vergrößernverkleinern
Das Team Leopard betrauert den Unfalltod seines Fahrers Wouter Weylandt © getty

Der beim Giro tödlich gestürzte Profi hatte offenbar in einer SMS Bedenken geäußert. Nach dem Unfall entbrennt eine Debatte.

München - In der Stille des Todes hielt der bunte Radsport-Zirkus für einen kurzen Moment den Atem an.

Fassungslosigkeit, Trauer und Entsetzen herrschten nach dem Unfalltod des Belgiers Wouter Weylandt auf der dritten Etappe des Giro d'Italia.

Mit Tränen in den Augen rollten am Dienstabend die Profis des Leopard-Teams geschlossen ins Ziel und gedachten ihres toten Freundes.

"Ich bin schockiert und es ist für mich einfach unfassbar. Ich finde keine Worte, um meine Gefühle über Wouters Tod auszudrücken", meinte Fabian Wegmann, der die letzten Meter Arm in Arm mit seinen sieben verbliebenen Teamkollegen absolvierte. Der 30-Jährige aus Münster hatte beim Giro das Zimmer mit dem verunglückten Belgier geteilt: "Wouter war ein Freund."

Leopard-Team steigt aus

Noch am Dienstagabend beschloss das gesamte Team, aus dem Giro auszusteigen. "Wir haben großen Respekt vor dem Giro und dem Radsport, aber wir können unter diesen Umständen einfach nicht weiterfahren. Wir sind Profis, aber wir glauben, dass dies die richtige Entscheidung ist", sagte Wegmann.

Im Rosa Trikot des Gesamtführenden fährt weiterhin der schottische Zeitfahr-Spezialist David Millar (Garmin). Am Mittwoch geht es auf der 5. Etappe über 191 Kilometer von Piombino nach Orvieto.

Schweigeminute vor dem Start

Schon vor dem Start zum vierten Teilstück legten Teams und Fahrer am Dienstag eine Schweigeminute ein, doch von Ruhe war da schon keine Spur mehr.

Der tödliche Unfall des 26 Jahre alten Teamkollegen von Jens Voigt, Fabian Wegmann und Dominic Klemme beim Team Leopard hat eine Diskussion um die Sicherheit der Fahrer losgetreten.

Offenbar war sich auch Weylandt der Gefahren der Rundfahrt bewusst. Wie der Onlinedienst der belgischen Tageszeitung "Het Laatste Nieuws" berichtet, schrieb er seinem Manager Jef van den Bosch nach dem Giro-Start in einer SMS, dass das Rennen sehr gefährlich sei, es werde nervös gefahren. "Das bereitet mir Sorgen", wird Weylandt zitiert. (Giro-Tragödie: Profi schickte besorgte SMS)

Kontrollverlust bei der Abfahrt

Der Belgier hatte am Montag auf der Abfahrt vom Bocco-Pass bei hoher Geschwindigkeit die Kontrolle über sein Rad verloren und war mit dem Kopf auf den Asphalt geknallt. Noch auf der Straße kämpften die Rennärzte um sein Leben. Vergeblich. Weylandt, der noch vor Jahresfrist ausgerechnet die dritte Etappe des Giro gewonnen hatte, erlag an der Unfallstelle einem Schädelbasisbruch und schweren Gesichtsverletzungen.

Während für die einen Weylandts Unfalltod "ein schrecklicher Zufall" ist, wie die italienische Sporttageszeitung Corriere dello Sport schrieb, sehen andere darin ein vermeidbares, ja absehbares Unheil. "Man konnte es kommen sehen. Es gab viele gefährliche Kurven, aber nicht ein Warnschild oder eine gelbe Flagge, die das anzeigte", sagte der spanische Radprofi Pablo Lustras, der die Etappe als Dritter beendet hatte: "Jegliche Sicherheitsvorkehrungen glänzten durch Abwesenheit."

Laute Kritik

Nicht minder deutlich äußerte sich Lustras Landsmann Luis Angel Mate, der von einem "schwarzen Tag" sprach. "Im Radsport müssen sich viele Dinge verbessern, aber zuallererst unsere Sicherheit", twitterte der Profi des Cofidis-Teams: "Viele Stürze, viele Verletzungen - und jetzt das. Mir fehlen die Worte." Konsequenzen daraus zog Tyler Farrar aus den USA. Der Freund und Trainingspartner Weylandts wird am Mittwoch zur fünften Etappe nicht mehr antreten.

