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Jörg Jaksche (r.) hatte 2004 das Rennen Paris - Nizza gewonnen © imago

Den Kronzeugen-Kollegen wundert Sinkewitz' Doping-Rückfall nicht. Er attackiert Szene, Verbände und Rudolf Scharping.

Von Martin Hoffmann

München - Der geständige Ex-Doper Jörg Jaksche nimmt die erneute Affäre des Kronzeugen-Kollegen Patrik Sinkewitz zum Anlass für eine erneute Abrechnung mit der Szene.

Im Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" zeigte sich der 34-Jährige nicht überrascht von Sinkewitz' Rückfall, den er mit Systemzwang erklärt.

"Für mich war das immer möglich", so Jaksche: "Weil der Fahrer eben in seine Petrischale zurückkehrt, quasi in sein Bakterienbecken, wo das alles gedeiht."

Sinkewitz habe am Anfang wohl "aufrichtig um seine Glaubwürdigkeit gekämpft". Aber: "Irgendwann kommst du wohl an den Punkt, wo du dich fragst: Was interessiert mich eigentlich meine Moral? Mir geht es doch um soziale Sicherheit, um Verträge!" (DATENCENTER: Radsport 2011)

(Jetzt auch um 12 und 13 Uhr die News im TV auf SPORT1)

Einzige Chance: Ausstieg

Es gebe wohl "eine biographische Falle, auf die sich Hochleistungssportler reduziert haben und in der wir gefangen sind".

Die Doping-Situation im Radsport sei "wie bei den Banken mit den Boni, mit den Risikopapieren. Alle haben Besserung geschworen - jetzt geht es wieder los." Sinkewitz' Verhalten könne man ihm "vorwerfen", es sei aber "nachzuvollziehen".

Seine einzige Chance, dem Rückfall zu entgehen, "wäre der Ausstieg gewesen".

Eigene Comeback-Pläne ad acta gelegt

Jaksche erklärte außerdem, eigene Comeback-Bestrebungen wegen der Affäre Sinkewitz ad acta gelegt zu haben. Der einstige Liberty-Fahrer hatte Kontakt zum neuen Team Christina Watches-Onfone um den Dänen Michael Rasmussen.

Obwohl Rasmussen selbst in diverse Doping-Affären verwickelt war, fand Jaksche die Option "interessant": "Hinter dem Team steht ein vernünftiger Mensch, jemand aus dem gehobenen Management."

Er habe den Kontakt aber abgebrochen, weil ihm "mit den Fällen Ricco und nun Sinkewitz klar geworden" wäre, dass er sich auch der Gefahr ausgesetzt hätte, rückfällig zu werden: "Ich glaube fast, mir wäre das auch passiert." Davor hätte er "Angst" habt.

Jaksche war 2008 zurückgetreten, weil er sich beim Versuch, ein neues Team zu finden, wie ein unerwünschter "Nestbeschmutzer" behandelt fühlte. Ein Comeback-Anlauf 2009 scheiterte an einer nicht vergebenen Lizenz für das Continental-Team Cinelli-OPD.

Ein "komischer Zufall"

Sinkewitz ist in A- und B-Probe positiv auf die Einnahme eines Wachstumshormons getestet worden, er bestreitet aber weiter, wieder wissentlich gedopt zu haben.

Jaksche hält es für einen "komischen Zufall", dass gerade Kronzeuge Sinkewitz der erste HGH-Fall des Radsports ist: "Die Leute, denen er Stress gemacht hat, haben vielleicht mal die Chance genutzt, ihn komplett aus dem Sport rauszunehmen."

Er könnte "zwanzig Leute aufzählen, wo ich mir sicher wäre, dass sie das Zehnfache nehmen wie Sinkewitz - am Tag".

Kritik an BDR und UCI

Kritik übte Jaksche an dem Bund Deutscher Radfahrer und seinen Äußerungen über Sinkewitz, der den BDR mit seinen Kronzeugen-Aussagen schwer belastet hatte. "Der Verband mit seinem Präsidenten Scharping ist mit seinem Verhalten keine moralische Instanz für mich", so Jaksche.

Scharping hatte Sinkewitz "unbelehrbar" genannt und ihm ein "hohes Maß an Beklopptheit" attestiert.

Auch den Weltverband UCI nennt Jaksche "weiterhin weit von Transparenz und Rechtmäßigkeit entfernt".Dessen Verhalten im Fall Contador sei "schizophren" gewesen: "Am Anfang wurde noch versucht, es zu vertuschen. Jetzt wird Einspruch eingelegt."

Sinkewitz' Kronzeugen-Aussagen hätten für Jaksche trotz der neuerlichen Affäre einen Wert: "Der bleibt."

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