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Tony Martin (l., mit Rolf Aldag) fährt seit 2008 für das Team HTC Highroad © dpa Picture Alliance

Trotz großer Erfolge findet das T-Mobile-Nachfolger-Team keinen potenten Sponsor. Die Doping-Thematik schreckt ab.

München - Auf der Straße stehen sie noch nicht. Die Verträge laufen bis Ende des Jahres.

Doch Tour-Etappensieger Tony Martin und Jungstar John Degenkolb werden jetzt verstärkt nach einem neuen Arbeitgeber suchen (BERICHT: Martin ohne Job: Rennstall am Ende), ebenso Teamchef Rolf Aldag oder Berater Erik Zabel.

Ihr bisheriger Rennstall, die seit Jahren äußerst erfolgreiche Mannschaft Highroad, stellt den Betrieb ein, weil keine Sponsoren mehr da sind.

"Es ist an der Zeit, unsere Leute gehen zu lassen", sagte Besitzer Bob Stapleton.

Ohne Sponsor keine Zukunft.

Aldag zuversichtlich

"Wir mussten irgendwann sagen, es geht einfach nicht mehr weiter. Das war eine sehr bewusst getroffene Entscheidung", sagte Teamchef Aldag.

"Das Tagesgeschäft", ergänzte er, "läuft ja erst mal weiter, erst wenn dann alle Lkw ausgeladen sind, werde ich einen dicken Klos im Hals haben."

Um die Fahrer macht sich Aldag keine Sorgen, "keiner wird in der Versenkung verschwinden", auch was das Personal angeht, seien "bis auf einen Mechaniker und einen Masseur schon alle untergebracht", versicherte er.

Cavendish zieht es zu Sky

Am leichtesten dürfte die Suche nach einem neuen Arbeitsplatz Supersprinter Mark Cavendish fallen.

Der Engländer, der insgesamt 20 Tour-Etappen gewonnen hat und in diesem Jahr auch das Grüne Trikot, wird seit geraumer Zeit ohnehin schon mit dem Sky-Team in Verbindung gebracht.

Stapleton bestritt, dass der drohende Abgang von Cavendish sich auf die am Ende erfolglosen Bemühungen um neue und potente Geldgeber ausgewirkt habe.

"Das war kein entscheidender Faktor bei der Suche nach einem neuen Sponsor", sagte der Amerikaner.

Große Teams haben 20 Millionen-Budget

Zwei andere Faktoren dürften das Ende für Stapletons Rennstall beschleunigt haben. Der Amerikaner beklagte zum einen den "Aufstieg der Superteams, die ein Budget jenseits von 20 Millionen Euro" hätten.

HTC-Highroad sei dadurch in eine Zwickmühle geraten: "Du willst, dass dein Team weiter auf einer Führungsebene in diesem Sport ist, und dafür benötigst du substantiell mehr Geld."

Dieses Geld könne er eben nicht mehr aufbringen, sagte Stapleton. Und somit sei es besser, jeden eigene Wege gehen zu lassen und Erfolg zu haben.

"Keine Sicherheit wie bei Bayern München"

HTC zahlte zuletzt zehn Millionen Euro.

"Welche große Sponsor ist im Radsport denn in den letzten Jahren noch dazugekommen, das beschränkt sich auf Sky, alles andere ist weitestgehend Gönnertum und hat nichts mit Sponsoring zu tun", sagte Aldag mit Blick auf Rennställe wie BMC oder Leopard Trek. (BERICHT: Gerüchte um deutschen Sponsor bei HTC)

Sponsoren täten sich schwer, ergänzte der ehemalige Profi, "im Radsport gibt es keine Sicherheit wie bei Bayern München", und dann sei da noch das Thema Doping: "Viele potentielle Geldgeber schreckt das extrem ab", betonte Aldag.

Hemmnis Doping-Verdacht

Auch Stapleton, Vorkämpfer für einen sauberen Radsport, sah Doping als weiteres Hemmnis bei den Verhandlungen mit Sponsoren an.

Es habe "keine einzige Diskussion mit einem potenziellen Sponsor gegeben", berichtete er, in der nicht über den weiter aktuellen Fall des Spaniers Alberto Contador oder die offizielle Untersuchung des ehemaligen Rennstalls US Postal um Lance Armstrong gesprochen worden sei. "Das war ein Faktor in den Augen aller."

Stapleton versuchte zu retten, was in der Tat noch zu retten schien, doch innerhalb weniger Tage musste er seine Pläne in den Reißwolf stecken.

Team-Fusion gescheitert

"Es gab sieben Mannschaften", berichtete er, "die uns einen Zusammenschluss angeboten hatten, und eine Vereinbarung mit einem neuen Partner schien sicher zu sein."

Dann aber bekam Stapleton am Sonntag, ausgerechnet während der Feier zum 50. Geburtstag seiner Frau, einen Anruf: kein Deal.

Und in der Nacht zum Donnerstag senkte auch der taiwanesischen Smartphone-Hersteller HTC den Daumen.

HTC mit großer Erfolgsbilanz

Dennoch erstaunlich, dass ausgerechnet HTC-Highroad, hervorgangen aus dem ehemaligen T-Mobile-Rennstall, keine neuen, zahlungskräftigen Unterstützer fand.

Die Mannschaft um Cavendish, der schon seit Beginn seiner Profikarriere 2007 für Stapleton fuhr, war in den vergangenen Jahren immerhin eine der weltbesten.

Seit seiner Gründung von Highroad im Jahr 2008 gewannen die Fahrerinnen und Fahrer des Teams 484 Rennen, davon 54 Etappen bei den drei großen Rundfahrten Tour de France, Giro d'Italia und Vuelta (Spanien).

Mehrere Deutsche betroffen

Von der Auflösung von Highroad sind gleich mehrere Deutsche betroffen: Neben Teamchef Aldag und Berater Zabel vor allem die Fahrer Martin, der bei der Tour 2011 das Einzelzeitfahren in Grenoble gewann, sowie Nachwuchssprinter Degenkolb und Ex-Zeitfahrweltmeister Bert Grabsch.

Zeitfahrspezialist Patrick Gretsch wurde mittlerweile als Zugang bei Skil-Shimano bestätigt.

Zum Frauenteam von Highroad gehörten bisher die Straßen-Weltmeisterin von 2004, Judith Arndt, Charlotte Becker und Ina-Yoko Teutenberg.

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