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Jan Ullrich (l.) hat 1997 die Tour de France gewonnen © getty

Der einzige deutsche Tour-Sieger entdeckt seine Liebe für den Radsport neu und stößt bei alten Weggefährten auf Zustimmung.

Dinan - Jan Ullrich will seinen Frieden mit dem Radsport schließen. Der einzige deutsche Tour-de-France-Sieger möchte zurückkehren, in welcher Funktion ist noch offen.

"Aus der großen Liebe Radsport wurde eine Zeit lang eine Art Hass-Liebe. Aber diese großartige Sportart entwickelt sich gerade wieder zur großen Liebe", sagte der 37-Jährige.

Ullrich wagte mit dieser Ankündigung einen ersten Schritt zurück in die Öffentlichkeit. Seine einstigen Weggefährten im Radsport begrüßen die Absicht.

"Ich finde, es ist ein sehr guter Ansatz, ein sehr guter Weg", sagte Rolf Aldag in Dinan. Aldag gehörte 1997 dem Team Telekom an, das Ullrich bei der Tour zum Triumph verhalf. (425304DIASHOW: Die Bilder der Tour 2011)

Rückzug nach Dopingvorwürfen und Burn-out-Syndrom

2006 war der gebürtige Rostocker mit dem mutmaßlichen Dopingarzt Eufemiano Fuentes in Verbindung gebracht worden. Ullrich, der stets Doping bestritt, schweigt bis heute zu den Vorwürfen.

Nachdem er im Sommer vergangenen Jahres nach eigenem Bekunden an einem Burn-out-Syndrom gelitten hatte, zog er sich aus der Öffentlichkeit zurück.

Jetzt gehe es ihm so gut, dass er sich "neu strukturiere", sich "neue Aufgaben" suche, sagte er der "Bild".

Ausnahmetalent ohne Halt

Ullrich, der als Ausnahmetalent seiner Generation galt und dem viele mehr als nur den einen Tour-Sieg zutrauten, hatte in den letzten Jahren immer wieder Probleme. Seit seinem Rücktritt aus dem Radsport am 26. Februar 2007 suchte er nach Halt.

Die Erkrankung war die Folge. "Ich hatte wohl zu wenig Ausgleich und zu viel Ärger. Ich musste plötzlich mit dem Radfahren aufhören und habe nicht abtrainiert. Ich konnte mich nicht mehr aufs Rad setzen. Mir ging es immer schlechter. Es war wohl ein Teufelskreis", sagte er.

Inzwischen hat sich Ullrich gefangen, dank seiner Familie.

Familiärer Rückhalt

Seine Frau Sara und die drei Kinder haben ihm die Stärke zurückgegeben. "Was man so hört, ist er total glücklich mit ihnen", sagte auch Rolf Aldag, der Ullrich seit 2006 nicht persönlich getroffen hat.

Die Leidenschaft für seinen einstigen Lebensinhalt hat das frühere deutsche Idol offenbar wieder gepackt, Ullrich sitzt wieder regelmäßig auf dem Rad.

Verständnis bei Zabel

Auch Ex-Teamkollege Erik Zabel verwundert nicht, dass es den Olympiasieger von 2000 zurückzieht.

"Ich kann gut nachvollziehen, dass Jan diesen Wunsch hat. Es ist oft so, dass du dir nach deinem Karriere-Ende über eines bewusst bist: Dass du so schnell nichts wieder so gut können wirst, wie das, was du gemacht hast", sagte Zabel, der auch zum 97er Aufgebot zählte.

Für Aldag sei allerdings ausgeschlossen, dass Ullrich eines Tages als sportlicher Leiter im Peloton auftauchen werde. (423786DIASHOW: Die Etappen-Profile 2011)

"Er kann Impulse setzen"

"Ich kann mir nicht vorstellen, dass er wieder 200 Tage im Jahr aus dem Koffer leben will", sagte der Sportdirektor des Rennstalls HTC-Highroad.

Sicher ist sich Aldag indes, dass der Radsport vom Wahl-Schweizer profitieren könne. "Er kann Impulse setzen". Ullrich sagte "radsport-news.com", er könne sich gut vorstellen, "dem Nachwuchs eine Chance zu ermöglichen".

Auch für Ullrichs Psyche seien seine Absichten positiv. "Es ist wichtig, nicht mit Enttäuschung und Frust zurückzublicken. Nicht das Gefühl zu haben, du hast das Leben mit etwas verschwendet, wofür du das Wort Hass verwendest", sagte Aldag.

"Diese Intensität hast du als Zivilist nicht mehr"

Zabel meint, dass Ullrich wohl den Nervenkitzel ein wenig vermissen könnte.

"Als Rennfahrer hast du diese enormen Höhen und Tiefen an täglichen Kicks. Ob es ein Erfolg oder Misserfolg ist. Diese Intensität hast du als Zivilist nicht mehr", sagte der zwölfmalige Tour-Etappensieger und sechsmalige Gewinner des Grünen Trikots.

Schwebendes Verfahren vor dem CAS

Der Fuentes-Fall könnte Ullrich aber noch einmal Probleme bereiten. Zunächst hatte er sich im Jahr 2008 mit der Staatsanwaltschaft Bonn auf Einstellung der Ermittlungen geeinigt.

Ullrich verpflichtete sich zur Zahlung einer sechsstelligen Summe für gemeinnützige Zwecke. Der Radsportweltverband UCI hatte das schwebende Verfahren per Einspruch aber vor dem Internationalen Sportgerichtshof CAS gebracht.

Auf dessen Entscheidung wird weiter gewartet. "Die CAS-Diskussion könnte für ihn noch immer in einer Strafe enden", sagte Aldag.

Ullrichs neue Pläne wird sie aber wohl nicht aufhalten.

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