vergrößernverkleinern
Jens Voigt feierte in seiner Karriere zwei Etappensiege bei der Tour © imago

Im SPORT1-Interview spricht Jens Voigt über seine 14. Tour de France, die Schlecks und Contador.

Von Tobias Wiltschek

München - Er gehört zu den Dauerbrennern der Tour de France. (423786DIASHOW: Die Etappen-Profile)

Am kommenden Samstag nimmt Jens Voigt zum 14. Mal die große Schleife in Angriff.

39 Jahre hat der gebürtige Mecklenburger mittlerweile auf dem Buckel. Doch die Strapazen der Frankreich-Rundfahrt nimmt er immer noch gerne in Kauf.

Denn die Tour de France sei schließlich "das Champions-League-Finale des Radsports", sagt Voigt im Interview mit SPORT1. "Und wer dahin fahren darf, darf behaupten, dass er ein guter Fahrer ist."

Bei SPORT1 spricht der Berliner außerdem über seine besondere Beziehung zu den Brüdern Fränk und Andy Schleck (Bericht), den tödlichen Unfall seines Teamkollegen Wouter Weylandt und die Affäre um Tour-Favorit Alberto Contador.

SPORT1: Sie haben mit 39 Jahren noch einmal den Rennstall gewechselt. Wie gefällt es Ihnen bei Ihrem neuen Team Leopard-Trek?

Jens Voigt: Ich bin hier sehr glücklich und freue mich jeden Tag aufs Neue über die Entscheidung, dass ich hier gelandet bin.

SPORT1: Was hat den Ausschlag für den Wechsel gegeben?

Voigt: Das war die Freundschaft zu den Schleck-Brüdern. Mit denen bin ich durch dick und dünn gegangen. Wir haben Survival-Camps zusammen gemacht, mit ihnen bin ich die Tour mehrmals gefahren. Wir haben zusammen verloren, sind zusammen gestürzt, sind zusammen bei Sonne und Regen gefahren. Wir sind sehr gute Freunde.

Diese gemeinsamen Jahre hätte ich nicht einfach wegwischen können, nach dem Motto: "Ok, Sckleckies. Macht's gut. Hallo Alberto, du bist mein neuer Freund, ich fahre jetzt für dich". Wir haben all die Jahre versucht, bei der Tour Alberto Contador zu schlagen. Ich persönlich hätte es nicht gekonnt, diese Jahre, in denen wir gemeinsam gelacht und geweint haben, einfach zu vergessen.

SPORT1: Haben die Schleck-Brüder auch eine Rolle gespielt bei Ihrem Entschluss, noch einmal die Tour de France zu fahren?

Voigt: Die Schleckies sind ihre erste Tour gefahren, als ich auf dem Höhepunkt meiner Leistungsfähigkeit war. Da haben sie zu mir aufgeschaut und gemeint: "Jens, wie machst du das? Das ist ja beeindruckend." Da waren die noch kleine Jungs, jetzt sind sie Superstars, und ich versuche ihnen zu helfen, die Tour zu gewinnen. Außerdem sind sie noch nie die Tour de France ohne mich gefahren. Deshalb war es für die Jungs klar, dass ich wieder mitkomme. Ich selbst war nicht ganz so sicher. Ich war schon optimistisch, dass ich es schaffen würde, aber die Garantie gibt es für keinen.

SPORT1: Warum tun Sie sich diese Strapazen noch einmal an?

Voigt: Man ist, was man ist. Ich bin jahrelang mit dieser Belastung groß geworden. Nach zirka 30 Jahren Radfahrerleben sind auch Bergwertungen nichts Neues mehr für mich. Ich bin auch immer wieder überrascht, wie Leute bei 35 Grad ins Büro gehen können. Da frage ich mich: "Wie machen die das, wie halten sie es aus, acht Stunden im Büro zu sitzen, ohne einzuschlafen? Oder wie schaffen es die Schüler, bei knallender Hitze zu lernen?" Jeder wächst mit der Aufgabe, die er hat.

SPORT1: Welche Bedeutung hat für Sie persönlich die Tour-Teilnahme?

Voigt: Die Tour de France ist nicht nur Belastung, sie ist auch eine Auszeichnung. Das ist das Champions-League-Finale des Radsports. Wer dahin fahren darf, darf behaupten, dass er ein guter Fahrer ist. Ich behaupte das gerne von mir. Von daher ist man auch stolz auf die Herausforderung und das Abenteuer. In meinen Augen überwiegen bei weitem die positiven Aspekte.

SPORT1: Wie haben Sie sich auf Ihre 14. Tour vorbereitet?

Voigt: Ich merke selbst, dass sich meine Aufgabenstellung verändert hat. Ich bin keiner mehr, der Etappen-Siege einfahren soll, sondern einer, der arbeitet. Um es bildlich auszudrücken, hatte ich meine Zeiten, in denen ich vom Soldaten zum Oberst geworden bin, und jetzt bin ich wieder Soldat. Ich hatte meine Zeiten, in denen ich von der Hilfe anderer Fahrer profitiert habe. Jetzt schließt sich der Kreis. Für mich ist es an der Zeit, auch etwas zurückzuzahlen. Meine Aufgabe ist es, Tempo zu fahren, Gruppen zurückholen und das Rennen zu kontrollieren. Deshalb werden in der Vorbereitung auch andere Prioritäten gesetzt. Ich muss jetzt zwei, drei Stunden lang Tempo fahren können.

