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Der Franzose Henri Pelissier schiebt 1923 sein Rad den Tourmalet hinauf © imago

Wenn das Peloton am Sonntag nach Ax-3-Domaines aufbricht, feiert die Tour Jubiläum. Das Grenzgebirge brachte große Helden hervor.

Mende - Das Malheur ereignet sich wenige hundert Meter nach dem Gipfel des Tourmalet.

Eugene Christophe hat so eben als erster Fahrer den 2115 m hohen Riesen der Pyrenäen erklommen, ehe auf der Abfahrt die Gabel seines Gefährts bricht.

"Le vieux Gaulois", so sein Ehrenname, schultert das Rad, marschiert 14 Kilometer hinunter nach Sainte-Marie-de-Campan, sucht die nächste Dorfschmiede auf und begibt sich an die Arbeit.

Da fremde Hilfe zu jener Zeit nach den Regeln der Tour de France strikt verboten war, soll Christophe unter größter Kraftanstrengung zwei Stunden lang gehämmert und gewerkelt haben, ehe die neue Gabel hergerichtet war.

Blasebalg wird Christophe zum Verhängnis

Weil ein kleiner Junge für ihn jedoch den Blasebalg betätigt, bekommt er von den Kommissären eine Zeitstrafe von zwei Minuten aufgebrummt.

Christophe erreicht Stunden später das Ziel in Luchon. Die Tour vermochte er nie zu gewinnen, und doch zählt er bis heute zu den großen Helden der Frankreich-Rundfahrt.

Es sind jene Geschichten, wie die von Christophe im Jahre 1913, die den Pyrenäen ihren Mythos verleihen.

100-jähriges Jubiläum

Wenn ab Sonntag (ab 14.30 Uhr im LIVE-TICKER) der Luxemburger Andy Schleck und sein spanischer Kontrahent Alberto Contador im Grenzgebirge zwischen Frankreich und Spanien den Gesamtsieg unter sich ausmachen, feiert die Tour ein großes Jubiläum (DATENCENTER: Die Gesamtwertung).

Vor 100 Jahren hatte die Frankreich-Rundfahrt die damals noch unzugängliche Bergregion in ihr Programm aufgenommen.

"Wurzeln liegen in den Pyrenäen"

"Die Wurzeln der Tour liegen in den Pyrenäen. Um den Bergen die gebührende Ehre bei ihrem Jubiläum zu erweisen, haben wir diesmal entsprechend die Route entworfen", sagt Tourchef Christian Prudhomme.

Gleich zweimal schickt er deshalb das Peloton den Tourmalet hinauf.

Los geht es am Sonntag mit der Bergankunft in Ax-3-Domaines. Danach folgen die Etappen nach Bagneres-de-Luchon und Pau, ehe nach dem Ruhetag der Showdown mit der Bergankunft auf dem Tourmalet ansteht 256736(DIASHOW: Die Etappenprofile).

Tour verliert Attraktivität

Es war Tourchef Henri Desgrange, der 1909 Alarm schlug. Die sechs Jahre zuvor gegründete Rundfahrt hatte ihren Reiz verloren, weil das Rennen aufgrund ihrer Flachetappen allzu vorhersehbar geworden war.

So kam es, dass Desgranges Mitarbeiter Alphonse Steines die wahnwitzige Idee hatte, die Tour durch die Pyrenäen zu schicken.

Eine unvorstellbare Idee, glichen die Straßen damals eher Schotterpisten mit tiefen Furchen.

Angst vor Bären

Doch Desgrange war davon angetan und schickt Steines 1910 zur Erkundung der Region in die Pyrenäen. Weit vor dem Gipfel weigert sich dessen Chaffeur aus Angst vor wilden Bären sowie der schlechten Witterungsbedingungen im Zuge des Schneefalls zur Weiterfahrt.

Steines macht sich zu Fuß auf dem Weg über den Pass und erreicht schließlich um drei Uhr morgens den nächsten Ort.

"Gut über den Tourmalet gekommen", telegrafiert er nach Paris und so war die Geburtsstunde der Pyrenäen im Tour-Programm beschlossene Sache.

"Mörder, verdammte Mörder"

Was der spätere Rundfahrt-Sieger Octave Lapize davon hielt, teilte er den Tour-Organisatoren gleich bei der Pyrenäen-Premiere anno 1910 mit.

"Mörder, ihr seid verdammte Mörder", rief er ihnen zu, nachdem er den Tourmalet als Erster überquert hatte.

Die Tour und die Pyrenäen waren seit jeher Schauplatz zahlreicher Dramen.

140 Kilometer Solofahrt

Wie 1969, als Eddy Merckx eine 140 km lange Solofahrt startete, mit über sieben Minuten Vorsprung das Ziel erreichte und den Grundstein zu seinem ersten Toursieg legte.

Ähnliches versuchte 17 Jahre später Bernard Hinault. Der Franzose, der den Gesamtsieg eigentlich schon sicher hatte, attackierte und fuhr über drei Pässe alleine an der Spitze, ehe er einbrach.

Am Ende gewann der Amerikaner Greg LeMond die Tour.

Ullrichs Sternstunde

In den Pyrenäen erlebte auch ein Deutscher seine größte Sternstunde (Alle Radsport-News).

1997 stürmte Jan Ullrich auf den Rampen nach Andorra-Arcalis ins Gelbe Trikot, das er bis Paris nicht mehr abgab.

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