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MATTHIAS GINTER (ab 90.): Kommt für seinen verletzten Dortmunder Teamkollegen noch zu einem Kurzeinsatz. Ohne Bewertung
Der belgische Radprofi Wouter Weylandt startete in diesem Jahr beim Klassiker Paris-Roubaix © getty

Auf der 3. Etappe der Italien-Rundfahrt kommt Wouter Weylandt zu Tode. Der Staatsanwalt ermittelt. Der Profi war in Sorge.

Rapallo - Die Radsport-Welt steht unter Schock: Der belgische Profi Wouter Weylandt hat einen fürchterlichen Sturz auf der dritten Etappe des 94. Giro d'Italia mit dem Leben bezahlt.

Der 26 Jahre alte Kollege von Fabian Wegmann und Dominic Klemme beim Team Leopard verlor auf der Abfahrt vom Bocco-Pass 25 Kilometer vor dem Ziel in Rapallo bei hoher Geschwindigkeit die Kontrolle über sein Rad und prallte mit dem Kopf auf den Asphalt.

Noch auf der Straße kämpften die Rennärzte mit Herzmassagen um Weylandts Leben. Letztlich vergeblich: Weylandt erlag an der Unfallstelle einem Schädelbasisbruch und schweren Gesichtsverletzungen.

Besorgte SMS

Um 18.01 Uhr bestätigte sein Team den Tod: "Wir haben einen Freund verloren. Das gesamte Team steht unter Schock." Francesco Brancaccio, stellvertretender Staatsanwalt von Chiavari, ordnete nach Freigabe des Leichnams eine Autopsie im Krankenhaus von Lavagna und eine genaue Untersuchung des Unfallhergangs an. Der Unfall-Arzt wurde mit den Worten zitiert: "Er hat nicht gelitten. Er war auf der Stelle tot. Es hätte eines Wunders bedurft, um ihn zu retten."

Laut einem Bericht der belgischen Zeitung "Het Laatse Nieuws" hatte Weylandt nach dem Giro-Start per Handy eine Textnachricht abgesetzt. Es gehe gefährlich zu. "Das bereitet mir Sorgen."

Vater muss anreisen

Die Staatsanwaltschaft der norditalienischen Stadt Chiavari hat einen Tagt nach dem tödlichen Unfall die Ermittlungen aufgenommen.

Francesco Brancaccio, stellvertretender Staatsanwalt von Chiavari, ordnete eine Autopsie des Leichnams im Krankenhaus von Lavagna an. Weylandts Vater muss anreisen, um die Leiche seines Sohnes zu identifizieren.

Keine Siegerehrung

Aus Respekt vor dem tödlich verunglückten Belgier Wouter Weylandt wird es nach der vierten Etappe von Genua nach Livorno am Dienstag keine Siegerehrung geben.

Vor Beginn der Etappe werden die Teams und Fahrer eine Schweigeminute einlegen. Das gab die Rennleitung bekannt.

Die Fahrer von Weylandts Team Leopard werden zusammen die Ziellinie in Livorno überqueren.

Nach dem Todessturz des Italieners Fabio Casartelli bei der Tour de France 1995 hatte das Team Motorola, zu dem damals unter anderem Lance Armstrong gehörte, dies praktiziert und war am Ende der folgenden Etappe geschlossen in einer Linie vor dem Peloton über den Zielstrich gerollt.

Giro wird trotz des Unfalls fortgesetzt

Weylandt ist das vierte Todesopfer in der 102-jährigen Geschichte des Giro nach den Italienern Orfeo Ponsin (1952) und Emilio Ravasio (1986) sowie dem Spanier Juan Manuel Santisteban (1976).

Weylandts Freundin Sophie ist schwanger, sie erwartet im Herbst das gemeinsame Kind.