SPORT1: Ihr Teamkollege Wouter Weylandt ist beim Giro d'Italia nach einem Sturz gestorben. Wie sind Sie mit dieser Nachricht umgegangen?

Voigt: Das war schon ein Schock. Ich habe es gar nicht live verfolgt, weil ich mit den Kindern beschäftigt war. Mein Vater rief mich an und meinte: "Mensch, guck doch mal Videotext. Da steht irgendwas. Der fährt doch bei euch." Nachdem ich gelesen hatte, dass es tatsächlich ein tödlicher Sturz war, habe ich erst einmal alle zu Hause umarmt - meine Kinder, meine Frau - und ihnen gesagt, dass ich sie liebe. Ich dachte, vielleicht ist es der letzte Moment, wo ich es ihnen sagen konnte. Man weiß ja nie. Das zeigt einem ja, wie schnell es jeden erwischen kann.

SPORT1: Ihre Entscheidung, bei der Tour zu starten, hat das aber nicht beeinflusst?

Voigt: Nein, man ja kann auch auf dem Weg zum Zigaretten holen überfahren werden. Ich hatte den Jungs aber geraten, dass sie nicht weiterfahren sollten. Wir hatten auch zwei Deutsche in der Mannschaft dabei - Dominik Klemme und Fabian Wegmann. Wegmann war auch der Zimmernachbar von Wouters. Da kann man nicht weiterfahren. Morgens beim Taschenpacken reißt man noch Witze, fährt zusammen mit dem Teambus zum Rennen, und der Zimmerpartner kommt niemals wieder. Das war schon richtig, dass da alle eine kurze Ruhephase eingelegt haben. Aber man muss dann auch versuchen, sein Leben weiterzuleben.

SPORT1: Auch vor der diesjährigen Tour ist das Thema Doping in aller Munde, vor allem wegen des Starts von Alberto Contador. Nicht nur die meisten Fans, auch einige Fahrer votierten für den Ausschluss des Spaniers. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Voigt: Wir leben ja nun in einer Demokratie. Und da es kein offizielles Urteil gegen ihn gibt, gibt es auch keinen offiziellen Grund, ihn nicht einzuladen. Dass ich dazu eine eigene Meinung habe, ist ja so klar wie Kloßbrühe. Offiziell kann man nichts sagen; es sei denn, man möchte eine Rufmordklage am Hals haben. Tut mir leid, da muss ich mich zurückhalten. Was ich an dem Fall so haarsträubend finde, ist, dass es elf Monate dauert und noch keine Entscheidung gefunden ist. Wie zum Geier ist das möglich? Elf Monate. Arbeitet da keiner? Macht da keiner was? Wir alle wollen nur eine klare deutliche Aussage: Ja oder Nein.

SPORT1: Inwiefern hat die Contador-Affäre die Bemühungen des Profi-Radsports um mehr Transparenz und Akzeptanz geschadet?

Voigt: Die Contador-Affäre ist doch transparenter und öffentlicher als irgendetwas anderes. Die letzte Geschichte, die so sehr in aller Munde war, war der Tod von Lady Diana, als jeden Tag etwas in der Zeitung stand. Aber es hilft keinem, dass die Geschichte schon so lange kocht. Ein positiver Fall ist niemals ein schönes Ereignis, aber es zeigt, die Kontrollen greifen und funktionieren. Das ist wiederum ein positives Signal. Wo nicht getestet wird, wird auch nicht erwischt.

SPORT1: Abgesehen von der Tour ist es um Sie zuletzt etwas ruhiger geworden. Täuscht der Eindruck oder bereiten Sie sich dann doch so langsam auf die Rente vor?

Voigt: Man muss ja kein Atomphysiker sein, um zu erkennen, dass ich nicht mehr 30 Jahre alt bin und nicht mehr so stark wie früher. Ich meine, ich kann ja nicht mehr zehn Radrennen gewinnen. Ich bin 39. Eigentlich ist es eine Schande, dass ich noch Profi bin und die Jungen noch nicht gesagt haben: "Alter Mann, wir mögen dich ja gerne, aber geh mal nach Hause." An sich ist ja mein Verbleib in meinem Alter im Profi-Radsport ein Armutszeugnis für die jüngeren Fahrer, die nicht in der Lage sind, schneller oder besser zu sein als ich.

Letztes Jahr war ich immerhin der Profi mit den meisten Renntagen. In den Ergebnislisten wird es ruhiger um mich. Da muss ich Ihnen zustimmen. Jetzt habe ich aber erst einmal den Kopf mit der Tour voll. Und am ersten oder zweiten Ruhetag der Tour spreche ich mit der Mannschaft, wie wir weiter vorgehen.

SPORT1: Mit der 15. Teilnahme an der Tour könnten im nächsten Jahr Erik Zabel als deutschen Rekord-Teilnehmer ablösen. Wäre das noch ein letztes Ziel für Sie?

Voigt: Das ist der allerunwichtigste Rekord der Welt. Ich wäre gerne Rekordhalter für die meisten Etappensiege, für die meisten Tage im Gelben Trikot, die meisten Tour-Siege. Das wären Rekorde, auf die ich stolz wäre. Aber die meisten Teilnahmen. Was ist denn das für ein Rekord? Das Ziel in diesem Jahr ist, einen der beiden Schleckies in Gelb nach Paris zu bringen.

Zum Forum - jetzt mitdiskutieren! Zurück zur Startseite

teilentwitternteilenE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel