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Linus Gerdemann gewann 2007 eine Etappe bei der Tour de France © getty

Linus Gerdemann spricht bei SPORT1 über den Fall Contador, den tragischen Tod eines Teamkollegen und Radsport in Deutschland.

Von Julian Meißner

München - Die Generalprobe für das Saisonhighlight steht an.

Bei der Tour de Suisse (ab Samstag LIVE im TV auf SPORT1) holt sich die Radsport-Elite den letzten Schliff für die 98. Tour de France ab dem 2. Juli.

Mittendrin: Der Münsteraner Linus Gerdemann vom luxemburgischen Team Leopard-Trek, das gleich im ersten Jahr seines Bestehens zu dem Anwärtern auf den Sieg bei der Großen Schleife zählt.

Bei der Luxemburg-Rundfahrt feierte Gerdemann am vergangenen Wochenende den Gesamtsieg (News), bei den ganz großen Rennen wird er angesichts der Starbesetzung seines Teams jedoch wohl wieder ins zweite Glied rücken müssen (DATENCENTER: Tour de Suisse).

Im Interview der Woche mit SPORT1 spricht der 28-Jährige über den Fall Contador, den tragischen Tod eines Teamkollegen und die Wahrnehmung seines Sports in Deutschland.

SPORT1: Herr Gerdemann, die Tour de Suisse steht vor der Tür. Was haben Sie sich vorgenommen?

Linus Gerdemann: Es ist eine schwere Rundfahrt, gerade dieses Jahr. Was mich persönlich angeht, muss ich mal schauen. Die Luxemburg-Rundfahrt ist ja gerade erst vorbei und war nicht ganz einfach für uns. In der Schweiz werden wir wieder viel zu tun bekommen, gerade Fränk und Andy Schleck. Dementsprechend kann ich meine eigenen Ambitionen noch nicht so ganz definieren. Aber ich bin in einer guten Verfassung. Ich rechne mit einer guten Vorbereitung auf die Tour de France.

SPORT1: Ändert Ihr Sieg bei der Luxemburg-Rundfahrt etwas an der Hierarchie bei Leopard-Trek?

Gerdemann: Nein, ich hatte schon vorher einen guten Stellenwert im Team. Aber natürlich tut so ein Sieg einem selbst und dem Team immer gut.

SPORT1: Sie sagten, Ihr Team sei die "stärkste und professionellste Mannschaft" im Peloton. Ist Leopard damit auch Favorit beim Saisonhighlight, bei der Tour?

Gerdemann: Ich weiß nicht, ob man uns in die Favoritenrolle hineinreden sollte. Wir brauchen uns sicher vor keiner Mannschaft zu verstecken. Wir gehören zu den Mitfavoriten, doch es gibt viele starke Teams. Es ist wie im Fußball: Mehrere Mannschaften sind in der Lage, die Champions League zu gewinnen.

SPORT1: Bisher sind die ganz großen Erfolge weitgehend ausgeblieben. Spüren Sie, dass der Druck langsam steigt?

Gerdemann: Ich glaube nicht, dass die großen Erfolge ausgeblieben sind. Wir waren bei fast jedem Klassiker auf dem Podium und haben uns sehr gut präsentiert. Es fehlt nur der Sieg bei einem großen Klassiker. Aber wir sind in der Weltrangliste der Teams ganz weit vorn dabei. Das spiegelt wieder, was wir bisher als Team geleistet haben.

SPORT1: Welche Chancen räumen Sie den Schleck-Brüdern bei der Tour ein?

Gerdemann: Sehr große. Andy hat schon letztes Jahr gezeigt, dass er es in einer Top-Verfassung drauf hat, Alberto Contador und jeden anderen zu schlagen. Ich glaube schon, dass er und auch Fränk in der Lage sind, jeden Gegner zu fordern, gerade am Berg.

SPORT1: Wie hat man sich das Verhältnis der beiden Brüder vorzustellen, die ja auch um die Vormachtstellung im Team kämpfen?

Gerdemann: Da ist bei weitem keine Konkurrenz zu spüren. Die beiden sind beste Freunde, gehen auch immer zusammen auf ein Zimmer. Sie ziehen voll an einem Strang. Es gibt bei uns keine Machtspielchen.

SPORT1: Der positiv getestete Contador ist wieder voll im Geschäft, hat zuletzt den Giro gewonnen. Wie sehen Sie sein fortwährendes Engagement im Radsport?

