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Johnny Hoogerland hat trotz seinem Horror-Sturz das Gepunktete Trikot übernommen © imago

Nachdem ein Fahrzeug zwei Fahrer auf skandalöse Weise vom Rad geholt hat, ist dIe Tour-Sicherheitsdebatte in vollem Gange.

Saint-Flour - Knochenbrüche, Prellungen und tiefe Schnittwunden: Die ersten neun sturzreichen Tage der 98. Tour de France haben grobe Schrammen am sportlichen Glanz der Frankreich-Rundfahrt hinterlassen.

Kaum ein Fahrer, der bisher ohne Zwischenfall durch das Rennen gekommen ist. Der Kreis der Favoriten ist durch Ausfälle stark dezimiert, andere Top-Fahrer gehen mit Blessuren in die schweren Bergetappen der Pyrenäen. (428286DIASHOW: Die Bilder der Tour)

Pünktlich zum ersten Ruhetag ist deshalb eine lautstarke Debatte um die Sicherheit bei der Tour de France entbrannt.

"Wir können froh sein, dass wir am Leben sind", sagte der Niederländer Johnny Hoogerland (Vacansoleil) nach einem der skandalösesten Unfälle der Tour-Geschichte.

Hoogerland landet im Stacheldraht

Trotz anderslautender Anweisungen hatte ein Fahrzeug des französischen Fernsehens zum Überholen einer fünfköpfigen Ausreißergruppe angesetzt und dabei den Spanier Juan Antonio Flecha gerammt.

Der Fahrer vom Team Sky riss Hoogerland im Fallen mit, der überschlug sich spektakulär, landete in einem Stacheldrahtzaun und erlitt tiefe Schnittwunden.

Hoogerlands Sturz rief nicht wenigen den Tod des Belgiers Wouter Weylandt beim diesjährigen Giro d'Italia in Erinnerung, und entsprechend heftig fielen die Reaktionen im Peloton aus.

"Fürchterlich, inakzeptabel, skandalös"

"Fürchterlich", "inakzeptabel" und "skandalös" waren einige der häufig gehörten Vokabeln. "Da treffen 2000 Kilo auf 65 Kilo. Ich bin die Tour zehn Mal nacheinander gefahren, ohne das sowas passiert ist", sagte Routinier Jens Voigt (Leopard Trek).

Auch die Offiziellen waren entsetzt, dem Fahrzeug wurde noch am Sonntagabend die Akkreditierung entzogen.

"Nicht zu tolerieren" seien diese Vorfälle, sagte Tour-Direktor Christian Prudhomme. Bereits auf der fünften Etappe hatte das Motorrad eines Fotografen den Dänen Nicki Sörensen (Saxo Bank) von Rad geholt, dieser blieb glücklicherweise unverletzt.

Massencrash in der Abfahrt

Am Sonntag war es zuvor auf leicht feuchtem Asphalt bei der Abfahrt vom Col du Pas de Peyrol zu einer weiteren Sturzserie bei der Tour 2011 gekommen. (425304DIASHOW: Die erste Woche der Tour de France)

Mit zu hohem Tempo ging das Feld in eine enge, unübersichtliche und nicht entsprechend gekennzeichnete Kurve. Ein Sturz an der Spitze des Feldes sorgte für einen Massencrash.

"Überall lagen die Jungs, einige kamen aus den Büschen rausgekrochen", beschrieb der Niederländer Robert Gesink, selbst bereits Opfer eines Sturzes, die Szenerie. Als "sehr, sehr beängstigend" bezeichnete nicht nur Mitfavorit Cadel Evans (Australien/BMC Racing) den Vorfall.

Winokurow: "Hätte noch schlimmer enden können"

Der Kasache Alexander Winokurow versuchte den ersten stürzenden Fahrern auszuweichen, fiel dabei einen ungesicherten Abhang runter und prallte mit dem Bein gegen einen Baum.

"Das Einzige, was mich aufmuntert, ist der Gedanke, dass es durchaus noch schlimmer hätte enden können", sagte der Kapitän vom Team Astana, der sich einen Bruch des rechten Oberschenkelkopfes zuzog.

Der belgische Mitfavorit Jürgen van Den Broeck (Omega Pharma-Lotto) erlitt bei dem Unfall einen Bruch des Schulterblatts sowie ein Thoraxtrauma und Rippenbrüche.

Entscheidungen durch Stürze

Statt in packenden Duellen auf der Straße sind erste Entscheidungen im Kampf um die Spitzenplätze durch Stürze vorweggenommen worden. (DATENCENTER: Ergebnis 9. Etappe)

Den Briten Bradley Wiggins (Sky) erwischte es am Freitag, auch Chris Horner (USA) und Janez Brajkovic (Slowenien/beide RadioShack) fielen bereits aus.

Titelverteidiger Alberto Contador ging am Sonntag schon zum vierten Mal zu Boden und fiel dabei auf das bereits lädierte rechte Knie.

Contador in Sorge

"Es ist eine komplizierte Tour mit Unfällen und Pech. Ich mache mir ein wenig Sorgen, denn schon in den vergangenen Tagen hatte ich ein paar Probleme am selben Knie. Aber ich muss optimistisch bleiben", sagte der Spanier.

Kritik wird von vielen Seiten an den teils zu engen und qualitativ nicht immer besten Straßen laut.

"Das ist ein krasser Unterschied zu den letzten Jahren", sagte die deutsche Tour-Hoffnung Tony Martin (Cottbus/HTC-Highroad), der auch in den Massencrash involviert war, dabei aber lediglich Schürfwunden am linken Knie davontrug.

"Risiko kann kaum noch gesteigert werden"

"Ich möchte mir nicht vorstellen, was passiert wäre, wenn es geregnet hätte", ergänzte Mitfavorit Frank Schleck (Luxemburg/Leopard Trek).

Die Bedenken vor weiteren Unfällen auf den waghalsigen Abfahrten in den Pyrenäen und Alpen sind groß (423786DIASHOW: Die Etappen-Profile). Anlass zur Panik gebe es aber nicht.

"Das Risiko kann kaum noch gesteigert werden. Man darf aber auf keinen Fall in den Angststatus verfallen, dann trifft man falsche Entscheidungen", sagte Voigt.

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