"Das ist ein äußerst trauriger Tag für den Radsport, eine schlimme Nachricht für den Giro. Ich habe am Bildschirm gesehen, was passiert ist", sagte Renndirektor Angelo Zomegnan. Die Ehrungen für den spanischen Etappensieger Angel Vicioso wurden sofort abgesagt.

Trotz des Unfalls wird die Italien-Rundfahrt fortgesetzt. "Wir überlassen allen Fahrern die Entscheidung, ob sie weitermachen oder nicht", sagte Zomegnan.

Tiefe Betroffenheit im Fahrerfeld

Pat McQuaid, Präsident des Radsport-Weltverbands UCI, äußerte in einer Pressemitteilung, "dass alle Fahrer ihre Trauer überwinden müssen, um das Rennen fortzusetzen."

Im Fahrerlager herrschte derweil tiefste Betroffenheit: Der Schotte David Millar, der mit Platz zwei auf der dritten Etappe das Rosa Trikot des Gesamtführenden eroberte, sagte: "Der Erfolg bedeutet mir nichts mehr. Unter dem Strich ist unser Sport einer, der an jedem einzelnen Tag seine Risiken hat."

Englands Sprint-Ass Mark Cavendish, der am Montag Rosa verlor, twitterte: "Solche Dinge sollten nicht geschehen. Mir ist total übel." Der siebenmalige Tour-Sieger Lance Armstrong war in seiner Heimat Austin "geschockt und betroffen", wie er bei Twitter schrieb.

"Waren schnell bei ihm"

Nach Informationen des TV-Senders "Eurosport" soll sich das linke Pedal des Rades von Weylandt an einer Steinmauer verhakt haben, wodurch der Belgier rund 20 Meter durch die Luft geschleudert wurde.

"Wir waren schnell bei ihm und haben rund 40 Minuten um ihn gekämpft - aber es war nichts zu machen", sagte Einsatzleiter Giovanni Tredici bei "Eurosport".

Nach einer anderen Darstellung touchierte Weylandt bei Tempo 70 mit dem Vorderrad die Mauer und schlug mit dem Kopf erst auf die Mauer, dann auf den Asphalt auf.

Dramatische Szenen

An der Unfallstelle spielten sich dramatische Szenen ab. Nach seinem Sturz hatte Weylandt sofort das Bewusstsein verloren, sein Gesicht war blutüberströmt.

Die medizinischen Kräfte der Italien-Rundfahrt waren zwar binnen weniger Minuten beim schwer verletzten Belgier. Doch nach Angaben italienischer Medien herrschte an der Unglücksstelle kein Mobilfunk-Empfang.

Per TV-Appell wurde ein Notfall-Hubschrauber angefordert, doch dieser fand im bergigen Gelände lange keinen geeigneten Landeplatz.

"Der Giro war nicht in meinem Programm"

Dabei hatte Weylandt ursprünglich keinen Start bei der Italien-Rundfahrt geplant: "Der Giro war nicht in meinem Programm, sondern als einzige große Rundfahrt die Vuelta in Spanien", hatte Weylandt noch am Samstag in einem Interview mit dem belgischen Internet-Portal "huma" gesagt.

Und weiter: "Aber das Team wollte mit Daniele Bennati auf Sprintsiege gehen, ich sollte Lokomotive sein. Nach Bennatis Verletzung werde ich jetzt wohl in Ausreißergruppen mitgehen." Bennati hatte sich Ende April bei der Tour de Romandie das Schlüsselbein und vier Rippen gebrochen und musste deswegen beim Giro passen.

Weylandt hatte 2004 beim Team Quickstep bei den Profis debütiert und war nach der vergangenen Saison zum Team Leopard um Olympiasieger Fabian Cancellara (Schweiz) und die Luxemburger Schleck-Brüder gewechselt (DATENCENTER: Radsport 2011).

Vor Jahresfrist hatte Weylandt seinen größten Sieg gefeiert: Ausgerechnet auf der dritten Etappe des Giro.

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