwicklung in die Doping-Affäre um den spanischen Arzt Eufemiano Fuentes zunächst gesperrt und ohne Rennstall, gibt es zu dem Gerücht noch keine Aussage.

Der Zeitpunkt dafür scheint auch eher ungünstig angesichts der aktuellen Enthüllungen um das Team Gerolsteiner. Hintergrund: Beim deutschen Rennstall waren mit Stefan Schumacher und Bernhard Kohl die beiden erfolgreichsten Athleten der vergangenen Tour de France positiv getestet worden.

Doch so oder so: Nach den angekündigten Comebacks von Ullrichs früheren Widersachern Lance Armstrong und Alexander Winokurow bleiben die Gerüchte um die Rückkehr des Rostockers im Raum stehen.

Ex-Trainer nährt Spekulationen

Und sie werden ebenso kontrovers diskutiert wie der Entschluss von ARD und ZDF, als Konsequenz auf immer neue Doping-Enthüllungen nicht mehr live von der Tour de France zu berichten.

Was die Comeback-Spekulationen bezüglich Ullrich nährt, ist eine Aussage von Peter Becker.

Ullrichs früherer Trainer ("Ich bin in Finnland"), der den Scherzinger einst in die Weltspitze führte und während der gemeinsamen Zeit zwischen 1987 bis 2003 zum Tour-de-France-Sieg trieb (1997), sagte gegenüber Sport1.de: "Lassen Sie sich überraschen." Ehe der Berliner jeden weiteren Kommentar verweigerte.

Taktik und Testballon?

Ein Fingerzeig? Oder doch eher der Versuch, die Öffentlichkeit aufs Glatteis zu führen? Sozusagen als Testballon, um zu schauen, wie die allgemeine Meinung ausfällt und um dann im Bedarfsfall zurückrudern zu können?

In diesem Zusammenhang sind jedenfalls die Worte zu verstehen, mit denen Ullrichs Freund Michael Stehle am Donnerstag in der Online-Ausgabe des "Kölner Express" zitiert wurde: Ullrich zögere bewusst. "Er selber will sich noch nicht vollkommen festlegen, weil er nicht weiß, wie die Öffentlichkeit reagiert."

Während die Reaktionen bei vielen Radsport-Fans überraschend positiv ausfallen, ungeachtet der massiven Doping-Vorwürfe gegen Ullrich, sähe Professor Werner Franke ein Ullrich-Comeback als eine Farce an.

Franke fände es absurd

"Ich halte das Ganze genauso für absurd wie diese Armstrongerei", sagt der mit führende Experte in Dopingfragen und wohl schärfster Ullrich-Kritiker gegenüber Sport1.de.

Eine solche Farce "wäre auch unglaublich angesichts der vorliegenden Tatsachen wie zum Beispiel die Rechnungen des Dr. Fuentes." Und weiter: "Dieses System des Radsports ist seit Jahrzehnten so korrupt im Sinne einer richtigen Kriminalität. Mich wundert gar nichts mehr."

Für Peter Danckert hätte eine Rückkehr von Ullrich fatale Signalwirkung: Die Fakten zu Ullrich seien "schon beklagenswert genug. Wenn ich so eine Meldung nun höre, dann wird mir ehrlich gesagt übel", sagt der Vorsitzende des Sportausschusses des Deutschen Bundestags zu Sport1.de.

Wüst sieht's sarkastisch

"Wenn man den Radsport richtig in den Keller bringen will, dann muss man auch ein Comeback von Jan Ullrich denken. Viel mehr muss man nicht machen, um den internationalen Radsport so richtig zu diskreditieren."

Auch Ex-Profi Marcel Wüst (unter anderem Team Festina) wiederum übt sich in schwarzem Humor: "Es ist doch super, wenn Leute sich Ziele setzen. Vielleicht sollte ich auch noch mal ein Comeback versuchen. Aber ich wäre nicht Rheinländer, wenn ich nicht sagen würde: Jeder Jeck ist anders. Das Ganze trifft mich in etwa so, als würde Rudi Altig nun Bundeskanzler werden wollen."

Vielleicht jedoch wolle Ullrich irgendjemandem etwas beweisen: "Ich hoffe nur, er tut das nicht aus schnöden finanziellen Instinkten."

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