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Alberto Contador wurde dreimal als weltbester Radfahrer ausgezeichnet © getty

Contador ist zurück im Sattel und drückt auf die Tränendrüse. Auf Spaniens Verband prasselt Kritik, die WADA prüft ihre Optionen.

Faro/München - Ein lautes "Alberto Contadorrrr" ertönte aus den Lautsprechern, eine Heerschar von Reportern umlagerte den schmächtigen Mann mit der Rückennummer eins, und zahlreiche spanische Radsport-Fans klatschten begeistert Applaus.

Einen Tag nach seinem fragwürdigen Freispruch und 206 Tage nach seinem dritten Triumph bei der Tour de France stieg Alberto Contador bei der Algarve-Rundfahrt in Portugal wieder in den Sattel und kam beim Sieg des Belgiers Philippe Gilbert (Omega Pharma-Lotto) mit dem Hauptfeld ins Ziel (EINWURF: Auf Hallervordens Spuren).

"Ich bin müde, aber froh, wieder hier zu sein. Das ist eine große Genugtuung für mich", sagte der spanische Volksheld mit verschlafenem Blick.

Erst in der Nacht war Contador nach einer 300 Kilometer langen Taxifahrt von Lissabon nach Faro im Teamhotel angekommen, nachdem er den Anschlussflug verpasst hatte.

Wo bleibt die Normalität?

Es sollte vorerst das letzte Hindernis auf dem Weg zum Comeback sein, das am Mittwoch um 11 Uhr Ortszeit beim Start im Estadio Algarve über die Bühne ging.

Contador ist also wieder da, doch Normalität ist in der Radsport-Welt nicht eingekehrt - im Gegenteil. Das Echo nach dem Freispruch des spanischen Radsport-Verbandes RFEC am Dienstag hallte durch ganz Europa.

Während in der spanischen Presse die Laudatio über den Volkshelden nicht lang genug ausfallen konnte, reagierten die internationalen Medien mit Unverständnis.

Mehr Glück als Colo

"Eine beschämende Staatsaffäre", schrieb die französische Sporttageszeitung "L'Equipe" mit Blick auf die Einmischung des spanischen Regierungschef Jose Luis Rodriguez Zapatero.

Die belgische Zeitung "La Derniere Heure" titelte: "Colo, in Spanien hättest du geboren sein müssen."

Der italienische Radprofi Alessandro Colo war wie Contador positiv auf Clenbuterol getestet worden und muss nun ein Jahr pausieren.

Contador tritt dagegen wieder in die Pedale, und daran können die Sportgerichte so schnell nichts ändern.

WADA von Ergebnis überrascht

Einen Monat haben der Radsport-Weltverband UCI und die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) Zeit, Einspruch vor dem Internationalen Sportgerichtshof CAS einzulegen. Danach dürften bis zu einem möglichen Urteil weitere Monate ins Land ziehen.126156(DIASHOW: Spektakuläre Dopingfälle)

Man werde den Richterspruch gemeinsam prüfen, betonte UCI-Chef Pat McQuaid.

WADA-Generaldirektor David Howman fand es jedenfalls sonderbar, dass das Wettkampfkomitee des spanischen Verbandes innerhalb weniger Wochen seine Meinung änderte: "Von so einer Praxis habe ich noch nie gehört. Wir werden sehen, ob das im Einklang mit dem Anti-Doping-System steht."

McQuaid wundert nichts mehr

Die Einmischung Zapateros, der in der vergangenen Woche einen Freispruch für Contador gefordert hatte, stieß übel auf. (Jetzt auch um 12 und 13 Uhr die News im TV auf SPORT1)

"Ich denke nicht, dass Politiker in ein laufendes Verfahren eingreifen sollten, wenn sie nicht alle Fakten kennen. Das war ungerechtfertigt. Es sollte Sache des Sports sein, sich selbst zu überwachen. Das hat dem Image von Spanien nicht geholfen, aber in Spanien wundert mich nichts mehr", kritisierte McQuaid

McQuaid monierte auch, die Haltung der Spanier im Anti-Doping-Kampf habe sich nicht verbessert. Der Ire hatte erst bei der WM in Melbourne Ende September die laxe Anti-Doping-Politik kritisiert.

Wohlfeile Einlassungen, denen allerdings die dubiose Art und Weise gegenübersteht, wie McQuaid und der UCI die Affäre Contador selbst gehandhabt haben.

Kritik von ehemaligem Hinault-Chef

Freunde haben sich die Spanier jenseits der iberischen Halbinsel mit dem Urteil jedenfalls nicht gemacht. "Es zeigt sich, dass Spanien noch immer tief in der Dopingkultur auf höchstem Niveau verankert ist", sagte Cyril Guimard, der frühere Sportliche Leiter der Toursieger Bernard Hinault und Laurent Fignon.

Contador wollte davon freilich nichts wissen, der Kletterkönig drückte stattdessen im spanischen Fernsehen auf die Tränendrüse.

"Das waren unglaubliche Wochen und Monate, die ich niemandem wünsche. Das muss man erlebt haben, um zu spüren, wie es sich anfühlt. Das waren sechs Monate mit schlaflosen Nächten und Haarausfall. Da waren Zeiten, wo ich geweint habe. Man wollte mich guillotinieren", sagte der Spanier, der seine Saisonplanung vorerst bis zum Giro d'Italia ausgerichtet hat.

Tour-Start nicht in Gefahr?

Bis zum Start der Italien-Rundfahrt im Mai dürfte ihm auch kaum Ungemach drohen. Unter Umständen kann er sogar bei der Tour starten, sollte der CAS bei einem möglichen Prozess nicht aufs Tempo drücken.

Das wäre der Albtraum für Tourchef Christian Prudhomme: "Es hat bereits viel zu lange gedauert, und keiner weiß, ob das Ende der Geschichte bereits erreicht ist."

Nur allzu oft war das Gelbe Trikot in den vergangenen Jahren bei der Tour beschmutzt worden. Und sollte Contador im Nachhinein noch gesperrt werden, wäre er nach Floyd Landis bereits der zweite Radprofi in sechs Jahren, der den Siegerpokal wieder aus der Vitrine holen muss.

Contador: Kein Fleisch mehr

Der 28-Jährige war am zweiten Ruhetag der Tour 2010 positiv auf Clenbuterol getestet worden, ein kontaminiertes Stück Rindfleisch sei der Grund für den positiven Befund gewesen.

"Eines ist klar, ich werde kein Fleisch mehr essen", betonte Contador. Dazu riet auch ein französischer TV-Sender: "Esst kein spanisches Fleisch mehr, es sei denn, ihr wollt dopen."

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