Gerdemann: Schwer zu beurteilen, das ist eine sehr komplexe Sache. Ich bin ja letztes Jahr den Giro gefahren und weiß wie strapaziös das ist. Mal schauen, ob er bei der Tour, gerade in der letzten Woche, noch in der Verfassung ist, um den Sieg mitzufahren. Wenn er sie denn wirklich fährt.

SPORT1: Davon ist wohl auszugehen. Der Sportgerichtshof CAS fällt sein Urteil erst nach der Tour. Wäre es Ihnen lieber, es hätte vorher Klarheit gegeben?

Gerdemann: Definitiv. Ich denke, jeder hätte sich gewünscht, dass das Urteil im Vorfeld der Tour gefallen wäre. Leider ist das nicht der Fall, also müssen wir abwarten, was passiert. Nicht nur im Radsport, sondern im Sport allgemein benötigt man meines Erachtens schnellere Urteile, damit sich so etwas nicht über Monate oder im schlimmsten Fall sogar Jahre hinzieht. Das ist für keine Sportart förderlich.

SPORT1: Ihr Teamkollege Wouter Weylandt ist beim Giro tödlich verunglückt. Was hat das bei Ihnen ausgelöst, gehen Sie seitdem anders in ein Rennen?

Gerdemann: Nein, ich glaube, das darf man nicht. Man muss sich über die Gefahr im Klaren sein, aber man muss auch sein Leben leben. Das hat ja nicht nur mit dem Radsport etwas zu tun. Angesichts solch tragischer Unfälle wird einem immer wieder bewusst, wie schnell das Leben ein Ende finden kann. Ich halte mir vor Augen, dass man jeden Tag genießen sollte.

SPORT1: Dennoch: Würde es aus Ihrer Sicht Sinn machen, die Streckenprofile zu entschärfen oder bessere Sicherheitsvorkehrungen zu treffen?

Gerdemann: Ich war beim Giro nicht vor Ort. Aber soweit ich gehört habe, war gerade diese Abfahrt nicht extrem gefährlich. In jeder Sportart gibt es ein gewisses Restrisiko. Das gehört nun mal dazu. Was passiert ist, ist natürlich tragisch. Jeder Veranstalter sollte die Risiken möglichst minimieren, aber die Abfahrten müssen wir nun mal runter.

SPORT1: In Deutschland streben einige junge Talente nach oben wie Tony Martin oder John Degenkolb. Sehen Sie den deutschen Radsport auf einem guten Weg?

Gerdemann: Auf jeden Fall. Wir haben gerade international in diesem Jahr schon sensationell viele Erfolge eingefahren. Es wäre einfach wünschenswert, wenn das in der breiten Medienlandschaft berücksichtigt werden würde und die Berichterstattung über den Radsport in Deutschland positiv wäre.

SPORT1: Sie sehen also Vorteile in anderen Ländern, die das Thema Doping weniger kritisch sehen?

Gerdemann: Man soll das durchaus kritisch sehen. Ich bin kein Freund davon, alles schönzureden. Der Radsport hat ein massives Problem, und er hatte noch ein viel größeres Problem. Darüber darf und soll man auch gerne kritisch Bericht erstatten. Aber das Gleichgewicht muss eben stimmen. Wenn nur noch über Dopingfälle berichtet wird, und kaum über sensationell gute Erfolge deutscher Rennfahrer, dann ist das nicht gegeben. Das ist es, was ich kritisiere: Der Sport sollte irgendwann wieder in den Vordergrund rücken. Bei den aktuell guten Ergebnissen sollten sich deutsche Journalisten vielleicht einmal wieder auf den Sport fokussieren.

SPORT1: Viele sagen, der Radsport in Deutschland sei nach den andauernden Doping-Diskussionen tot. Glauben Sie, dass es überhaupt möglich ist, je wieder den Status der Jan-Ullrich-Zeiten zu erlangen?

Gerdemann: Definitiv. Kurzfristig wird das zwar nicht der Fall sein. Aber ein Rennen wie gerade in Berlin hat gezeigt, dass eine gewisse Radsportbegeisterung da ist. Dort war ein extremer Zuschauerzuspruch. Die Deutschen sind begeisterungsfähig, was den Radsport betrifft, Potenzial ist da. Man muss allerdings längerfristig Vertrauen zurückgewinnen und Aufbauarbeit leisten. Das geht nicht von heute auf morgen.

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