"Ein schrecklicher Tag"

Während die Staatsanwaltschaft der norditalienischen Stadt Chiavari nach dem tödlichen Unfall die Ermittlungen aufgenommen und eine Autopsie des Leichnams im Krankenhaus von Lavagna angeordnet hat, kündigte Giro-Chef Angelo Zomegnan - ohne ins Detail zu gehen - Konsequenzen und vestärkte Sicherheitsvorkehrungen an. Die 216 Kilometer der vierten Etappe nach Livorno sollten zu einer Gedenkfahrt im Bummeltempo werden und zählen nicht in der Gesamtwertung.

"Die Etappe wird neutralisiert", sagte Zomegnan. "Jedes Team wird jeweils für zehn Kilometer das Feld anführen." Zudem wird es wie schon am Montag keine Siegerehrung geben, die Fahrer tragen Trauerflor. "Es ist ein schrecklicher Tag, so wie jeder Tote im Sport schrecklich ist", sagte Zomegnan.

"Teil des Spektakels"

Ob und inwieweit allerdings tiefgreifende Maßnahmen folgen, ist fraglich. "Spektakel oder Sicherheit", schrieb die renommierte spanische Zeitung "El Pais "zur Unfall-Problematik im Radsport. Stürze, so scheint es, gehören zum Radsport dazu. Oder, wie es der spanische Profi Juan Antonio Flecha ausdrückt: "Alles scheint Teil des Spektakels zu sein."

Jedes Jahr, so Flecha weiter, passieren Stürze, "weil es bei den Zielankünften so etwas wie einen doppelten Bordstein mitten auf der Geraden gibt. Das weiß die ganze Welt seit Jahren, und am besten wissen das die Betrunkenen, die sich immer in dieser Zone zum Zuschauen aufhalten. Trotzdem halten die Organisatoren an diesen Ankünften fest, und niemand sagt etwas. Auch nicht die UCI." (DATENCENTER: Radsport 2011)

Acht-Meter-Absturz

Dabei hatte gerade der Giro erst vor zwei Jahren einen Warnschuss abbekommen, als der Spanier Pedro Horrillo auf der achten Etappe zu Fall kam, eine Absperrung durchbrach und 60 Meter in die Tiefe stürzte. Acht Monate nach diesem Unfall, bei dem der damals 34-Jährige Knochenbrüche sowie eine Lungenverletzung erlitten hatte, beendete Horrillo seine Karriere.

Seit jenem Sturz fahren beim Giro zwei Ambulanzen dem Feld hinterher, um auf Unfälle schneller reagieren zu können. "Wir sind auf solche Eventualitäten vorbereitet, um im Notfall die größte Gewissheit zu haben, mit totaler Effektivität handeln zu können", sagte Giro-Chef Zomegnan: "Aber einige Dinge lassen sich nicht vermeiden."

Eine der bitteren Lehren des Todes von Weylandt ist, dass offensichtlich auch die 2003 - gegen den Widerstand vieler Fahrer - vom Weltverband UCI eingeführte Helmpflicht im Profi-Radsport keine 100-prozentige Sicherheit garantiert. "In jeder Hochrisikosportart, egal ob Ski Alpin, Formel 1 oder Radsport ist die Todesgefahr ein permanenter Begleiter", sagte Ex-Profi Jörg Jaksche bei ServusTV: "Die Gefahr fährt immer mit, das ist ganz klar. Es passiert im Durchschnitt jedes zweite Jahr ein Todesfall bei einem Radrennen. Dafür sind die Geschwindigkeiten zu hoch, es gibt keine Sturzzonen."

Erinnerung an Casartelli

Der Tod von Weylandt hat bei vielen die Erinnerung an den tödlichen Sturz von Fabio Casartelli bei der Tour de France vor 16 Jahren geweckt. Der Italiener kam am 18. Juli 1995 bei der Abfahrt vom Portet d'Aspet in einer Kurve zu Fall und prallte - ohne Helm - mit dem Kopf auf einen Begrenzungsstein. Blutüberströmt blieb Casartelli auf dem Asphalt liegen, jede Hilfe kam zu spät.

Wie an diesem Dienstag reagierte das Fahrerfeld auch damals mit einer Schweigeminute auf den Tod des Olympiasiegers von 1992. Anschließend verzichtete das Peloton auf einen sportlichen Wettstreit. Stattdessen durften Casartellis Motorola-Teamkollegen, angeführt von Kapitän Lance Armstrong, mit gebührendem Abstand des Feldes nebeneinander die Ziellinie überqueren.

Zum Forum - jetzt mitdiskutieren! Zurück zur Startseite

teilentwitternteilenE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel