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Alberto Contador triumphierte erstmals im jahr 2007 bei der Tour de France © getty

Der Spanier greift bei einem Defekt seines großen Konkurrenten an. Die Entschuldigung kommt erst spät. Thomas Voeckler siegt.

Bagneres-de-Luchon - Als Alberto Contador den Fairplay-Gedanken mit Füßen getreten und unter Buh-Rufen das Gelbe Trikot an sich gerissen hatte, kochte der geschlagene Andy Schleck vor Wut.

"Er bekommt dafür sicher keinen Fairplay-Preis. Mein Bauch ist voller Ärger. Ich werde dafür Revanche nehmen", sagte Schleck mit giftigem Blick in Richtung Contador (DATENCENTER: Die 15. Etappe).

Der Spanier hatte mit einer hinterhältigen Attacke ein technisches Malheur des bisherigen Spitzenreiters eiskalt ausgenutzt. 265390(Die Bilder)

Kette springt runter

Die wohl einscheidenste Szene der 97. Tour de France ereignete sich im Anstieg zum Port de Bales knapp 20 km vor dem Ziel, als Schleck bei einer eigenen Attacke die Kette heruntersprang.

Während Schleck sein Rad mit zittrigen Fingern wieder reparierte, zog Contador mit starrem Blick unbeeindruckt davon und erreichte 39 Sekunden vor seinem großen Rivalen das Ziel.

Acht Sekunden liegt der Vorjahressieger nun vor Schleck.

Contador verspielt Sympathien

Der Spanier mag auf der 15. Etappe von Pamiers nach Bagneres-de-Luchon, die der französische Publikumsliebling Thomas Voeckler im Alleingang gewann, den Grundstein für seinen dritten Toursieg gelegt haben.

Als Held dürfte er aber kaum mehr in die Geschichtsbücher einziehen. 256736(DIASHOW: Die Etappenprofile)

Umso größer war das Kopfschütteln, als Contador hinterher zunächst noch den Ahnungslosen mimte. "Als ich an ihm vorbeigefahren bin, habe ich nicht gewusst, dass er einen Defekt hatte", behauptete Contador.

"Das habe ich erst später erfahren, doch da war der Vorsprung schon zu groß.

Contadors späte Einsicht

Trotzdem ließ es sich der Spanier nicht nehmen, den Schlusssprint anzuziehen, um weitere Sekunden herauszuholen. Die Einsicht kehrte erst einen Tag später ein:

"Als ich attackierte, hatte Andy ein mechanisches Problem. Vielleicht habe ich einen Fehler gemacht. Es tut mir leid", sagte der Spanier in einem Video.

"In der Phase des Rennens denkt man nur daran, schnell zu fahren. Ich bin nicht glücklich über die Umstände, weil für mich Fair Play sehr wichtig ist." Was am Montag passierte, sei nicht sein Stil.

"Ich hoffe, dass mein Verhältnis zu Andy so gut bleibt wie bisher", ergänzte Contador.

Aber auch Erinnerungen an Tour-Beginn

Contador erinnerte allerdings auch an die Geschehnisse zu Beginn der Tour, als er auf der Etappe nach Spa mit dem Feld gewartet habe, nachdem die beiden Schleck-Brüder Andy und Frank gestürzt waren.

"Dafür haben mich einige Leute kritisiert, vor allem nachdem einen Tag später auf der Kopfsteinpflaster-Etappe das Feld nach einem Sturz gesplittet worden war und Andy Zeit auf mich gewonnen hatte", erklärte der 27-Jährige.

Schleck mit Wut im Bauch

Im Anstieg zum Port de Bales nun hatte Schleck mit Wut im Bauch den Berg der höchsten Kategorie erstürmt, den Pass 20 Sekunden nach Contador überquert und sich mit vollem Risiko in die Abfahrt gestürzt.

Allerdings schien der 25-Jährige sein Pulver zu früh verschossen zu haben. "Ich weine dem Trikot keine Träne nach. Das Rennen ist noch nicht vorbei", sagte Schleck.

Sein Vater Johny sah die Situation deutlich entspannter, eine Unsportlichkeit von Contador sah der Ex-Profi nicht. "Er hätte nicht warten müssen. Hier macht keiner Geschenke."

Spektakel bleibt aus

Bis zu Schlecks Pech blieb das angedachte Pyrenäen-Spektakel aus. Schleck und Contador hatten bei einer sommerlichen Bummelfahrt ihr Pokerspiel fortgesetzt und sich belauert.

Immerhin zeigte sich das Team Milram durch den Australier Luke Roberts erstmals seit langem wieder in einer Fluchtgruppe.

Frankreichs Liebling Voeckler, der seit seinen zehn Tagen im Gelbe Trikot bei der Tour 2004 ein Held der "Grande Nation" ist, setzte die entscheidende Attacke am Port de Bales etwa 30 km vor dem Ziel (DATENCENTER: Die Gesamtwertung).

Aus der zehnköpfigen Spitzengruppe machte sich nur Ex-Weltmeister Alessandro Ballan auf die Verfolgung, Milram-Profi Roberts verlor den Anschluss.

Unfreiwilliger Stopp

In der Favoritengruppe beschleunigte Schleck knapp fünf Kilometer vor dem letzten Pass des Tages erstmals, eine ernsthafte Attacke setzte der Luxemburger zunächst allerdings nicht.

Contador und selbst der sportlich bisher enttäuschende Armstrong hatten keine Probleme, dass Tempo zu halten. Erst Schlecks zweiter Angriff saß, doch nach wenigen Metern folgte der unfreiwillige Stopp 265004(DIASHOW: Die 14. Etappe)

Nach einer schnellen Anfangsphase hatte sich erst weit nach der ersten Rennstunde die Spitzengruppe gebildet.

In Gedenken an Casartelli

Die Ausreißer um Roberts und Tagessieger Voeckler passierten nach 105 km als Erste den Col de Portet-d'Aspet, auf dessen Abfahrt der Italiener Fabio Casartelli am 18. Juli 1995 ums Leben gekommen war.

Der Olympiasieger von 1992 war damals Teamkollege von Lance Armstrong. Casartelli war auf der Abfahrt vom Aspet gestürzt und mit dem Kopf gegen einen Grenzstein geprallt. Er trug keinen Helm.

An der Westrampe des Berges steht heute ein Gedenkstein für den nur 24 Jahre alt gewordenen Radprofi. Am Montag schmückten viele Blumen das Denkmal.

Der Tourmalet wartet

Am Dienstag steht die erste von zwei Überquerungen des Col du Tourmalet auf dem Programm.

Auf der 199,5 km langen Etappe von Bagneres-de-Luchon nach Pau (ab 14.30 Uhr im LIVE-TICKER) muss das Peloton zwei Berge der ersten und neben dem Tourmalet noch einen weiteren Berg der höchsten Kategorie überqueren.

Der letzte Pass liegt allerdings 50 km vor dem Ziel, so dass sich in der Gesamtwertung wohl keine große Veränderungen ergeben werden.

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