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Seit der Saison 2009 Fahrer beim Team Milram: Johannes Fröhlinger © imago

Milram-Fahrer Johannes Fröhlinger spricht im SPORT1-Interview über die Zukunf seines Teams und den umstrittenen Tour-Sieger Contador.

Von Christian Stüwe

München ? Hinter Johannes Fröhlinger liegt seine dritte Tour de France:

Wirklich Zeit zum Erholen hatte der 25-Jährige danach nicht, weil er mit seinem Team Milram bereits wieder an zwei Rundstrecken-Rennen teilnahm.

Zudem ist die Zukunft von Milram höchst ungewiss - der in Gerolstein geborene Radprofi muss sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nach einem neuen Rennstall umsehen.

Wie einige andere deutsche Fahrer wird auch Fröhlinger mit dem neuen Luxemburg-Team in Verbindung gebracht, bei dem offenbar die Schleck-Brüder fahren werden.

Im SPORT1-Interview spricht Johannes Fröhlinger über Milrams Zukunft, die Situation im deutschen Radsport und den umstrittenen Tour-Sieger Alberto Contador.

SPORT1: Die Tour ist nun rund 14 Tage vorbei, Sie waren schon wieder im Einsatz. Konnten Sie sich dennoch ein wenig erholen?

Johannes Fröhlinger: Die erste Woche nach der Tour war etwas stressig. Ich bin unter anderem bei zwei Rundstrecken-Rennen in Neuss und Luxemburg gestartet, die jeweils am Abend stattgefunden haben. Und am Wochenende, nur sechs Tage nach Paris, bin ich bei der Classica San Sebastian gefahren. Dort lief es nicht gut, und ich konnte das Rennen nicht beenden. Die zweite Woche nach der Tour nutze ich gerade aber komplett zur Erholung.

SPORT1: Wie fällt Ihr persönliches Tour-Fazit denn aus?

Fröhlinger: Mit meinen eigenen Leistungen bin ich nicht zufrieden. Kurz vor der Tour hatte ich bei der Tour de Suisse eine ansprechende Form. Leider konnte ich mich nicht so gut in Szene setzen und habe es nur einmal geschafft, in einer Ausreißergruppe dabei zu sein. Dennoch ist die Tour de France das größte Radrennen der Welt - das merkt man jeden Tag. Die ganze Atmosphäre und die unglaublich vielen Zuschauer sind enorm beeindruckend. Dort dabei zu sein und es bis ins Ziel auf den Champs-Elysees zu schaffen, ist ein Erlebnis.

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SPORT1: Und das Fazit aus Sicht von Team Milram?

Fröhlinger: Die gesamte Mannschaft kann nicht zufrieden sein. Wir haben uns sicher unter Wert verkauft und unsere Ziele nicht erreicht. Alles in allem haben wir etwas glücklos agiert. Ein frühes Erfolgserlebnis hätte die Mannschaft vielleicht mitgerissen. Aber es lief fast von Tag zu Tag schlechter. Am Ende waren auch viele Fahrer gesundheitlich angeschlagen, und die Moral war nicht mehr die Beste.

SPORT1: Einer der umstrittensten Momente war der Antritt von Alberto Contadors, als Andy Schleck Probleme mit der Kette hatte. Wie beurteilen Sie die Szene?

Fröhlinger: Man muss vorsichtig damit sein, solche Szenen nur auf Grund der Fernsehbilder zu beurteilen. Aber die waren doch ziemlich eindeutig, und die Diskussionen sind nicht umsonst entstanden. Sicherlich kann man attackieren, wann man will. Wenn Contador jedoch nach dem Defekt zumindestens ein paar Momente gewartet hätte, wäre es ein faire Geste gewesen. Ohne diesen Defekt wäre der Kampf um den Toursieg spannender verlaufen.

SPORT1: Die Zukunft des Team Milram scheint ungewiss. Wie sehen Sie die Lage?

Fröhlinger: Es sieht wirklich sehr schlecht aus. Aber noch ist die Hoffnung nicht aufgegeben, und unser Teamchef Gerry van Gerwen will ja auch eine Lizenz für nächste Saison kaufen.

SPORT1: In den Alpen sind Sie einmal lange in einer Ausreißergruppe mitgefahren. Ist es wichtig, sich zu zeigen, gerade wenn man sich wohl einen neuen Arbeitgeber suchen muss?

Fröhlinger: Das ist enorm wichtig, und die Tour de France ist dafür die beste Bühne. Leider ist es mir nur an diesem einen Tag gelungen, mich wenigstens ein bisschen in Szene zu setzen. Aber meine Mitausreißer waren alles sehr starke Fahrer, und ich hatte am letzten Berg keine Chance.

SPORT1: Sie hatten mit mehr gerechnet...

Fröhlinger: Letztes Jahr bin ich auf den dritten Platz in den Pyrenäen gefahren. Einen solchen Tag habe ich mir natürlich wieder erhofft, und es hätte mir bestimmt geholfen, einen besseren Vertrag für die nächste Saison zu bekommen.

SPORT1: Gibt es denn Kontakte zu anderen Rennställen?

Fröhlinger: Ja, Kontakte zu anderen Rennställen bestehen bereits seit dem Frühjahr. Dabei hilft mir auch ein Manager. Ich hoffe, dass ich bereits in den nächsten Tagen Sicherheit über meine Zukunft habe.

SPORT1: Wie schlimm wäre es für den deutschen Radsport, keinen Profirennstall mehr zu haben?

Fröhlinger: Das wäre sehr schlimm. Wir haben im Moment viele deutsche Berufsradfahrer auf hohem Niveau und auch viele Talente, die den Sprung zu den Profis schaffen können. Ohne ein großes deutsches Team würde die Anzahl deutscher Radprofis sicher nach und nach zurück gehen. Den vielen Talenten, die wir im Moment noch in Deutschland haben, fehlt dann einfach die Perspektive.

SPORT1: Was bedeutet das noch?

Fröhlinger: Wenn es weniger deutsche Fahrer gibt, geht wahrscheinlich auch langsam das öffentliche Interesse an dieser Sportart zurück. Dadurch könnte ein Teufelskreis entstehen. Der Radsport hat in Deutschland nicht die Tradition, wie in anderen Nationen. Er hat ein starkes Hoch durchlebt, und in den letzten Jahren ging es wieder rapide zurück. Die Gefahr, dass dieser Trend sich fortsetzt, ist natürlich da und beschäftigt mich auch. Aber vielleicht kommt es ja auch gar nicht so schlimm.

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